Mitmach-Pädagogik als amüsantes Vergnügen trotz Düsternis


(nmz) -
Die Aktualität von Brittens „Kleinem Schornsteinfeger“ – Münchens „Junges Gärtnerplatztheater“ wird generationenübergreifend gefeiert. „Wir müssen Kinder eigentlich schon im Mutterleib mit Musik infizieren“ forderte Dirigent Gerd Albrecht bereits im Umfeld seiner damals einzigartigen Kinderkonzerte im Noch-Schwarz-Weiß-Fernsehen der Westrepublik.
13.04.2016 - Von Wolf-Dieter Peter

Auch aus diesem Anstoß heraus sind die vielfältigen Kinderprogramme der Opernhäuser erwachsen, die derzeit dem Ver- und Ausfall der musischen Bildung im Schulbereich gegensteuern.

Das „Junge Gärtnerplatztheater“ bestreitet nun eine Serie von Benjamin Brittens „Der kleine Schornsteinfeger“ – das ist der dritte Teil seines 1949 abgeschlossenen „Let’s make an Opera“: die eigentliche Aufführung des zuvor Erarbeiteten. Historisch bewusst greift Britten da einen Aspekt der grauenhaften Kinderarbeit im 19.Jahrhundert auf. Kleine Jungs mit schmalen Körpern wurden von Kaminkehrern aus hungernden Familien herausgekauft, um in die Kamine von größeren Wohnhäusern zu klettern und zu säubern – Folgen: Abstürze mit Knochenbrüchen, Ruß-Vergiftungen und Lungenerkrankungen, vielfach mit Todesfolge.

Doch nach Kriegsende und in seinem neuen Festival in Aldeburgh wollte Britten Kindern auch Mut machen. Also zeigt das Werk einen Ausschnitt aus dem Leben des kleinen Sam: seinen Missbrauch als lebender Schornsteinfeger; Hängenbleiben, Hilferuf – und die sechs Kinder auf Urlaub in einem Herrenhaus retten den Kleinen, verstecken ihn und ermöglichen ihm nach Waschen, Essen und Taschengeld die Flucht.

Daraus haben Regisseurin Susanne Schemschies, Ausstatterin Anja Lichtenegger und vor allem Dirigent Andreas Kowalewitz einiges Hübsches mehr gemacht. Britten lässt in den ersten beiden Teilen von einem Kinderchor samt Leiterin, von den sechs Kinder-Solisten und den fünf Rollen für Erwachsene die Aufführung gleichsam erarbeiten. Das hatte der rund zwanzigköpfige Kinderchor des Gärtnerplatztheaters unter Leitung von Verena Sarrè vorweg getan. Doch in jeder Aufführung überwindet Kowalewitz auch die Grenze zwischen Publikum und Ausführenden: Als Vorspiel kommt er mit vier Kinder-Solisten und studiert die von Britten vorgesehenen Mit-Sing-Teile nach Vormachen durch die Kinder mit dem Publikum ein – und das höchst witzig bis hin schwarzem britischen Humor – Mitmach-Pädagogik als amüsantes Vergnügen.

Dann trudelten die Musiker herein und der Kinderchor marschierte als neugierige Pfadfindertruppe in die herrliche Spiellandschaft ein. Anja Lichtenegger hatte links einen Mordskamin, rechts einen Hauch von Garten, dahinter einen offenen Pavillon für die sechs Musiker gebaut; im Mittelteil der Spielfläche stehen drei „Zimmer“ als bewegliche hohe Kästen vor einer noch höheren Tür in der Rückwand – übergroß wie Kinder eben die Räume der Erwachsenen erleben. Doch diese blitzsaubere, geordnete Welt wurde gebrochen: auf der breiten Rückwand leuchten historische Schwarz-Weiß-Fotos von Arbeiterkindern im England des 19.Jahrhunderts: verdreckt, erschöpft, mut- und illusionslos.

Schemschies’ Regie zeigte dann die kleine Handlung mit strengen Erwachsenen (Ann-Katrin Naidu, Holger Ohlmann, Moritz Kugler), pfiffigen Kindern (Bravo für Sam und die sechs Helfer) und einem hilfreichen Kindermädchen (Josephine Renelt mit blitzsauberem Sopran) klar und hübsch turbulent. Sie entlässt die jungen Zuschauer aber nicht in eine heile Welt: auf den zum Publikum gedrehten Rückwänden der zuvor als Bade- und Spielzimmer genutzten Raumkästen laufen zum finalen Jubelchor kleine Videos von aktueller Kinderarbeit: auf den Müllkippen und in den Minen dieser unserer Welt.

Da wurde nach vielem Beifall, Getrampel und Gejuchze doch nachgefragt – und hoffentlich auch nachgedacht - Kinderoper eben nicht nur „süß“…

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