Nicht irgendwann, sondern Utopie jetzt! 10. Festival Neue Musik im Raum Kirche in Mülheim an der Ruhr


(nmz) -
Utopie? Wissen wir doch. Ist, ganz klar, die bessere Welt, die schönere. Nur, weit weg. Weshalb wir uns auch nicht groß zu mühen brauchen. Also weiter im Text. – Eine Logik, die einem Kirchenmusiker aus Mülheim an der Ruhr nicht mehr recht eingeleuchtet hat. Weswegen es jetzt zum zehnten Mal auf und rund um den Kirchenhügel der alten Petrikirche hieß: Utopie jetzt!
03.11.2012 - Von Georg Beck

Mit der Utopie, glauben wir zu wissen, ist das so ungefähr wie mit dem Jüngsten Tag. Im Glauben wird er bekannt, auf der Rechnung haben wir ihn nicht. Deshalb (fatale Dialektik) ein Lob der Gewohnheit! Wir machen einfach weiter wie bisher. Da wissen wir Bescheid. Da kann nichts schief gehen. – Ein karikierender, ein überzeichnender Blick auf die Szene? Gijs Burger meint, nein. Zehn Jahre sind es jetzt her, dass der Mülheimer Kirchenmusiker mit holländischen Wurzeln besagte Kluft selbst sehr deutlich gespürt hat: Die Welt dreht sich, aber wir verharren in unserem Trott. Immer die gleichen Stücke zu den immer gleichen Anlässen auf dem immer gleichen Instrumentarium. Die Neugier im Winterschlaf.

Aus diesem Unbehagen am Zustand der (kirchenmusikalischen) Kultur ist binnen kurzem bei tatkräftiger Mithilfe von Mitstreitern (Andreas Fröhling, Klaas Hoek, Manfred Schreier) ein Festival entstanden, das heute zu den Lichtblicken der Region gehört. Utopie jetzt! Ein Festival Neue Musik im Raum Kirche. Ein programmatischer Name, der Position und Öffnung zugleich anzeigt. Besagter „Raum Kirche“ ist eben nicht nur der Kirchenraum. Im Jubiläumsjahr hat man dazu sogar nun auch kurzerhand die Kundenhalle der örtlichen, (mit)finanzierenden Sparkasse einbezogen, bespielt von Mülheimer Realschülern, angeleitet von Klangkünstler Ben und Erwin Stache/Ensemble Atonor. Solcherart Ausflüge ins Stadtgelände, ewa auch das von Atonor angeleitete „musikalische Irritainment“ und eine Stäbler-Performance am Forum City sind festivalhistorisch vergleichsweise späte Früchte.

Werk – Werkstatt

Entstanden ist das Festival ganz aus dem Werkstatt-Gedanken und der Werkstatt-Praxis. Mit der Betonung auf Werk, um das man sich versammelt. Beispielsweise das die Orgel betreffende Oeuvre von Utopie jetzt!-Mitstreitern Gerhard Stäbler, Dieter Schnebel, Hans-Joachim Hespos. Was wiederum Gijs Burger, wenn er an diese klassisch-utopischen Anfänge denkt, ins Grübeln bringt. „Sie kommen nicht. Sie spielen lieber weiter ihren Liszt und Reger.“ Gemeint sind die Orgelstudenten an den Musikhochschulen ringsum. Eine frustrierende Erfahrung, die das Seminar Neue Orgelmusik, die Kernzelle des Festivals, zwischenzeitlich in der Versenkung hat verschwinden lassen. Was soll schon an der Orgel-Literatur, was an der Orgel selbst utopisch sein? Ein bedenklicher, ein gefährlicher Standpunkt, der sich eigentlich schon ad absurdum führte, wenn der Herr oder die Frau Jungstudentin auf die Nachbarstadt Essen schaute, wo an der Evangelischen Kirchgemeinde Rellinghausen eine Orgel steht, die vom Organisten und Komponisten Gerd Zacher mit Rücksicht auf die neuere Literatur entwickelt wurde. Mit individueller Windsteuerung etwa.

Wie inspiriert davon scheint auch die Orgel der Mülheimer Petrikirche zu sein, die dank eines nachgerüsteten Frequenz-Umformers nun ebenfalls den Motor soweit runterfahren kann, dass tonloses Spiel möglich ist. Jan Esra Kuhl, der die einzige Uraufführung des Festivals geliefert hat, wollte darüber hinaus noch so utopische Sachen realisieren wie eine individuelle Windsteuerung pro Windlade, wofür Burger extra die umliegenden Baumärkte aufgesucht hat, um entsprechende Vorrichtungen zu (er)finden und zu montieren. Und da der Komponist für sein „Neues Stück für Orgel und Harmonium“ auch noch eine ziemlich schnelle Registrierung vorgesehen hatte, waren an der Realisierung am Ende acht Ausführende im Spiel. Wo Utopie jetzt! drauf steht, muss sie auch drin sein.

Klar sein

Wie immer hofften die zahlreichen Festival-Freunde auch dieses Mal wieder auf Manfred Schreier und sein Trossinger Ensemble Polyphonie T. Und wurden nicht enttäuscht. So sicher und so mutig allein die programmierende Handschrift von Schreier. Clytus Gottwalds Haydn-Annäherung (Genesis), Lachenmanns spät bearbeites Frühwerk Consolation sowie zwei Nono-Lichtblicke. Selten hat man La fabricca Illuminata so herb und bildreich ausgesteuert gehört wie hier. Dieser Sturzbach aus Schrauben und Bolzen, diese Schicksalsmetapher gegen die sich die Stimme (Alice Fuder) so inspirierend stemmt. Im Finale dann das Spätwerk „Das atmende Klarsein“, das selten zu hören und noch seltener so durchleuchtet zu hören ist wie in dieser Realisierung mit Matthias Schneider-Hollek, der die liveelektronische Transformation des Klangs der Bassflöte (ganz fabelhaft Valerio Fasoli) und der Gesangsstimmen absolut überzeugend realisierte. Utopie jetzt! Ab jetzt auch ein anderer Name für Klarsein. 

Unklar blieb bei dieser Jubiläumsaufgabe der Auftritt des WDR Rundfunkchores. So sinnig die Psalm-Thematik (mit Rezitationen und Erläuterungen von Hans-Josef Ortheil) war, was an Jaako Mäntyjärvis Stuttgarter Psalmen, an Einojuhani Rautavaaras Erster Elegie utopisch sein sollte, blieb das Geheimnis von Rupert Huber-Ersatzmann Stefan Parkman. Das war teilweise nicht nur arg geschrieen (wie in Mendelssohns op. 78, Mäntyjärvis Urbild), sondern kam vor allem daher wie im Faltenwurf des 19. Jahrhunderts. Dabei hieß es doch: Utopie jetzt!

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