Keine Helden, nur Verlierer – „Così fan tutte“ an der Semperoper Dresden


(nmz) -
Die Dresdner Semperoper hat es schwer. Sie gilt vielen Leuten als Touristenoper, wird von unvorbereiteten Gästen immer mal wieder als Brauhaus gedeutet, ist und bleibt vorerst ein Haus ohne Hüter. Nun startet sie einen Mozart-Da-Ponte-Zyklus. Schon vor der Premiere ein vielversprechender Auftakt. Das macht es der Oper nicht leichter.
23.03.2014 - Von Michael Ernst

Kriegenburg hat in seiner zweiten Dresdner Opernproduktion (nach Händels „Orlando“, nmz-online 29.01.2013) ganz auf gute Laune gesetzt. Spaß und Slapstick, Ulk und Unterhaltung scheinen Programm. Augenscheinlich sollen damit Partitur und Libretto aufs Bühnengeschehen verlängert werden, denn in beiden steckt ja schon jede Menge Witz. Aber hoppla, das ist doch was anderes, Ulk und Spaß sind nicht gleichzusetzen mit wirklichem Witz. Nun, immerhin treibt auch Don Alfonso seine Späße mit den beiden Schwestern Dorabella und Fiordiligi sowie vor allem mit deren Galanen Ferrando und Guglielmo. Der erfahrene Menschenkenner will den Herren beweisen, dass es mit der Treue von Frauen nicht so weit her ist. Topp, die Wette gilt.

Von Anfang an wirken die Liebenden wie aus verschiedenen Welten. Die beiden Damen in bonbonfarbenen Kleidern, die Herren in verschlissenen Adaptionen à la Charlie Chaplin und Buster Keaton. Don Alfonso hingegen scheint gleich doppelt korrekt sein zu sollen, er trägt unterm Zweireiher noch ein Jackett. Der Spielemacher will abgesichert sein und undurchschaubar bleiben, braucht für seine Vorhaben freilich die Hilfe von Kammerzofe Despina. Die ist gewitzt genug, dass sie alles und jeden sofort durchschaut. Überhaupt scheint diese Person in ihrer spielklugen Umsetzung durch Ute Selbig als einzige unangreifbar zu sein. Sie weiß mit ihrer Herrschaft umzugehen, agiert selbstbewusst, setzt auf Nuancen, um mit Wirkung zu überzeugen. Auch in ihren Verkleidungen als Arzt und Notar gibt sie sich pfiffig, hat Schalk und Verstand.

Die liebenden Schwestern hingegen, naja, sie dürfen Emotionen herausstellen, als ihre Männer vermeintlich in den Kampf ziehen müssen. Sie dürfen auch eine Weile stark bleiben, als die Herren verkleidet mit Bärtchen zurückkehren, um die einsam gewordenen Herzen zu erobern. Zunächst aber sind sie erst einmal traurig und lassen eine Tränenflut auf die Bühne spritzen, worauf ein Großteil des Publikums laut loslacht und sich der Rest peinlich berührt zeigt. Solche Momente würzen vielleicht, sind unterm Strich aber nur Äußerlichkeiten. Der sanglich patente Opernchor setzt derlei Albernheiten fort.

Die Schule der Liebe, wie „Così“ ja im Untertitel benannt ist, wird von Despina und Don Alfonso betrieben. Den Schwestern wird beigebracht, den Abschied nicht zu schwer zu nehmen und sich ordentlich Freu(n)de im Leben zu gönnen, die Herren müssen einsehen, dass Frauen auch nur Menschen sind. Als hätten wir's nicht geahnt! Wenn sich die Paare am Ende der Farce wieder in gewohnter Konstellation finden, sind alle Beteiligten trotz dieser Einsicht Verlierer. Das Allgemeingültige dieser Oper unterstreicht das Einheitsbühnenbild mit einer riesigen Drehscheibe, die das Vage der Liebe mit schiefen Ebenen betont. Sieben Stoffbahnen genügen für Versteck und Verwandlung, Bühnenbildner Harald Thor schafft damit optischen Eindruck. Im zweiten Akt ist das gesamte Halbrund blutrot, schließlich geht es um Liebe und beinahe um Tod. Andrea Schraad hat die Kostüme entworfen, mit denen Kriegenburgs Slapstick-Vorhaben sichtbar hervorgehoben werden. Christopher Tiesi als Ferrando gibt sich darin als chaplinesker Tramp auch ganz putzig, zumal er der Fiordiligi von Rachel Willis-Sørensen nicht gewachsen ist, jedenfalls nicht über deren Schultern hinaus. Beide Sänger-Darsteller verwundern, was die Hörgewohnheiten in Sachen Mozart betrifft. Ein kraftvoller und schon sehr dramatischer Sopran steht da im Kontrast zu einem arg zögerlichen Tenor. Das andere Wechselpaar, Rachel Frenkel als Dorabella und Christoph Pohl als Ferrando, wirkt natürlicher, passender und vor allem vokal überzeugender.

Wirklich unangreifbar jedoch beweisen sich nur Ute Selbig als Despina und Georg Zeppenfeld als Don Alfonso. Beiden gelingt die homogene Verbindung von Spiel und Gesang, beiden ist ein Parlando gegeben, das den wahrhaftigen Witz aus den Noten mit Leben erfüllt.

Vital erweist sich auch die Sächsische Staatskapelle, deren satter Mozart-Klang mehr erzählt als ansonsten zu sehen und auf der Bühne, wo fast ausschließlich vorn an der Rampe gesungen wird, zu hören ist. Da brillieren Klarinette und Oboe so klangstark wie virtuos, jubelt das Horn unbeschadet mit schönen Sentenzen, zeigen sich die Streicher in sehr schönen Farben – und doch verpasst Gastdirigent Omer Meir Wellber so manches Mal den Zusammenhalt von oben und unten. Einheitstempi und wenig dynamische Akzente schmälern den Reiz der Rezitativbegleitung, die Wellber nicht am Cembalo, sondern am Hammerklavier übernahm.

Frenetischer Beifall krönte diese Premiere der vielen Verlierer. Wer Helden erwartet hatte, ging allerdings ziemlich sprachlos nach Haus.

Termine: 24., 26., 30.3., 3., 5., 6., 8.4., 6., 11., 16.5., 2., 12.6.2014

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.