Kein Halt vor langweiligen Banalitäten – Goethes „Wahlverwandtschaften“ am Theater Bremen


(nmz) -
„Keine Oper, keine Operette, kein Musical, kein Oratorium, keine Schauspielmusik, aber alles ein bisschen“ hatte der Komponist Sebastian Vogel zur Uraufführung der Tolstoi-Adaption „Anna Karenina“ gesagt, die er 2014 zusammen mit Sebastian Vogel geschrieben hatte. Nun also eine erneute Uraufführung der beiden: „Wahlverwandtschaften“ am Theater Bremen. Wieder sollte man nicht versuchen, eine neue „Oper“ zu erwarten, es heißt ja auch „Musiktheater“, auch noch „spartenübergreifend“. Aber bei aller Bereitschaft dazu, es fällt schwer, eine Gattungsorientierung zu finden. Auch das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Teile und Details nicht so auseinanderdriften würden wie an diesem Abend mit einem auffällig spröden Schlussbeifall.
27.02.2018 - Von Ute Schalz-Laurenze

Armin Petras, dessen Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ 2017 zusammen mit den Leistungen der SolistInnen und der MusikerInnen überregionale Ausstrahlung hatte, versuchte sich an Johann Wolfgang Goethes 1809 erschienenem Roman „Die Wahlverwandtschaften“. Aber es ist nicht ein Libretto, das er über die verkorksten alten und neuen Beziehungen schrieb, sondern ein Versuch, eine zeitgenössische Reflexion über das Thema anzustellen. Und da machen er und besonders auch der Regisseur Stephan Kimmig keinen Halt vor Unwahrscheinlichkeiten, Absurditäten, langweiligen Banalitäten und allerlei mehr, die das eigentliche Drama gar nicht mehr zeigen: Edouard und Charlotte leben zurückgezogen und zufrieden, wie es zumindest scheint – auf dem Land. Mit Yoga und Gartenarbeit und abends am See, wenn sie zusammen in die Nacht hinausschwimmen. Besuch nistet sich ein: Edouards Bruder Otto und die Exschwiegertochter von Charlotte, Tilly, in einem Schweizer Internat zweimal durchs Abitur gefallen und auf Praktikumslauer, eine grölende Göre ohne jegliche Orientierung. Der Besuch bringt die Ordnung, in der Charlotte und Edouard sich eingerichtet haben, durcheinander, beide fühlen sich zum Besuch hingezogen, suchen offensichtlich Unerfülltes in ihrer Beziehung. Aber es kommt schwer rüber, und vieles versackt – absichtlich – in Komik, wenn Otto sich Charlotte in immer neuen Badehosen vorstellt, wenn Tilly Edouard als Zirkusfigur dressiert, die nach ihren Anweisungen Kunststückchen macht, wenn die Protagonisten auch mal an den Stangen des zeltartigen Raumes hängen (Bühne: Katja Haß). Es gibt viel zu lachen. Selten aber weiß man warum.

Aber weder die Videos (Rebecca Riedel filmte die Menschen unter Wasser) erklären das Konzept noch zwei weitere eingefügte Figuren, die es bei Goethe nicht gibt: Wolfgang, der uns mit eher peinlichem Pathos erklären will, dass man manchmal schon einen neuen Menschen braucht und Christina, die das Publikum fragt, ob es glücklich ist (turbulent: Markus John und Annemaaike Bakker). So bleibt es bei einem mehr oder weniger unterhaltsamen Abend mit einer netten, aber uncharakteristischen, oft sentimentalen Musik, die in allen Stilen räubert, deren sechs Bläser, fünf Streicher und vier Perkussionisten über ihre Aufstellung vor dem Bühnengeschehen und ihre Klamotten in das Bühnengeschehen einbezogen sind.  

So einigermaßen gerettet wird der Abend vom wieder einmal hohen Niveau der SängerInnen und Schauspieler: Mit Nadine Lehner und Patrick Zielke als Charlotte und Edouard stehen zwei überpräsente Singschauspieler auf der Bühne, die permanent die Spannung nach vorne treiben. Ergreifend Charlottes Schlussgesang als Bekenntnis zu ihrem Edouard und der gemeinsamen Scheinwelt. Hanna Plaß als Tilly, eine wunderbar nervige Zicke und Robin Sondermann als eitler Otto. Clemens Heil hielt die Musik so gut zusammen – soweit das überhaupt möglich war.