Nietzsche hoch drei: Franz Hummels „Zarathustra“ in Regensburg uraufgeführt


(nmz) -
Also sprach Franz Hummel: „Jeder wirklich musikalische Mensch ist ein Romantiker…“ Entsprechend habe er versucht in seiner Nietzsche-Oper mit einer „selbst erfundenen Romantik“ dem Geist der Epoche nachzuspüren und Nietzsches Denken in einen musikalischen Raum zu versetzen. Die Uraufführung des „Zarathustra“ am Theater Regensburg machte den Zwiespalt zwischen dieser eher abstrakten Haltung und dem Wunsch des Auftraggebers und Regisseurs, Intendant Ernö Weill, nach einem biografischen Stationentheater spürbar.
25.04.2010 - Von Juan Martin Koch

So erfahren wir also, dass Nietzsche ein Picknick im Freien dem Mittagessen im Frauenhaushalt vorzieht, werden Zeuge der Frack-Anekdote, die der schicksalhaften Begegnung mit Richard Wagner vorausgeht, bekommen vorgespielt, wie diese Freundschaft ebenso in die Binsen geht wie die zunächst im hymnischen Liebesduett besungene Beziehung zu Lou Salome, und hören den irren Denker schließlich in der Anstalt „Gott ist tot“ schreien.

Dem intelligent-sinnlichen Bühnenbild von Karin Fritz ist es zu verdanken, dass diese Szenenfolgen zumindest optisch einen gewissen Theaterzauber entfalten. Der Quader des ersten Bildes zerteilt sich in drei von nun an frei im Raum zu verschiebende Rahmen, die, unterstützt von der Lichtregie Martin Stevens’, immer neue Perspektiven und Fokussierungen erlauben.

Dies korrespondiert mit der Auffächerung der Nietzsche-Figur in drei Persönlichkeitsebenen: Während der junge Nietzsche, von Jasmin Etezadzadeh in schwärmerisches, nicht durchweg raumfüllendes Mezzo-Timbre gekleidet, als Seiltänzer (Nietzsches verletztes Ich) weiter präsent bleibt, steht dem erwachsenen Dichter (mit kontrolliertem Hochdruck: Kai Günther) ein bis auf eine Ausnahme unsichtbarer Zarathustra zur Seite. Transzendiert zu einem Gesangstrio (Anna Fischer, Jung-Hwan Choi, Sung-Heon Ha) erklingt Nietzsches Denken in Originalzitaten somit aus dem Lautsprecher, eine akustisch leider vollkommen unbefriedigende Umsetzung einer musikalisch durchaus reizvollen Idee.

Weitere Tiefendimensionen versucht das Ballettensemble in der Choreografie Olaf Schmidts erfahrbar zu machen. Das gelingt mit dem ersten, bühnentechnisch beeindruckend umgesetzten Seiltanz, und auch die ersten Gruppenbewegungen der in schwarze, punktuell schillernde Ganzkörperstrümpfe gesteckten Tänzer haben eine ganz eigene körperliche Kraft. Als würden die versehrten Skulpturen eines Giacometti zu Leben erwachen, so verkrümmen sie sich zu bizarren Formationen, verstiegenen Denkgebilden.

Bei weiteren Auftritten nutzt sich das Bewegungsrepertoire ein wenig ab; der vorletzten Szene, in der Nietzsche in seinen Erinnerungen förmlich eingesperrt ist, können die Tänzer nicht das an Intensität geben, was dem theatralischen Konzept hier fehlt. Gerade weil nun alle Personen noch einmal ihre, von gesprochenen Einspielungen bedeutungsschwer aufgeladenen Kurzauftritte haben, wird die mangelnde Tiefenschärfe der zuvor allzu brav absolvierten szenischen Begegnungen um so deutlicher.

