Jan Nast: «Um die guten Dirigenten schlagen sich ja viele Orchester»


(nmz) -
Dresden - Bei der diesjährigen Verleihung des ECHO Klassik 2009 ist sie stolze Hausherrin, ihr Generalmusikdirektor Fabio Luisi der Gastgeber: Die Sächsische Staatskapelle Dresden begleitet am Sonntag die renommierten Preisträger der Fernsehgala - und gehört auch selbst zu ihnen. Das passt ausgezeichnet zu dem Überraschungscoup, der dem Orchester vor einer Woche mit der Verpflichtung des Dirigenten Christian Thielemann gelang.
15.10.2009 - Von Martin Morgenstern - ddp

Orchesterdirektor Jan Nast spricht von einem «überwältigend großen» Votum der Musiker für Thielemann als neuen Chefdirigenten ab der Saison 2012/13. Dem 50-Jährigen, bislang Münchner Generalmusikdirektor, habe mit der raschen Einigung die «unangenehme Situation» erspart werden können, «mit Dresden im Hinterkopf in München weiter verhandeln zu müssen». In den Gesprächen zwischen Orchester und Thielemann hätten sich die «Vorstellungen beider Seiten gut ergänzt», sagt Nast.

Richard Wagners inzwischen geflügeltes Wort von der «Wunderharfe» meint den runden, weich und voll tönenden Orchesterklang, den auch Gastsolisten regelmäßig rühmen. «Herbert von Karajan verglich den Klang dieses einzigartigen Orchesters einmal mit ‘Glanz von altem Gold’. Besser kann man dies gar nicht in Worte fassen», bestätigte auch Thielemann, der erst im September mit Anton Bruckners «Achter» für den erkrankten Fabio Luisi eingesprungen war.

Diese Aufführungen hätten «beeindruckend gezeigt, welche Begeisterung Konzerte der Sächsischen Staatskapelle unter der Leitung von Christian Thielemann auslösen können», sagt der Geschäftsführer der Stiftung zur Förderung der Semperoper, Gerhard Müller.

In der «Süddeutschen Zeitung» kündigte Thielemann an, er wolle «aus Dresden wieder das machen, was es einmal war». Sachsens neue Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) äußerte sich «beeindruckt, wie sehr sich Christian Thielemann mit der Kultur- und Kunstgeschichte des Freistaates Sachsen und der Musikstadt Dresden identifiziert».

1548 durch Kurfürst Moritz von Sachsen gegründet, gehört es zu den ältesten Orchestern der Welt. Auf Tradition wird in Dresden Wert gelegt: Als einziges Orchester hat «die Kapelle» über viereinhalb Jahrhunderte hinweg kontinuierlich musiziert und ist - neuerdings im Gegensatz zu ihrer Heimatstadt - Welterbe. Vor zwei Jahren nämlich war das Ensemble, das laut dem britischen Fachmagazin «Gramophone» zu den zehn besten Orchestern weltweit zählt, in Brüssel mit dem «Preis der Europäischen Kulturstiftung für die Bewahrung des musikalischen Weltkulturerbes» ausgezeichnet worden.

Beinahe keine Überraschung, dass das Orchester dieses Jahr – neben dem wichtigsten französischen Kritikerpreis «Diapason d’Or» - übrigens ebenfalls für einen Mitschnitt von Bruckners «Achter», diesmal unter ihrem ehemaligen Chef Bernard Haitink - mit drei ECHO Klassik Preisen ausgezeichnet wird. Für eine Aufnahme der 9. Sinfonie von Bruckner wird die Staatskapelle als «Orchester des Jahres» geehrt; die entsprechende Laudatio wird die Regisseurin Katharina Wagner halten.

Ebenfalls prämiert wird die CD «Gods, Kings & Demons», auf der der Bassist René Pape gemeinsam mit der Staatskapelle unter der Leitung von Sebastian Weigle zu hören ist. Und schließlich wird die «Fritz-Busch-Box» mit dem Sonderpreis «Historische Edition» ausgezeichnet. Sie enthält sämtliche Dresdner Aufnahmen der Staatskapelle aus den 20er und 30er Jahren unter der Leitung ihres damaligen Generalmusikdirektors.

Unter Christian Thielemann wird das Orchester seine Spielkultur weiterhin pflegen. «Thielemann steht wie kaum ein anderer Dirigent unserer Zeit für exemplarische Dirigate des deutsch-romantischen Konzert- und Opernrepertoires. Damit passt er natürlich perfekt zum Profil der Sächsischen Staatskapelle, die gerade in diesem Repertoire, etwa bei den Werken von Wagner und Strauss, auf eine einzigartige Tradition zurückblicken kann», sagt Orchesterdirektor Nast. Die «Wunderharfe» dürfte also weiter nobel glänzen.

 

Das Wortlaut-Interview des ddp-Korrespondent Martin Morgenstern mit Orchesterdirektor Jan Nast zur geglückten Verpflichtung von Christian Thielemann:

ddp: Eigentlich gebührt der Staatskapelle ein vierter Echo-Preis für den Coup des Jahres bei Chefdirigenten. Wie wurden sich Orchester und Christian Thielemann einig?

