In die Kehlen geschrieben – Oper Leipzig kredenzt in der Schaubühne Lindenfels einen Monteverdi-Ligeti-Aperghis-Cocktail


(nmz) -
Das „Nein“ der Braut bei der Trauung ist eigentlich ein Komödienmoment. Genau darum geht es Kristof Spiewok im dritten Teil seiner Monteverdi-Trilogie mit György Ligetis „Aventures“ / „Nouvelles aventures“ und Georges Aperghis‘ Nr. 9 aus seinen „14 Récitations“. Dabei ist es ihm als Regisseur sehr ernst. Der patinierte Saal der Schaubühne Lindenfels im Leipziger Westen ist ein idealer Aufführungsort mit einer zugleich offenen und transparenten, ideal sänger- und musikerfreundlichen Akustik. Bei allem Dekor gerät dieser bewegungsreiche und von Thadeusz Tischbein mit Video-Konfekt garnierte Abend eher verspielt als tieflotend. Für die Koproduktion der Oper Leipzig mit der Schaubühne Lindenfels gab es zur Premiere viel Applaus.
03.09.2017 - Von Roland H. Dippel

Auf wen bezieht sich dieser Titel „Au revoir, Euridice“? Denn nicht Orfeo verabschiedet sich von ihr, sondern Euridice zögert und fragt sich, ob er wirklich der Richtige für sie ist. Dann geht dieser Zwiespalt auch als szenische Aktion in die Vollen. Weniger als sonst aber zählt die legendäre und so oft im Musiktheater gefeierte Liebe, die vor den Grenzen zum Totenreich nicht Halt macht. Die beiden Tänzerinnen Alicia Varela Carballo und Juliette Rahon tragen als weiße und schwarze Anima (oder, wenn man will, als Eros contra Thanatos) den inneren Kampf der in Claudio Monteverdis „Favola in musica“ fast stummen Protagonistin aus. Hier bekommt Euridice eine weitaus besser vernehmbare Stimme. Shira Pachornik haucht und flüstert auch Aperghis‘ Récitation Nr. 9 (von insgesamt 14), die den Abend umrahmt: „Manchmal widerstehe ich meiner Begierde, manchmal gebe ich mich ihr hin. Warum also diese Begierde?“ . Dieser Abend schließt mit Monteverdis so schönem Tonpoem „Hor che’l ciel e la terra“ über den hundertfachen Tod an jedem Lebenstag. Davon kann man auch zur Feier des 450. Geburtstags ihres Komponisten nicht genug kriegen.

Die Benennung der etwa 75minütigen Musiktheater-Collage als „Azione teatrale“ weist eher in die Vergangenheit als in die Gegenwart, das Dekor ebenfalls. Ein sich verjüngender, ansteigender Steg in die gewaltige Saaltiefe, auch als Tisch nutzbar, mit weißen Blütenblättern. Elisabeth Schiller-Witzmann spielt sich mit Stilzitaten auf der Aktionsfläche und Kostümen durch die Epochen, von der spanischen Hoftracht bis zu Minikrinoline. Nur von der Monteverdi-Zeit und unseren 60er Jahren, der Entstehungszeit von „Aventures“, ist wenig zu sehen. Es ist ein bisschen so, als hätte sich der Barockpoet Orpheus, der hier wie ein recht viriler Werther daherkommt, in das Palais jenes stinkreichen Herrn verirrt, der gleich „Ariadne auf Naxos“ aufführen lassen will. Die Doppelung, dass der Totengott Pluto seine Gemahlin Proserpina so ganz in seiner Sphäre binden will wie Orfeo seine Euridice an sich, wird nicht ganz plastisch.

Musikalisch gerät der Abend dafür umso prächtiger. Ligeti hat nämlich in den avantgardefreudigen 1960ern den Solisten seiner „Aventures“ und „Nouvelles aventures“ mit dem genau notierten Keuchen, Schluchzen, Atmen, Seufzen eine Symphonie, ja Enzyklopädie vokaler Tonerzeugung über die Affekte Spott, Trauer, Freude, Liebe und Furcht in die Kehlen geschrieben. Das junge Ensemble geht mit Begeisterung in diesen immer sehr kantabel gedachten Herausforderungen auf, in denen es kein einziges Wort zu singen gibt. Christian Hornef hat auf dem Mittelrang mit den vierzehn Gewandhausmusikern ein homogenes Klangbild erarbeitet, das neben bzw. über den Epochen steht. Transparent jeder Ton, makellos die Abstimmung und Balance mit den durch lange Atemeinheiten geforderten Solisten. Das ist sicher kein Monteverdi-Klang für Stilpuristen, die mit den Kürzungen wohl schwerlich einverstanden sein würden. Doch die Phrasierungen des fürwahr „orpheischen“ Tenors Patrick Vogel erfreuen auf ebenbürtig hochrangiger Linie wie das Zusammenspiel mit dem substanzreich-vitalen Mezzo Estelle Haussner.

Die fordernde Szenographie nutzt die bei weitem überwiegenden Monteverdi-Szenen vor allem für die nach außen so geordnete, repräsentative Welt. Ligeti wird dann ebenso wie Aperghis funktionalisiert für die kurze Krinoline, in der Euridice ihre emotionalen Turbulenzen austrägt. Die tanzenden Doubles schütten dazu kräftig Öl ins das wie eine Kerze an zwei Enden brennende Seelenfeuer der Unschlüssigen. Wieder einmal ist es so, dass die Musik der Vergangenheit für getünchte Ordnung und die nicht mehr ganz so Neue Musik für den inneren Aufruhr steht. Dabei haben Ligeti und Aperghis zwar schwierig auszuführende, aber ganz klar konturierte Tonflächen komponiert. Deren System ist zwar mit Erläuterungen verständlich, die Konstruktionsformen aber ebenso durch das Hören erkennbar wie etwa ein Rondo oder eine andere tradierte musikalische Form.

Man hat weder an Material, Kostümen oder Video gespart, vor allem aber nicht am Enthusiasmus der Mitwirkenden. Neben Lisa Fornhammers klar artikulierender Proserpina und Jean-Baptiste Mourets sanftem Plutone bereichert Viktor Rud den Hirt mit einem luziferischen Schalk, aus dem die feinsinnige Vokal-Komödiantik richtiggehend herausbricht. Die Oper Leipzig kann sich an der Schaubühne Lindenfels also von ihrer liebenswerten Seite zeigen: Als Ensembletheater, das auf einen gewandten und gekonnten musikalischen Dialog untereinander zielt. Hier ist das gelungen – die nächste Premiere der Reihe „Avanti Opera“ folgt mit Judith Weirs „Das Geheimnis der schwarzen Spinne“ am 25. Mai 2018.

  • Weitere Aufführungen: 3., 9. und 10. September in der Schaubühne Lindenfels.

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