Das liegt freilich nicht nur an Sandra Hummels, größtenteils aus Originalmaterial kompiliertem Libretto, auch Franz Hummel gelingt es selten, mit seiner Musik Spannungsbögen aufzubauen, die weiter tragen als von einem Zitat zur nächsten Stilübung. Vorhersehbare Rückgriffe auf Wagner und, nach Nietzsches Entfremdung, auf Brahms (Klaviermusik, mit dezenten Streicherdissonanzen umwölkt) und Bizet werden ebenso routiniert eingebaut wie eine Dies-Irae-Verfremdung, Broadway-Anklänge im Federballduett mit Cosima oder Fin-de-Siècle-Schwulst im tremolierenden Liebestaumel mit Lou Salome (höhensicher: Gesche Geier).

Dort, wo er einen durchaus sperrigen eigenen Tonfall anschlägt, kommt immerhin Hummels Theaterpranke zum Einsatz: dräuendes Blech samt Pauken, wenn Nietzsche zum Militär eingezogen wird, ein dumpfer Pizzicato-Teppich zur zweiten Tanzszene oder – auch szenisch dank Papiertheateroptik der stärkste Moment – die hysterisch sich überschlagende Bayreuthparodie samt Zwischenrufern aus den Logen. Langweilig, das muss man Hummel und Regisseur Weil lassen, wird’s an diesem Abend nie.

Das Philharmonische Orchester arbeitet sich unter der Leitung von GMD Tetsuro Ban geduldig und mit beachtlichem Einsatz durch die rhythmisch mitunter äußerst vertrackte Partitur, der Chor (Christoph Heil) ist nicht nur stimmlich (schöne A-capella-Passagen), sondern auch szenisch von beeindruckender Präsenz. Das ganze Ensemble (Markus Ahme als Richard Wagner, Seymur Karimov als Paul Rée seien stellvertretend noch genannt) meistert die Herausforderung mit Bravour, der Jubel gilt am Ende allen Mitwirkenden ebenso wie Hummel selbst.

Wahrscheinlich haben wir an diesem Abend mehr über ihn erfahren als über Friedrich Nietzsche.

Zarathustra

Zarathustra in Regensburg: Beim Aufgehen des Vorhangs ein gelungenes Bild von Nietzsches Zeit. Wer von den Besuchern dieser Vorstellung hat schon einen solchen background wie dieser Kritiker in > Jazz Zeit< ? Das schützt ihn aber nicht davor mit seinem Intellekt auch Irrwege zu gehen. Nietzsche auf eine Opernbühne zu erleben machte mich sehr neugierig. Wir, (5 Besucher) lasen Zarathustra daraufhin intensiv um die vagen Erinnerungen aufzufrischen. Wir waren alle wirklich gespannt auf das, was in Aussicht stand. Dass es sich bei Nietzsches Philosophie nicht um eine Musik gefälliger Klänge im Opern Genre der meist gespielten Opern handeln konnte war ja klar. Um Zarathustre zu verstehen muss man ohnehin so manchen Absatz zwei oder dreimal lesen um seine in Gedanken - Schleifen vorgetragenen Erkenntnisse zu verstehen. Also ist vorausgesetzt zu wissen was das Denken Nietzsches ausmacht, will man diese Aufführung verstehen. Schon längst an Bühnenbilder gewöhnt, die nicht mehr den Erwartungen Altvorderer entsprechen, waren doch die beliebig verschiebbaren Quadratrahmen eine gelungene Art die schnellen Szenenwechsel bühnentechnisch zu bewerkstelligen. Was uns sehr beeindruckte war das durchgehende Bild des Balletts mit den gut einstudierten abstrakten Figuren in stets fast schwarz gekleideten Kostümen. Dies half wesentlichen die Gedankenwelt des Philosophen wiederzugeben. In abwechelnden Szenen wurde gelang es so, Nietsches Leben als auch seinen philosophischen Kopf in diesem Werk optimal darzugestellen. Mehr, so glaube ich, lässt sich kaum Leisten. Noch einmal zur Musik, sie dient ja praktisch als tragende Unterlage zu diesem Schauspiel. sie muss gut zur Darstellung gepasst haben haben, denn sie war in keiner Szene störend. Dies aber sagt einer, der im Allgemeinen der abstrakten Musik weniger zugeneigt ist. Einer Wiedergabe in anderen Häusern wünsche ich dazu ein ebenso sensibles Vorgehen.


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