Kindertheatermäßig – Rameaus „Zoroastre“ an der Komischen Oper Berlin


(nmz) -
Die Erstaufführung von Jean-Philippe Rameaus fünfaktiger Tragédie „Zoroastre“ im Rahmen der alljährlichen Barockopernproduktion der Komischen Oper Berlin erwies sich als ein schwieriges Unterfangen. Zu dürftig und redundant die Handlung, zu wenig musikalisch fesselnd die weitgestreckten Rezitative, zu kindertheatermäßig die szenische Aufbereitung, – und so verließen etwa 20 Prozent der Premierenbesucher das Theater bereits in der Pause.
20.06.2017 - Von Peter P. Pachl

Die Berliner Erstaufführung in französischer Sprache basiert auf Rameaus zweiter Fassung aus dem Jahre 1756, nähert sich aber durch Kürzungen der ersten Fassung von 1749 an, welche als die bis dahin aufwändigste Produktion in die Chronik der Operngeschichte eingegangen ist – und gleichwohl nur mäßigen Erfolg erzielte. Daher unterzogen Librettist Louis de Cahusac und der Komponist das Bühnenwerk einer grundlegenden Überarbeitung der Akte zwei bis fünf, und Rameau verzichtete dabei nunmehr auf die Klarinetten, Trompeten und Pauken seiner ersten Fassung.

Der Librettist war Großmeister der Loge und wählte mit Zoroastre bewusst jenes nachhaltige Thema in der Kultur- und Musikgeschichte, das sich über Mozarts Sarastro bis hin zu Strauss' auf Friedrich Nietzsche basierender Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ erstreckt, das aber bereits vor Cahusac und Rameau mit Destouches' „Semiramis“ (Paris 1718) und mit Francoeurs und Rebels „Pirame er Thisbé" (Paris 1726) begonnen hatte.

Die Inszenierung des designierten Bayreuther „Tannhäuser“-Regisseurs Tobias Kratzer hat jedoch nichts mit der barocken Abfolge kontrastreicher, spektakulärer Tableaus und dem häufigen Wechsel von Tag und Nacht im Sinn. In Bühnenbild und Kostümen von Rainer Sellmaier ist die Handlung in die Gegenwart verlegt und zeigt einen sich immer stärker zuspitzenden Kampf zweier Nachbarn: der Eine, Zoroastre, lebt in einer Luxusvilla und hat einen „grünen Daumen“, der Andere, Abramane ist ein neidischer „Prolo“. Der aktuelle Konflikt entzündet sich an einem kleinen, besonders schönen Rasenstück, welches sich Abramane, um Zoroastre zu provozieren, eingemeinden will. Projektionen auf einem Zwischenvorhang zeigen den Mikrokosmos auf diesem Rasenstück: Ameisen singen die fragmentarischen Interventionen und ganze Chorsätze. Die meisten Choreinsätze in dieser Oper singt im Original das Volk von Baktrien – und das liegt im Norden Afghanistans. Aber die hieraus abzuleitende politische Parallele wollte der Regisseur bewusst umgehen und deutete die Choreinsätze als „Insektenmusik“. Tatsächlich trägt der Chor der Komischen Oper Kostüme, welche ihrer Gestaltung die Vorlage der Ratten in Neuenfels’ Bayreuther „Lohengrin“-Inszenierung nicht verleugnen können. Der von David Cavelius einstudierte Chor singt die Einsätze bis zur Pause ausschließlich aus dem Off. Die Aktionen der rührigen Ameisen erfolgen live auf der Hinterbühne, teilweise überlagert mit vorproduzierten Videos (von Manuel Braun).

Auf der Drehscheibe davor ergeben sich Einblicke in die Interieurs der extrem unterschiedlich ausgestatteten Einfamilienhäuser und auf die sie umgebenden Grundstücke. Vergeblich bemüht sich die blonde Érenice um die Liebe von Zoroastre, der eine andere Blondine, Amélite liebt. Aus Rachemotiven unterstützt Abramane die Absichten von Érenice. Mehr passiert nicht, allerdings in einer zirkulierend intensivierten Abfolge.

So stellt Abramane seinen Zaun unter Strom, um Amélite zu töten, aber es gelingt ihm nur, sie schwer zu verletzen, er lässt sie kidnappen und sperrt sie im zweiten Teil in einen Kellerverschlag, während Zoroastre in der Pause Hightech-Geschütze auf seinem Hausdach positioniert und den Eingang seines Hauses durch Sandsäcke abgesichert hat. Aufgewertet sind zwei Randfiguren, Zopire (Denis Milo) und Narbanor (Daniil Chesnokov), zunächst Jogger, dann Yuppies, die sich als Wendehälse erweisen und jeweils auf jener Seite mitspielen, die bessere Aussichten auf Erfolg verspricht. Ihnen schließt sich Tom Erik Lee als Clochard (im Original die allegorische Figur der Rache) an. Seinen philosophischen Unterbau erlernt Zoroastre vom New-Age-Yoga-Lehrer Ormasès (Johnathan McCullough) mit Turnübungen, Hippy-Blumenketten und Blütenregen.

Nachdem Érenice keine Chance mehr sieht, Zoroastre, der inzwischen mit Amélite eine Hippie-Hochzeit gefeiert hat, für sich zu gewinnen und dies auch nicht durch die Rückgabe des von Abramane geraubten Rasenstücks (also dem mit den Ameisen) vermag, erschießt sie sich kurz vor Ende mit Zoroastres Gewehr.

Das halbhoch gefahrene Orchester der Komischen Oper Berlin – mit zwei Traversflöten, zwei Oboen, zwei Fagotten, zwei Naturhörnern und Streichern, sowie Cembalo und Viola da Gamba als Basso Continuo (sowie aus dem Off scheppernd zugespielten Trompeten der Erstfassung) – exerziert Rameaus auf drei Stunden Spielzeit gekürzte Partitur laut und gehetzt. Dabei werden deren Klangfarben, mit hohen Holzbläserpatien zur Charakterisierung von Zoroastre und Amélite und mit doppelten Fagotten und geteilten Streicherbässen bei Abramane und Érenice, ebenso deutlich, wie die Programmatik der Ouvertüre und ein Leitthema für die Titelfigur. Unter der musikalischen Leitung von Christian Curnyndi bleiben Rameaus ungewöhnliche Harmonien, insbesondere im vierten Akt, im Gedächtnis.

Die Solisten schlagen sich wacker, wobei die hasserfüllt liebende Érenice von Nadja Mchantaf und der Klassenkämpfer Abramane von Thomas Dolié stimmlich mehr Meriten für sich verbuchen können als die – hier auch in ihrer Lichtgestaltigkeit hinterfragten und blutig gebrochenen – Zoroastre und Amélite von Thomas Walker und Katherie Watson.

Die Montage aus Liveszenen und vorproduziertem Videomaterial endet mit einer Sequenz, in der Kleinkinder in Pampers-Windeln das Bühnenbild-Modell dieser Inszenierung zerlegen. Da erwies sich das Publikum – so weit es dageblieben war – als gnädiger und sparte nicht mit Applaus.

  • Weitere Aufführungen: 24., 28. Juni, 6., 8., 14. Juli 2017.

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