In der Rumpelkammer der Geschichte – Richards Wagners „Siegfried“ in Karlsruhe


(nmz) -
Bei der Herstellermarke „Vierer“-Ring gibt es für die jeweiligen Regisseure der einzelnen Teile den großen Vorteil, dass sie nicht auf die passenden Anschlussstücke achten müssen. Ganz gleich welcher Wotan wo auch immer seine aufmüpfige Lieblingstochter Brünnhilde (am Ende der „Walküre“) zum Straf-Schlafen verdonnert und mit einem Feuerchen schützt, damit nicht jeder dahergelaufene Depp sie wecken und zur Frau nehmen kann. Sie kann im „Siegfried“ aufwachen, wo sie will.
12.06.2017 - Von Joachim Lange

Wenn wie jetzt in Karlsruhe das isländisch-litauische Duo Thorleifur Örn Arnarsson und Vytautas Narbutas den Regie- und Bühnen-Staffelstab vom Amerikaner Yuval Sharon und dem Deutschen Sebastian Hannak übernehmen, dann kann Brünnhilde am Ende der „Walküre“ tiefgefroren werden, um im „Siegfried“, sozusagen taufrisch, als die blondbezopfte Heidi von der Alm einfach so aus der Versenkung auftauchen, ohne dass jemand in Erklärungsnotstand gerät.

Wobei man sich einen ausgedehnten Moment fragt, ob sie überhaupt auftaucht und nicht nur eine Imagination des am Tisch vor sich hin träumenden Siegfried bleibt. Irgendwann steht er doch auf und bettet seinen Heldenkopf an den wogenden Busen der von Sunneva Ása Weisshappel seltsam folkloristisch gewandeten, rein optisch aber ganz gut zum ihm passenden Superfrau, die er im ersten Moment für seine Mutter hält.

Siegfrieds träumerischer Ausstieg aus der Geschichte fällt selbst aus dem Rahmen der auch sonst eher statischen Personenregie. Da gibt es im Hintergrund nur diverse Videoeinspielungen – so zwischen Flug über die Bergeshöhen Richtung Felsen und Assoziativem über Fliegen, Gewänderwallen und Verschmelzen im Bildschirmschoner-Look.

Ist das überstanden, legen Siegfried und Brünnhilde allerdings ein schlichtweg phänomenales Liebesduett hin. Erik Fenton mit Kraftreserven über die man nur staunen kann. Er hat sich in diesem Marathon inzwischen restlos eingesungen. Kein Wunder, hat er doch zwischendurch immer wieder zur Wasserflasche gegriffen. Die Klarheit und durchschlagende Leuchtkraft hatte man von Heidi Melton nicht anders erwartet. Und sie hat ohne Abstriche geliefert. Da treffen sich die beiden in, respektive auf der Höh’ von der sie zuweilen auch singen. Das macht vergessen, dass Sie als Folklore-Vollweib aus dem Nichts auftaucht und Er sich nach seinem Nickerchen plötzlich vergleichsweise erwachsen benimmt. Dass sich nach den letzten in den Saal geschmetterten Tönen das über den beiden schwebende Kuppelgerippe wie eine Käseglocke über die beiden senkt, ist dann auch schon egal. Und hat eh keine ringinternen Folgen, weil für die „Götterdämmerung“ Tobias Kratzer übernimmt.

Bleibt also nicht die Frage nach dem großen Bogen, wohl aber die nach dem stimmigen Teil-Stück. Und da, die nach der dritten Norn etwa. Die Nornen kommen zwar eigentlich nur im Text (von Erda) und nicht auf dem Besetzungszettel vor, aber hier sind sie mit von der Partie, wenn sich Wotan und Erda Dinge fragen und Sachen an den Kopf werfen, wie das nur langjährige Paare zu machen pflegen. Vielleicht hat sich die Dritte im Kühlschrank, in der Standuhr oder in irgendeinem Winkel dieser so herrlich vollgerümpelten Einheits-Wunderbühne versteckt. Dass der Waldvogel gleich mit zwei turnlustigen Begleiterinnen aus dem Schnürboden einschwebt und der Hornist Dominik Zinsstag wie ein rausgeputzter Papageno aus der Standuhr stolpert, um mit Witz und Präzision seines Bläser-Amtes zu walten, gleicht die fehlende Norn nur rechnerisch, aber nicht logisch aus.

