Nur keinen Aufruhr, der Betrieb muss laufen – Kein Erfolg für den Dresdner Tänzer István Simon vor dem Arbeitsgericht


(nmz) -
Am 15. März fand vor dem Arbeitsgericht Dresden ein bemerkenswertes Verfahren statt. Der Tänzer Istvan Simon, Erster Solist am Semperoper Ballett, klagt gegen den Freistaat Sachsen. Nachdem er der Leitung des Hauses gegenüber beklagt hatte, von einem Ballettmeister des Semperoper Balletts sexuell belästigt worden zu sein, verhängte diese eine Freistellung des Tänzers: Er darf nicht mehr an den Proben teilnehmen und wird für Aufführungen nicht mehr besetzt. Im Verfahren am 15. März zeigte das Gericht eine erstaunlich geringe Sachkenntnis und entschied zu Ungunsten des Tänzers. Die Freistellung respektive Suspendierung bleibt bestehen.
18.03.2018 - Von Boris Gruhl

Für einen 30-jährigen Tänzer, bisher ungemein erfolgreich und auch als Gast gefragt, kann eine solche Suspendierung das Karriereende bedeuten. Will die Semperoper das? Offenbar will man hier vor allem eines: alles so lassen, wie es ist. Gerrit Wedel, stellvertretender Geschäftsführer der Vereinigung deutscher Opernchorsänger und Bühnentänzer (VdO), hat die Verhandlung persönlich erlebt. „Es ist sehr bedauerlich“, so Wedel im Anschluss, „dass ein so bedeutendes Haus wie die Semperoper diesen Vorfall nicht dafür nutzt, Standards zu schaffen, wie mit Beschuldigungen dieser Art umzugehen ist. Klar ist, dass es sich hier nicht um einen Einzelfall handelt. Statt betroffenen Künstlerinnen und Künstlern aufzuzeigen, wie sie im Fall von sexueller Belästigung oder sexuellen Übergriffen agieren können, ohne dass sie ihre Karriere gefährden, wählt die Semperoper den Weg, alles unter den Teppich zu kehren. Dabei wäre es angezeigt, Prävention zu betreiben und Betroffene zu unterstützen.“ Über die Verhandlung und ihre Hintergründe berichtet hier unser Autor Boris Gruhl.


Am 15. März fand vor dem Arbeitsgericht Dresden ein bemerkenswertes Verfahren statt. Das Ergebnis: Nach Missbrauchsvorwürfen des Tänzers Istvan Simon gegen einen Ballettmeister beim Semperoper Ballett Dresden hält das Sächsische Arbeitsgericht die daraufhin seitens der Staatsoper angeordnete Suspendierung des Tänzers von den Proben und somit die Streichung geplanter Auftritte bis zum Ende der Spielzeit für gerechtfertigt. Eine weitere Zusammenarbeit des Klägers mit dem Beklagten müsse ausgeschlossen werden. Von „Suspendierung“ will der Anwalt des Freistaates, gegen den der Tänzer klagt, nicht sprechen, er bevorzugt den Begriff „Freistellung“. 

Richter Christian Weinrich begründet die Entscheidung der Kammer des Arbeitsgerichtes in Dresden damit, dass dem Arbeitgeber zugestanden werden müsse, „dafür zu sorgen, dass der Betrieb weitergeht.“ Die „Organisationshoheit“ der Sächsischen Staatsoper könne nicht in Frage gestellt werden.

Istvan Simon gehört seit 2007 dem Semperoper Ballett als Solist an. Seit 2014 ist er dort Erster Solist, vielfach eingesetzt, erfolgreich, international gefragt, insbesondere als Gast bei Ballettgalas. Sein Repertoire an klassischen und zeitgenössischen Rollen ist groß.

István Simon empfindet im Rückblick die Arbeit in Dresden als störungsfrei – bis er sich im September letzten Jahres öffentlich dazu bekennt, in seiner geschlechtlichen Zuordnung zwischen männlichem und weiblichem Empfinden zu wechseln, „Gender Fluid“, nicht zu verwechseln mit „Transgender“.

Die Reaktionen des Ballettmeisters darauf empfindet der Tänzer als sexuelle Belästigungen und Übergriffe. Der Ballettmeister sieht das nicht so und legt dazu eine innerbetriebliche, eidesstattliche Erklärung ab. Bis zur endgültigen Klärung dieses daraus erwachsenden Prozesses können Jahre vergehen, denn ein solches Verfahren geht in der Regel durch mehrere Instanzen: Bühnenschiedsgericht, Oberbühnenschiedsgericht, Arbeitsgericht, Landesarbeitsgericht und Bundesarbeitsgericht. 

