Kurz-Schluss – Wie ich einmal das Meinige zur Integration von Flüchtlingen in Bayern beitrug


(nmz) -
Eigentlich nicht verwunderlich, dass mich beim gegenwärtigen Zustand unseres Landes ein natürlich klandestiner Kleinauftrag seitens einer niederen Charge des bajuwarischen Heimatministeriums erreichte. Bekanntlich stützt sich die Macht unseres schwarzen Imperiums zu München auf die Hoheit über die Stammtische. Gewissermaßen als Stimmungs-Barometer wurde ich gegen Naturalien (drei Weißbier, ein Bärwurz pro Bericht) beauftragt, ein aktuelles Meinungsbild dieser Zentren demokratischer Willensbildung abzuliefern. [Vorab aus Politik & Kultur 6/2015]
24.10.2015 - Von Theo Geißler

Selbst leider keinem dieser erlesenen Zirkel angehörend startete ich unauffällig als japanischer Tourist mit Kamera und Lederhose verkleidet meine Exploration in die überraschend wenigen original bayerischen Wirtshäuser umliegender Städte und Dörfer. Nachdem ich mich englisch radebrechend durch die Bestellung lauwarmen Reisweines (meist wurde dann Cola geliefert) hinlänglich unauffällig gemacht hatte, war ich in Stammtisch-Nähe rasch unbeachtet geduldet. Was ich zu hören bekam, schockte selbst mich, den apolitisch korrupten, haltungslosen Agnostiker und Kompromiss-Fetischisten zutiefst. Hasstiraden auf die Kanzlerin und Gabriel.

„Wir schaffen das – schmarrt die Schnepfe“ (und ich enthalte Ihnen die wirklich vielfältigen üblen Bezeichnungen schonend vor (Rausgschafft ghörts, des Terroristengschwerl, die ruinieren unser ganzes Sozialsystem, unsere Volkswirtschaft. Und wie die ausschaun – zum Fürchten. Und wenns dunkel wird, siehst du die gar nicht mit ihrer schwarzen Haut, bevor sie dich ausrauben. Geld genug zum Taxifahren hams, die Wirtschaftsflüchtlinge. Aber dafür sorgen, dass mein Hartz IV demnächst bestimmt gerupft wird. Bald muss mei Kathi dann in der Burkha zum Einkaufen. Gottseidank ham mir den Seehofer Horst, den Herrmann Joachim und den Söder Markus. Die werden die Mauer wieder aufbauen, aber diesmal als Schutzwall rund um Bayern. Und am schlimmsten sind diese protestantischen Gutmenschen, die als depperte freiwillige Helfer planlos mit Wasserflaschen rumrennen, ihre Arbeitgeber schädigen, weil sie dauernd müde sind oder gar Urlaub nehmen. Auch noch faules Studentenpack auf Kosten unserer Steuergelder. Dann meinen sie noch, sie san die Besseren – zum Speibn…“

So, kurz zusammengefasst, das „gesunde Stammtisch-Volksempfinden“ vor allem zu Beginn der Dimpfel-Treffen. Auch spannend aber, dass nach einigen Halben und zunehmender Fröhlichkeit Themenwechsel stattfanden. Zum Beispiel dass man beim Vietnamesen, wo kürzlich der „Schmock-Bräu“ pleite gegangen sei, sehr günstig und anständig essen könne. Oder beim Dönerstand am Marktplatz, wirklich feines Fleisch, sehr sättigend – und die Halbe Becks nur ein Euro. Daraufhin schwärmte einer von Billigflügen nach Pukhet, all inclusive, Vier-Gänge-Menüs, wo man grade den Mädels noch einiges beibringen könne. Noch preiswerter seis in der Tschechei – wussten andere Stammes-Brüder. „Vielleicht kriegen wir hier mit dem vielen syrischen Frischfleisch, was bei uns reindrückt, bald auch solche günstigen Zustände“ – röhrte der allstammtisch-gegenwärtige Obergschaftel unter dem dröhnenden Gelächter seiner Kumpel – „man muss halt an der Grenze gut aussuchen…“

Bin weder Hagestolz weder prüde – aber diese offensichtlich verbreitete Super-Macho-Haltung meiner Landes- und Geschlechtsgenossen fand ich so eklig, dass ich speziell für das bayerische Heimatministerium einen leicht subversiven Problemlösungs-Katalog ablieferte. Dabei ging ich von der Behauptung aus, dass sich politisch die bajuwarisch-ökonomische Leit- zu einer Leithammel-Kultur im besten Sinn des Begriffes entwickelt hätte. Schlau griff ich die Schutz- und sonstigen Sehnsüchte meiner Abhör-Ergebnisse auf. Zunächst pries ich die Idee unserer Heimat- und Justizminister, dank Zäunen und Schleusen strenge Zuwanderungskontrollen samt hochdifferenzierten Einlass-Kriterien zu installieren. Dies als Captatio benevolentiae.

Ferner riet ich dringend zu einer kleinen Abänderung des Grundgesetzes in ein Bayerisches. Nachdem – dies hinter vorgehaltener Hand – die Politik bislang in Sachen Eingliederung von Flüchtlingen nur lauen verbalen Wind produziert hat, liegen konkrete Maßnahmen nah: Wo findet Inklusion am innigsten, am intensivsten statt? Natürlich in der Großfamilie. In Anlehnung an gewisses muslimisch-islamisches Brauchtum wird die Viel-Ehe gestattet. Willkommens-Kultur ist schließlich keine Einbahnstraße. Auch wir sind aufgerufen, wie beispielsweise in Kunst und Kultur längst üblich und erfolgreich, nur auf den ersten Blick Fremdes, Ungewohntes kennenzulernen und zu akkommodieren.

Statt Schafen und Ziegen bringen die „Heiratswilligen“ das von der Bundesregierung bereits zugesagte Kopfgeld von monatlich ca. siebenhundert Euro mit. Die von Zwiesel bis Lindau ohnedies gültige „Herdprämie“ kommt angesichts des zu erwartenden Kindersegens als Sahnehäubchen obendrauf. Und dank der materiellen Klugheit unseres Bayernvolkes dürfte ein Maximum an spontaner, humaner Integrationsbereitschaft im familiären Rahmen aufblühen. Zur Vorbeugung jeglicher furchtbesetzter Überfremdung dürfen ferner Pegida-Freaks und Personen ähnlicher Gesinnung zu ähnlichen Bedingungen nach Gewissensprüfung einwandern, um den Neidfaktor von Beginn an zu stoppen. Die Antwort des Innen- und Heimat-Ministeriums warte ich Feigling lieber in Berlin ab.

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur

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