Gut nachvollziehbar sind die beiden Assistenten Wotans. Sie gehören zu dem Personal, mit dem gemeinsam er in einem Verschlag rechts neben der Bühne an einem alten Schreibtisch und sieben Kontrollmonitoren (aus der Zukunft?) das Leben der Anderen überwacht. Bei Bedarf schickt er sie – konspirativ als Raben getarnt – zum Lausch-Einsatz vor Ort. Er zieht aber auch selbst los. Zur Wissenswette mit Mime etwa. Dem gibt er sogar deutliche Hinweise auf jene Frage nach dem Schwert-Schmieder, die ihm nützen würde, indem er immer wieder mit dem Fuß mit den Schwertbruchstücken spielt. Mehr kann man kaum verlangen. Aber es klappt eben bei Wotan auch da nicht, sich gleichsam selbst auszutricksen.

Der Clou ist das Bühnenbild

Was von diesem „Siegfried“ in Erinnerung bleiben wird, ist nicht die recht magere Personenregie. Der Clou ist das Bühnenbild. Eine Art Rumpelkammer der Geschichte. Oder auch der Wagnerschen Erzählungen davon. Der Meister selbst ist natürlich auch als Büste auf dem Klavier mittendrin. Nebst einem Fundus an Kostümen, Rüstungen, Kronen, Waffen und Wappen. Auch eine rote Couch findet sich und ein Tisch mit Stuhlgarnitur, an dem gelegentlich Schach gespielt wird. Mit sich selbst (wie Wotan oder Alberich) oder gegeneinander wie die beiden Nibelungenbrüder. Hier waltet eine verspielte Detail-Opulenz, die Freude macht. Über diesem großen Rumpelkammer-Salon befindet sich eine Balustrade von der aus die Raben lauschen und darüber (als wärs der Reichstag) eine Kuppel – Walhall lässt grüßen, bzw. Björn Bergsteinn Guðmundsson das Kuppelgerippe leuchten –, wenn Wotan mit seiner (angeblichen) Macht bei Mime angibt.

Schade, dass sich die Regie nicht darauf einlässt, den Theater-Varianten der Wunderwaffenherstellung überm selbstgemachten Feuer keine weitere Spekulation hinzufügt. Was hier in der Tonne und mit Blasebalg und Hämmerchen passiert, passiert eigentlich gar nicht. Irgendeine Geysir-Variante hätte man dem Isländer gerne durchgehen lassen. Die Nullnummer ist so ärgerlich, wie die Vokale und musikalische Seite des Abends Anlass zur Freude gibt. 

Renatus Meszar ist als Wanderer ein stimmlich und darstellerisch überzeugendes Kontinuum. Matthias Wohlbrecht ein fabelhaft eloquenter Mime. In ähnlich amorph hässlichen Kostümen aber genauso überzeugend sind Jack Venter als Alberich und Avtandil Kapseli als Fafner. Katharine Tier ist eine dunkel strömende Erda. Als höhensicherer Waldvogel wird Uliana Alexyuk zur rausgeputzten zeitweiligen Begleiterin Siegfrieds auf dem Weg zu Brünnhilde. Das überzeugt alles durchweg und ist in den Hauptpartien sogar herausragend. Auch GMD Justin Brown und die Badische Staatskapelle fühlen sich im Ringmodus hörbar wohl. Wenn im dritten Akt dann die Leidenschaft lodert, haben sie keine Mühe zusammen mit Melton und Fenton auch das szenische Finale zu imaginieren, aus dem sich die Regie längst rausgemogelt hat.

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