Kurz-Schluss – Wie ich einmal als überzeugter Europäer leider gezwungen wurde, um Hilfe zu bitten


(nmz) -
Eigentlich war ich immer ein in der Wolle gefärbter Europäer. Als alter Humanist ist mir bekannt, dass der Name in seinem tieferen Sinn „Weit-Sicht“ beinhaltet. Wie treffend! Und Wikipedia entnehme ich befriedigt, dass als europäische Identität jener Teil der Identität oder des Bewusstseins einer Person oder Personengruppe bezeichnet wird, der sie befähigt, sich als Europäer zu begreifen und eine bejahende Haltung zu einer gemeinsamen Identität („Wir-Gefühl“) und zum Zusammenleben der Menschen und Völker in Europa im Sinne einer Gemeinschaft einzunehmen. In einem breiten Identitätsdiskurs bezieht sich der Begriff auch auf Haltungen zur Verfasstheit Europas oder zur Rolle und zum Selbstverständnis Europas und der Europäer in der Welt. Wie für mich verfasst. [Vorab aus Politik & Kultur]
26.10.2016 - Von Theo Geißler

Weitsicht kann dazu führen, in Berührung mit fremden Kulturen, anderen Ideologien, Religionen, Weltsichten etc. zu kommen. Was ist besser geeignet, als das erfahrene, alte Herz, das von Aufklärung geprägte Gehirn der Bewohner unseres Kontinents, Brücken zu schlagen, Verständnis füreinander zu generieren, ein globales „Wir-Gefühl“ zu erzeugen? Großzügigkeit und Toleranz sollten in solchen Situationen unsere Maximen sein. Wenn z. B. an Stelle unseres etwas überlebten Reformationstages aus Übersee das Phänomen „Halloween“ Platz greift – prima: Unsere Kinder, die mit Luthers Thesen noch nicht so viel anfangen können, haben inmitten ihres Schulstresses einen heiteren Tag. Es regnet Süßes, Geld und Säuerliches. Lebensnahe Masken aus gesundem Kürbismaterial geschnitzt, erfrischen unser oft mausgraues Stadtbild. Und der Killer-Clown als aktuellster Clou dieser Alltags-Innovation schafft ungeahnte Möglichkeiten, auch die Jüngsten behutsam aber konsequent auf eine nahe Zukunft, die Niederlage des objektiv fehlgeleiteten IS und den damit verbundenen Bevölkerungszuwachs hierzulande, spielerisch vorzubereiten.

Nun, es wäre unrealistisch und unehrlich zu behaupten, dass Europa in den letzten 2.000 Jahren nur goldene Zeiten erlebt hätte. Gewisse, auch blutige Zwistigkeiten zwischen Stämmen und Völkern, Reibereien mit anderen Kulturen sollen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Wie segensreich – blicken wir aufs Heute und Morgen ist die Tatsache, dass eben das stets schwammige, zu unnützen Diskussionen, ja zu Fehden verleitende Feld der Kultur (gemeint ist nicht die Landwirtschaft) – aus dem Basis-Kanon der europäischen Gemeinschaft ausgeklammert wurde. Immerhin taucht sie bei der Definition des Ökonomismus als Leitkultur unserer europäischen „Weit-Sicht“ in angemessenem Kontext noch auf.

Dieser kapitale Grundstein unseres europäischen Selbstverständnisses hat zahlreiche, zutiefst menschliche Gesichter. So hat sich unter dem Schirm eines ausgeprägt humanen Common Sense in Brüssel eine hochkompetente Schar von Politikern und Beratern zusammengefunden, die nichts anderes im Sinn hat, als Gelder gerecht und transparent an würdige, innovative aber auch traditionsbewusste Firmen und Institutionen zu verteilen. Mit dem ehernen Ziel, unendlich prosperierendes Wachstum für verdiente Bürgerinnen und Bürger zu generieren. Dass dabei gerechtigkeitshalber einige niederschwellige Regularien und Hürden zu beachten sind, entspricht dem humanen Grundgedanken der Gemeinschaft. Unverständlich deshalb die irrationalen Ängste Rückwärtsgewandter (gerade auch aus dem schmalbrüstigen, subventionsabhängigen Kultursektor), im Rahmen von globalen, internationalen Handelsabkommen wie CETA oder TTIP ökonomisch stabilisierende, expansionsfördernde Partnerschaften einzugehen. Undank war schon immer der Künstler liebstes Verhalten – ich erinnere an Richard Wagner, falls irgendjemand dessen Grobschlächtigkeit in Finanzangelegenheiten überhaupt  noch interessiert.

Doch zurück zu den Segnungen unseres Systems. Als Absolvent eines altsprachlichen Gymnasiums war es mir leider verwehrt, abgefüllt mit altgriechischen Verben und lateinischen Schachtelsätzen, nötige wirtschaftliche Grundlagen kennenzulernen, geschweige denn, deren Zusammenhänge zu verstehen. Insofern bitte ich die geschätzten Leserinnen und Leser dieses Intelligenzblattes dringend um Hilfe. Unterstützt durch einen günstigen Steuerberater hatte ich ein kleines Verlagshaus aufgebaut, das jetzt durch ein Urteil des Bundesgerichtshofes in Schwierigkeiten geriet. Ich soll rückwirkend für einige Jahre den bescheidenen Anteil der via VG-Wort zugeteilten Kopiervergütung retournieren.

Ein Fall für unsere wunderbare europäische Solidaritätszentrale in Brüssel – dachte ich. Also besorgte ich mir Informationen zu Beihilfen im Rahmen der ERP- und KfW-Förderprodukte, wie vom Steuerberater empfohlen. Allein: Ich verstehe die meisten Beschreibungen und Regularien leider nicht: Ich scheitere – nachdem mein Berater seine Mitarbeit „mangels Ihrer Masse“ eingestellt hat, schon an den allgemeinen Begrifflichkeiten.

Was – verflixt – bedeutet: „In bestimmten ERP-/KfW-Förderprodukten werden Subventionen, im EU-Sprachgebrauch Beihilfen, gewährt. Beihilfen an Unternehmen sind nach dem Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) grundsätzlich verboten, da sie negative Auswirkungen auf den Wettbewerb in der EU haben können. Unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt das EU-Recht allerdings Ausnahmen vom allgemeinen Beihilfeverbot. Die entsprechenden EU-Beihilferegelungen bestimmen detailliert, in welchen Bereichen, zu welchen Bedingungen und bis zu welcher Höhe Beihilfen gewährt werden dürfen. Bekannte Beihilferegelungen sind die Deminimis-Verordnungen und die Allgemeine Gruppenfreistellungsverordnung (AGVO)…“

Kann mir das – und die weiteren 300 Seiten des Antrages – irgendjemand erklären – möglichst gegen sehr geringe Gebühr?

Besten Dank im Vorhinein – Ihr Theo Geißler

  • Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur

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