Im Dezember 2017 kommt es zu Personalgesprächen, Simon hält es nicht mehr für möglich, allein mit dem von ihm beschuldigten Ballettmeister zu proben, Hospitanzen des Ballettdirektors Aaron S. Watkin werden zugesagt, können aber nicht durchgehalten werden. Nach Aussage der Oper in der Verhandlung, am 15. März vor dem Arbeitsgericht stehen dafür auch die weiteren, fest angestellten zwei Ballettmeisterinnen und ein Ballettmeister nicht zur Verfügung. Ein Zusammentreffen des Klägers und des Beschuldigten ließe sich somit nicht vermeiden.

Im Januar 2018 muss die „Freistellung“ dann aber aufgehoben werden, die Mitwirkung des Tänzers in Aufführungen der Choreografie „Impressing the Czar“ von William Forsythe ist nicht ersetzbar. Sofort, nach der letzten Vorstellung, wird die Suspendierung vom Probenbetrieb erneut ausgesprochen. Da nach Aussage der Oper für alle bis zum Ende der Spielzeit geplanten Aufführungen lediglich der beklagte Ballettmeister zuständig sei, sah man sich auch gezwungen, geplante Aufführungen mit dem Kläger, die zumindest in zwei Fällen auf der Homepage der Oper noch ausgewiesen sind, zu streichen. Für diese Spielzeit ist kein Einsatz des Tänzers vorgesehen, der entsprechende Ballettmeister ist nicht austauschbar, so Meinolf Reuther als Anwalt des Freistaates.

Somit bleibt die Klage des Tänzers István Simon vor dem Arbeitsgericht gegen den Freistaat Sachsen, gegen seinen Ausschluss von der Probenarbeit und daraus folgende Streichungen seiner Vorstellungen erfolglos. Natürlich besteht die Möglichkeit, gegen das Urteil in Berufung zu gehen. Diesen Schritt hat sein Anwalt auch ankündigt.

Zum Glück konnten der Anwalt des klagenden Tänzers, Hendrik Hagen, und Gerrit-Michael Wedel als stellvertretender Geschäftsführer der Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer e.V., gegen vorgebrachte Ungereimtheiten seitens der Oper widersprechen – wenn auch am Ende ohne das erhoffte Ergebnis zu erzielen.

So wird mehrfach von Seiten der Beklagten betont, dass es dem Tänzer ja weiterhin frei stehe, am täglichen Training teilzunehmen. Training allein aber hält keinen Tänzer in Form. Proben und Auftritte gehören dazu, die Zeit der tänzerischen Aktivitäten ist ohnehin bemessen, István Simon ist 30 Jahre alt.

Mehrfach wird im Verlauf der Verhandlung das Argument ins Feld geführt, Simon sei oft gar nicht einsetzbar gewesen, da er sich für Gastauftritte bei internationalen Galas freistellen ließ. Ein Argument, das nicht überzeugen kann: Solche Freistellungen sind nur nach Genehmigung und in Absprache mit der Ballettdirektion möglich. Sie können nicht plötzlich festgelegt werden ohne eingehende Prüfung, wie sie sich in Übereinstimmung mit der Planung des Repertoires bringen lassen.

Spätestens als der Anwalt des Klägers die Summe von 80.000,00 Euro erwähnt, die seitens der Oper als Abfindung benannt wurde, kann man sich nicht mehr des Eindrucks erwehren, dass hier Ruhe um jeden Preis geschaffen werden oder mehr noch, ein Exempel statuiert werde soll, klar gerichtet gegen mögliche Solidarisierungen mit dem Kläger, womöglich sogar im eigenen Ensemble.

Und die sich in diesem Zusammenhang aufdrängende Frage, wer denn die drei Kreationen für die nächste Premiere beim Semperoper Ballett, am 2. Juni 2018, mit dem Titel „100°C“ mit Erstaufführungen von Justin Peck, Jiří Kylián und Hofesh Shechter einstudiert, wird nicht gestellt. Bislang ist der von Simon beklagte Ballettmeister dafür nicht vorgesehen. Allerdings wird seitens der Oper mehrfach betont, dass das gesamte Haus in Aufruhr sei, womit für den Richter offensichtlich klar ist, dass der Betrieb gefährdet ist. Wie sich dieser „Aufruhr“ äußere, wird allerdings auch nicht erläutert, gezielte Nachfragen dazu gibt es nicht.

Dass der Tänzer István Simon in seiner Funktion als Erster Solist den nach der Beratung mit den Schöffinnen vorgetragenen Vermittlungsvorschlag des Richters wirklich annehmen könnte, kann doch selbst der Richter nicht wirklich geglaubt haben. Simon könne doch, so sein Vorschlag, wenn er mit anderen Ballettmeistern zusammenarbeiten wolle, auf solistische Einsätze verzichten, und andere Aufgaben im Ballett übernehmen. Am Ende verstärkt sich der Eindruck, dass man seitens der Oper an einer Lösung des Problems nur insofern interessiert war, es zu umgehen, dass man für Ruhe sorgt und alles so lässt, wie es ist: Tänzer sind ersetzbar, Ballettmeister nicht.