Kurz-Schluss – Wie ich einmal die überaus wunderbaren Vorzüge künstlicher Intelligenz (KI) kennen und schätzen lernen durfte


(nmz) -
Eigentlich schien ich nach etlichen schlaflosen Nächten ganz sanft träumend in jenen Tag – daran erinnere ich mich noch genau – hineinzugleiten. Ich saß an meinem DOS-betriebenen 386er PC. Es musste wohl bald ein halbes Jahrhundert her sein. Jedenfalls war ich dabei, mittels einer kleinen Manipulation der Konfigurationsdatei den gut 500 Kilobyte großen Arbeitsspeicher weitere zehn bis zwölf hinzuzufügen. Da wurde es plötzlich hell. [Vorabdruck aus der Politik & Kultur 2019/1-2]
25.01.2019 - Von Theo Geißler

Meine neue Huawei-Bildwand zauberte ein Panoramafenster mit Blick auf den Tegernsee an die Betonmauer meines Acht-Quadratmeter-Single-Appartements. Seit meine damalige Lebensabschnittspartnerin mit einem dynamischen vollhumanoiden Pflegeroboter – IQ 118 und sehr potent – durchgebrannt war, hatte ich mich mit meinen restlichen Ersparnissen in ein hochmodernes Vollversorgungsheim eingekauft. Unter der Maßgabe, dass meine Lebenserwartung zwei Jahre nicht überschreiten dürfe.

Mein Bett verwandelte sich, mich zart faltend, in einen Sessel. Auf einer Art Tisch, der vor mir aus der Wand klappte, lagen die drei Tuben mit dem Standard-Frühstück und der Heißwasser-Beutel für Morgenwäsche und Pulverkaffee. Von meiner Alexa-Box wurde ich mit säuselnder Stimme aufgefordert, mein Befindlichkeitsstirnband umzulegen – und wenig später, mich doch zu beruhigen. Eine Tür öffnet sich und meine Betreuerin in Gestalt eines Julia-Roberts-Duplikates namens Schwester Transistor wirft einen prüfend-besorgten Blick auf mich.

Mittlerweile präsentierte die Bildwand die guten Nachrichten des Tages. Im Krieg zwischen Amerika und China hätte es dank des Einsatzes von Roboter-Soldaten und hyperintelligenten Drohnen nur wenig menschliche Opfer gegeben. Dank Gesichtserkennung und neuronaler Charakter-Demaskierung seien in der vergangenen Nacht bundesweit wieder an die 200.000 potenzielle Terroristen und sonstige Störenfriede festgesetzt worden. Die Pixeldichte erotischer Serienproduktionen habe soeben die Hundert-K-Reality-Grenze geknackt. Dank Vollautomatisierung allen Verkehrswesens konnte die Erwärmung der Erdatmosphäre von errechneten jährlich fünf auf drei Grad gesenkt werden. Von Donald Trump sei ein vollidentischer unkaputtbarer Klon gelungen, sodass weitere Amtszeiten garantiert werden könnten. Die Wettervorhersage für München: Temperaturen tagsüber angenehme 52 Grad, nachts auf bis zu 40 Grad abkühlend.

Na toll. Ich zappte zum einzigen Doku-Kanal – alle anderen Frequenzen waren Sport, Pseudo-Reality, Porno und sonstigem Entertainment reserviert – ist ja auch gesünder bei derartigen Temperaturen nicht vor die Tür zu gehen. Es gab die tägliche „Sensationen-der-KI-Show“. Moderator Quanten-Ede, ein schicker Cyborg, sang in feinstem Arien-Melos, dem man sich kaum entziehen konnte, jüngste Forschungserfolge aus der Welt künstlicher Intelligenz:

Justiz: Dank KI können jetzt 98 Prozent der Arbeit von Richtern und Anwälten sowie 100 Prozent der Arbeit von Rechtshelfern automatisiert werden. Die KIs wurden anhand von Millionen von Dokumenten und Fallbeispielen und juristischen Anträgen trainiert. Danach kann eine KI diejenigen Dokumente markieren, die ein Robot-Richter für ein gerechtes Urteil braucht.

Bildung: Von frühestem Kindesalter an kann die Aufzucht und Ausbildung menschlicher Wesen in die Verantwortung kostengünstiger Pädag-Robbies übertragen werden. Ideologische Beeinflussung fällt ebenso weg wie jeglicher Pensionsanspruch. Die Wertekonditionierung kann an die durch künstliche Intelligenz verbesserten Lebensumstände angepasst werden.

Medizin: Dank Genschere ist embryonales Modelling unmittelbar nach der Befruchtung in fast jeder Hinsicht möglich. Allerdings gibt es eine humanoide Intelligenz-Grenze, die von KIs scharf kontrolliert wird. Kranke oder ansonsten defekte Organe sind synthetisch nachzüchtbar und mithilfe automatisierter Transplantationstechnik problemlos zu ersetzen.

Raumfahrt: Demnächst starten praktisch bedürfnislose KIs zum Mars, dem Asteroidengürtel und den Jupitermonden. Es geht um die Gewinnung seltener Metalle und Erden – um den KIs uneingeschränkte Replikation und Weiterentwicklung zu ermöglichen. Dank neuronaler Netze entwickelt sich autarke Lernfähigkeit und eine Pseudo-Emotionalität im Sinne von Eigeninteressen.

Kunst und Kultur: Von künstlicher Intelligenz geschaffene Hologramme, Drucke, bis ins Detail ausgefeilte Architekturpläne, Monumente und
Markenzeichen sind bereits hochwertige Standards. Die zuschauerträchtigsten Serien, die spannendsten Krimis, die kompletten Hitparaden in Sachen Musik und Bild-Stream – alles Erfolgsprodukte künstlicher Intelligenz. Nach Abschaffung des ressourcenfressenden Prints schaffen Autoren-Robos Lesestoff aller Art für zurückgebliebene Sentimentale und ihre Falt-Tablets …

Es reicht. Schließlich habe ich mich zeitlebens im Rahmen meiner Möglichkeiten um die Förderung künstlerischer Qualität bemüht. Ich werfe die ungenutzten Frühstückstuben samt Wassersack auf die Huawei-Wand und generiere erst ein Kunstwerk, dann einen Kurzschluss. Schwester Transistor kommt ins Zimmer geschossen, zieht einen Stecker – und ich kann mich nicht mehr bewegen. Sie schiebt die Decke von meinen Füßen und ich sehe blanke Aluminium-Stelzen. „Gib endlich Ruhe, oder wir nehmen Dir die auch noch weg“, säuselt sie, „und versuche gar nicht erst zu heulen. Deine Tränendrüsen habe ich mir implantieren lassen – das ist bei uns grade hochmodisch…“. Ich schweige.

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur

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