Nast: Wir wussten seit Juni, dass Fabio Luisi Dresden verlassen wird. Mit seiner frühen Bekanntgabe hat er uns gute Möglichkeiten bei der Nachfolgersuche eröffnet. Um die guten Dirigenten schlagen sich ja viele Orchester, und da haben wir unseren Planungsvorsprung genutzt. Der Orchestervorstand hat sofort überlegt, wer in Frage kommt; wir wollten vor allem im jungen und mittleren Generationsbereich suchen. Christian Thielemann war von Anfang an ein Kandidat; konkret wurde es, nachdem er für Fabio Luisi eingesprungen war. Er hat in diesen Konzerten die Emotionen der Kollegen nachhaltig berührt.

ddp: Wie ging es weiter?

Nast: Nach den Konzerten kamen wir ins Gespräch und haben sondiert, unter welchen Bedingungen er sich vorstellen könnte, sich in Dresden zu binden. Es wurde deutlich, dass sich die Vorstellungen beider Seiten gut ergänzten, und wir waren uns relativ schnell einig. Unter dem Druck der anstehenden Verhandlungen in München beriefen wir dann die Orchesterversammlung ein. Das Votum der Kollegen, Herrn Thielemann ein Angebot zu machen, war überwältigend groß! Ein paar Tage danach begannen dann die Verhandlungen. Wir hatten dann noch eine Woche «politisches Vakuum» ohne eine Regierung. Nachdem Sabine von Schorlemer zur Kunstministerin berufen war, haben wir rasch Kontakt aufgenommen und ihr am 2. Oktober die Problematik geschildert. Der Freistaat hat schnell gehandelt, und so gelang es dann vorigen Freitag, die Verhandlungen zu einem guten Ende zu bringen und Herrn Thielemann die unangenehme Situation zu ersparen, mit Dresden im Hinterkopf in München weiter verhandeln zu müssen.

ddp: Thielemann wird Chefdirigent, nicht Generalmusikdirektor. Er konzentriert sich damit auf das konzertante Repertoire. Opern werden also zukünftig viel von Gastdirigenten geleitet?

Nast: Der Verantwortungsbereich des Dirigenten ist damit beim Orchester klar umrissen - und er hat die Möglichkeit, im Opernbereich das zu tun, was er möchte. Jeder weiß, dass Christian Thielemann Oper liebt, Oper machen wird, dass er sich in Dresden viel anschauen und letztendlich vielleicht auch selbst dirigieren wird. Wichtig war uns auch für die internationale Positionierung des Orchesters, dass er ‘Chefdirigent der Staatskapelle’ ist. Es stehen viele
kompositorische Jubiläen an. Oper wird dann regelmäßig von Gastdirigenten abgedeckt sein.

ddp: Die Staatskapelle hat auch vor dem «Echo Klassik» zahlreiche Preise einheimsen können, jüngst die «Diapason d’Or», die Goldene Stimmgabel der französischen Schallplattenkritik. Was sehen Sie als Grund für die Erfolge?

Nast: Es hat vor allem damit zu tun, dass wir konsequent drei Ebenen von Tonträgern haben. Erstens die orchestrale Sinfonik - hier hat es sich bewährt, ein Werk erst einzuspielen, dann etwas zu pausieren, und es dann in den Dresdner Konzerten aufzuführen und damit auch auf Tournee zu gehen. So können wir quasi das Orchester in eigener Mission promoten. Der zweite Weg ist, mit aktuellen Stars der Branche hochkarätige Einspielungen zu machen: mit René Pape etwa, Anna Netrebko, Rolando Villazon, Thomas Quasthoff oder Elina Garana. Das beschert uns eine ganz andere Popularität. Und drittens haben wir die «Profil Edition» in Zusammenarbeit mit dem Mitteldeutschen Rundfunk, wo wir alte und neue Schätze aus den Rundfunkarchiven veröffentlichen, als historisch-akustisches Gedächtnis des Orchesters. Damit haben wir drei Ebenen, die komplett das abdecken, was wir musikalisch mit unserer Arbeit darzustellen haben.

ddp: Die Gala am Sonntag in der Dresdner Semperoper heißt im Fernsehen «Echo der Stars» - ist Klassik immer noch so ein Abtörner?

Nast: Das kann ich nicht sagen. Die Sendung «Echo der Stars» ist natürlich eine Gala-Veranstaltung mit Häppchenkultur. Es wird da keine Sinfonie mit drei Sätzen geben. Dadurch spricht die Sendung viele Leute an, die mit Klassik nicht so viel im Sinn haben, vielleicht einfach nur beim Zappen hängenbleiben. Wir sind jedenfalls sehr glücklich, dass wir dieses Jahr so eine extreme Starbesetzung haben und das keine Verlegenheitsshow wird wie vielleicht in früheren Jahren.

 

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