Musikalisches Glück frei von Routine: das Münchner Jugendorchester transferiert ein Korea-Erlebnis nach München


(nmz) -
Lamentieren gehört zum Handwerk. Und im Musikbetrieb wird reichlich gejammert. Was vor dem Hintergrund von CD-Verkäufen nicht wirklich verwundert. Und dass die Abo-Reihen deutscher philharmonischer Vereinigungen nicht gerade dicht gefüllt sind mit jugendlichen Haarschöpfen oder jungen Glatzen, fällt ins Auge. Das war jetzt anders, als im Carl Orff Saal des Münchner Gasteig-Kulturzentrums (dessen Philharmonie ja aus ästhetischen und akustischen Gründen zu recht geschmäht ist) symphonischer Auftrieb sich einstellte.
29.03.2011 - Von Wolf Loeckle

Nicht gerade aus akustischen Gründen. Und auch nicht im Probelauf für einen Philharmonie-Ersatz. Denn dafür ist auch dieser Saal nicht gebaut. Immerhin aber, es wurde voll, achtzig plus X junge Musikerinnen und Musiker, das Münchner Jugendorchester, verstärkt um einige wenige Profis aus ortsansässigen Berufsorchestern, hatten das Podium eingenommen. Um sich nach achtundzwanzig Jahren Münchner Jugendorchester erstmals hier „am gaachen Steig“ (am steilen Anstieg=Gasteig) dem Münchner Publikum zu präsentieren.

Um eine erfolgreiche Korea-Tournee vom Herbst des vergangenen Jahres hier geographisch transferiert ins örtliche Bewusstsein zu heben. Jenes „World Peace Concert“ der Vereinten Nationen nämlich und das Festkonzert „Zwanzig Jahre Deutsche Einheit“ im Seoul Arts Center vor dort dreitausend Zuhörern galt es zu erinnern. Und dass da ein Stück uraufgeführt wurde, das jetzt erstmals in Europa erklang, wirkt einleuchtend, ein Opus nämlich, das den Deutschen indirekt gratuliert zur Vereinigung. Einem politischen Vorgang, den Korea noch nicht zu vollbringen imstande ist. Dieses Yong-Jin-Kwon-Opus mit dem Titel „Kyung-Hee Fantasia through the World“ ging denn auch zunächst irgendwie modern-laut zur Sache, klang aber zwischendurch ein wenig nach Vorstufe zur Hymne für (Winter)Olympia 2018 in Korea, changierte zwischen Gefühligkeit und Diktion, zwischen asiatischer Melodienseligkeit und angemaßter europäischer Moderne. Orchester und Dirigent Mark Mast hatten ihre Freude daran. Zum Auftakt dirigierte Mark Mast, Intendant der Bayerischen Philharmonie e.V., hoch motivierend Beethovens „Egmont-Ouvertüre“, was sich nicht gerade als fulminantes Einspielstück erwies.

Dann aber ging es zur Sache – nach dem kleinen Schock, dass der als genialisch angekündigte Pianist Zsolt Bognár aus Cleveland krankheitshalber hatte absagen müssen. Die in München geborene und mittlerweile weit über das Klavierfestival Ruhr und das japanische Nagoya hinaus gerühmte Pianistin Mona Asuka Ott faszinierte zuerst mit ihrem körperbewussten Auftritt in knallrot-wallendem, von tiefschwarz weit fallendem Haar umranktem Gewand. Und dann aber ab dem ersten bis zum letzten Ton mit fulminanter instrumentaler Perfektion und sensibler Diktion voller Verstand und Verständnis für Rachmaninows drittes Klavierkonzert, das er schwierigen Lebensumständen abgetrotzt hatte.

Das zog ein wundervoll aufblühendes Orchester in die Zirkel der Hochleistung hinein. Das wurde ein rauschendes Fest der Musik – und der faszinierten Gäste. So etwas passiert selten im Routinebetrieb zwischen Wien und Wuppertal, zwischen Berlin und Bochum. Und das Münchner Jugendorchester hatte noch eins drauf zu legen. Gab es denn dann doch noch Anton Dvoráks neunte Symphonie, die „aus der Neuen Welt“. Klar ging da mancher Ton daneben. Und klar wackelte da dies und das. Aber Mark Mast und seine von ihm wundervoll animierten Musiker machten aus dieser Sehnsuchtsmusik keine Projektion von Heimat. Sie erschufen Heimat. Klar auch dank des Engagements einiger der erwähnten Profis. Doch was hier zwischen vierzehn und vierzig Lebensjahren der jungen Musikerinnen und Musiker abging, das war unvergleichlich. Das war Musik pur. Und nicht die Ablieferung von olympiaverdächtigem Hochleistungssport. An solch seltenen Abenden keimt Hoffnung auf, dass diese wunderbare Musik von gestern auch morgen noch den Menschen Empfindungsräume und Denk-Territorien eröffnen möge.

In solchen Momenten gilt es Danke zu sagen an Eltern und Kinder und Institutionen und – zum Beispiel an Mark Mast, der sich da wirklich voll und ganz hinein begibt. Da lebt der Glaube wieder auf an die autonome Weltsprache Musik, die nicht zur „Kernmarke Musik“ im perfektionswahnsinnigen Unterhaltungsbetrieb verkümmert.