(K)ein Würfel zum Einschlafen – Richard Wagners „Walküre“ in Dessau


(nmz) -
Der erste Akt der „Walküre“ ist bei den Fans populär und spielt sich eigentlich von selbst. Zwischen den Sturmböen des Vorspiels und Siegmunds „Wes Herd dies auch sei“, bis hin zum inzestuösen „So blühe denn Wälsungenblut“ der Wotanssprößlinge Siegmund und Sieglinde fühlt sich noch jeder Wagnerfan wohl. Wenn es gut geht, auf der Stuhlkante. In Dessau war das nicht ganz so.
28.09.2014 - Von Joachim Lange

Was nicht an Antony Hermus und der Anhaltischen Philharmonie lag, die sich von Anfang an wiederum als Wagnerorchester von Format erwiesen. Es lag auch nicht an Robert Künzli als wackerem und konditionsstark strahlendem Siegmund oder Angelina Ruzzafante, die eine beeindruckende Sieglinde von der erwachenden Neugier über den emotionalen Ausbruch bis hin zu ihrem traurigen Ende ablieferte. Nicht mal an dem recht eigenwillig intonierenden Stephan Klemm, der als Sieglindes Zwangsehemann Hunding immerhin eine imponierende Gestalt beisteuerte, aber nicht ganz an das nahezu hauseigene Ensemble heranreichte.

Irgendwie fügte sich das Ganze nicht zwischen Jan Siegerts nüchterner Gerüstkonstruktion unter dem frei baumelnden Kabelbaum, zu dem Hundings Wohnzimmer-Stamm (samt der Geheimwaffe, die Wotan für den Sohnemann Siegmund hier für alle Fälle deponiert hat) mutiert ist. Auch die Projektionen, die das Computer-Innere irgendeiner Übermaschine assoziieren sollen, helfen nicht weiter. Man rätselt mehr darüber, Wer hier eigentlich Wo ist und amüsiert oder ärgert sich über kleinteilige Einfälle: die Geschwister sind von Suse Tobisch in sterilem Weiß verpackt. Sieglinde muss wie eine Stewardess Assiettenessen und Büchsendrinks bis an den letzten vermummten Hundingkämpfer verteilen. Sonst aber unbeholfen hin und her und auf Siegmund zu irren. Immerhin: Wenn die Winterstürme vorm Wonnemond weichen, funkelt der Sternenhimmel und man kommt dem Mond gefährlich nahe. Und wenn Siegmund das (ganz klassische) Schwert aus dem Kabelgewirr zieht, tanzen auf dem Bildschirm Horizont die Zahlenkolonnen. In diesem ersten Akt bleiben dennoch als (bedeutendes!) Trostpflaster vor allem Hermus und Co im Graben und die beiden Wälsungen auf der Bühne!

Doch dann startet die Inszenierung durch. Der eigentlich viel schwierigere zweite Akt packt von Anfang an. Wird ein Fest zum Hören, Schauen und Nachdenken! Denn auf hohem Podest mit knallroten Schalenstühlen und einem nächtlich funkelndem Metropolen-Panorama im Hintergrund residiert Wotan. Ein Logenplatz zum Beobachten der Welt. Ulf Paulsen stellt mit seinem beträchtlichen komödiantischen Talent und einer seiner besten stimmlichen Leistungen einen Wotan auf die Bühne, dem man gerne so gebannt zuhört wie zusieht: Wenn er mit seinen Allmachtsphantasien immer mehr ins Rutschen kommt, nicht nur seine Frau Fricka sondern mit ihr gleich noch die bestehende Ordnung austricksen will, sich in Widersprüche verstrickt und daran leidet. Der oberste Gott im Stück als der eigentliche Mensch. Das ist eine Glanzleistung bei der Paulsen sich kein bisschen schont und doch noch genügen Kraft fürs Finale behält. Und er hat die richtigen Partnerinnen dazu.

Da ist seine Ehefrau Fricka, die rein gar nichts von der Umgehung des Inzesttabus hält, das Wotan eingefädelt hat. Rita Kapfhammer ist eine der besten Frickas weit und breit. Es ist höchst glaubwürdig wie sie ihren Göttergatten zusammenfaltet. Natürlich war auch die Vorfreude auf Iordanka Derilovas Walküren-Brünnhilde voll auf berechtigt. Die macht schon aus ihrem ersten Hojotoho ein vokales Fanal und ein schauspielerisches Kabinettstück mit Handy und Handtasche macht. Jetzt funktioniert das blendend, weil es mit boulevardesker Ironie gewürzt ist und die Frauen Wotan sozusagen ein wenig zum Gott des Gemetzels machen. Dabei entpuppt sich Wotan zwischen seinen Filmrollen, Drehbüchern und Oscars mit dem Blick auf die berühmten Hollywood-Schriftzüge in Kalifornien schnell als mächtiger Film-Produzent. Brünnhilde ist seine Favoritin, als Tochter und als Regisseurin. Sie inszeniert die Todesverkündigung als Hollywood Drama um die Liebe des Zwillingspaares vor grandioser Landschaft. Wenn Siegmund gegen seinen Filmtod revoltiert schreibt sie das Drehbuch einfach um und putscht so gegen ihren Chef und den Lauf der Dinge.

Was uns einen ebenso gelungenen wie erstaunlich kurzweiligen dritten Akt beschert. Um den mit architektonischem Ehrgeiz stylisch aufgefächerten (Felsen-)Würfel versammeln sich herrlich aufgedonnerte Diven mit Vorliebe für Handtaschen und das smarte männliche Personal im Matrosenlook. Es gibt jede Menge gut gemachte Videoüberblendungen und eine Ahnung davon, dass wir uns im Dessauer Ring wohl durch eine Geschichte der medialen Reflektion oder Verfremdung der Welt bewegen, die in der „Walküre“ bei einer cineastischen Verarbeitung der Wirklichkeit und der Macht der Bilder angekommen ist. In den letzten beiden Akten wirkt der Umgang mit der Livekamera souverän (oder bewusst improvisiert). Der einmal auftauchende Mount Rushmore aus South Dakota mit den in Stein gehauenen Präsidenten-Porträts ist zwar recht weit weg von Hollywood, hat aber durchaus mehr mit der Macht der Bilder zu tun. Es ist ein bewusster Bezug auf Frank Castorfs Marx-Lenin-Stalin-Mao Adaption des amerikanischen Heiligtums, die im aktuellen Bayreuther Ring die Gemüter ebenso faszinierte wie erregte. Selbstbewusst erinnert Andre Bücker damit daran, dass Dessau und sein Theater ein wichtiger Teil der Wagner- und deutschen Stadttheaterwelt bisher waren. Und es, trotz aller Anstrengungen vereinigter politischer Inkompetenz, noch sind. Stehende Ovationen im und für das Dessauer Theater!

Das könnte Sie auch interessieren: