Saisoneröffnung in Mailand: „Andrea Chénier“ im Spiegel der Gesellschaft


(nmz) -
Nur sehr selten führt der Weg vom Vorplatz der Oper so direkt auf die Bühne wie bei Umberto Giordanos Revolutionsoper an der Scala. Wenn in Mailand die Saison beginnt, blickt traditionsgemäß die ganze Opernwelt dorthin. Das Teatro alla Scala, die Mailänder Scala, gilt ja noch immer als Hochburg der Szene.
09.12.2017 - Von Michael Ernst

Und seit Riccardo Chailly dort 2015 als Musikdirektor angetreten ist, wird Traditionspflege an diesem Theater noch einmal ganz anders definiert als bisher. Schließlich soll etwas fortgeführt werden, was ganz stark an Arturo Toscanini erinnert, an Claudio Abbado und Riccardo Muti, auch wenn ein jeder dieser Maestri nur allzu gern sein eigenes Denkmal hätte errichten und sich nie und nimmer an einem anderen hätte messen lassen wollen.

Am 7. Dezember war es mal wieder soweit, am Tag des Mailänder Schutzpatrons Sant’Ambrogio, dem Heiligen Ambrosius, da feierte sich die ganze Stadt – und startete abends wie zur Krönung die erste Opernpremiere der neuen Saison. Diesmal mit „Andrea Chénier“ von Umberto Giordano, am Pult natürlich Riccardo Chailly und auf der Bühne eine Traumbesetzung.

Dieses Datum ist tatsächlich ein Festtag für die gesamte Hauptstadt der Lombardei. Die Menschen sind auf Straßen und Plätzen unterwegs, füllen die Geschäfte ebenso wie die Cafés und Restaurants. Wer aber so richtig mit dazugehören will (und es sich leisten kann), geht abends in die Oper.

Bei bis zu vierstelligen Kartenpreisen sind naturgemäß sehr viele Menschen ausgeschlossen von einem Ereignis, das anderen als ein Muss gilt, sich an diesem Abend vor Kameras und im Blitzlichtgewitter zu zeigen und zu weiden. Dennoch fiel auf, dass die Scala diesmal nicht ganz ausverkauft gewesen war.

Große Aufmerksamkeit blieb ihr trotzdem gewiss, wie selbstverständlich auch wieder in Form von Straßenprotesten auf der Piazza davor. Denn die gehören wie ein Ritual mit dazu, schließlich gilt die Mailänder Oper als versnobt, dekadent und lange schon unzeitgemäß – entsprechend hoch war auch wieder die Polizeipräsenz mit weiträumigen Absperrungen und gründlichen Kontrollen rund um das noble Theater.

Wie kaum sonst führte all dies jedoch von der Straße geradewegs zur Bühnenhandlung, denn mit Umberto Giordanos „Andrea Chénier“ stand schließlich eine Revolutionsoper an, ein Großwerk, das 1896 in Mailand uraufgeführt worden ist und seinem Publikum das Oben und Unten der Gesellschaft sehr direkt vor Augen führt. Auf der Bühne wie im Publikum wurde der wachsende Abstand gesellschaftlicher Schichten zelebriert, der bei Chénier / Giordano allmählich aufgelöst wird, zerbricht und von der Historie der Französischen Revolution letzten Endes nur umgekehrt worden ist. Auf der Straße wie auf der Bühne, auf der Bühne wie in den Logen und im Parkett prallen Unter- und Oberschicht aufeinander, die den direkten Kontakt zueinander längst verloren haben. Die selbsternannte Elite wird begafft, lässt sich begaffen, wird bestaunt, lässt sich bestaunen, und wird halt auch kräftig gehasst.

Wer nun aber mutmaßt, dass die Regie solche Parallelen auch auf die Bühne gebracht hat, sieht sich getäuscht. Immerhin ist die Mailänder Scala ja ein Museum ihrer selbst, da überwiegt also nach wie vor das große, das ganz große Ausstattungstheater. „Andrea Chénier“ war in prächtigem Rokoko-Ambiente zu erleben, Regisseur Mario Martone hat ein Kostümfest inszeniert (Bühne Margherita Palli, Kostüme Ursula Patzak), in dem die revolutionäre Ideale und inbrünstige Liebe eng verquickende Handlung mit geradliniger Personenführung und großen Chorszenen erzählt worden ist. Was mit einem großen Fest des Adels beginnt und mit der Hinrichtung des Dichters Andrea Chénier und seiner Geliebten Maddalena endet, wird sowohl in diesem Fest als auch beim unheilverkündenden Revolutionstribunal des aufgebrachten Volkes in gefrorenen Szenen dargestellt, als hätten sich da nur die Rollen von Oben und Unten vertauscht. Das ist sehr überzeugend umgesetzt worden - doch im Mittelpunkt steht in Mailand natürlich weniger die Regie, sondern stets die Musik.

Und die liegt seit nunmehr drei Jahren in Händen von Riccardo Chailly, der ja in Mailand im wahrsten sowie im übertragenen Wortsinn zu Hause ist, also auch musikalisch. Was nicht nur für die Literatur gilt, die er geradezu meisterlich pflegt, sondern eben auch für das unter seinen Händen in einer Fülle von Klangfarben blutvoll lebendig aufblühende Orchester – und nicht minder für den bestens präparierten Chor.

Viele Opernfreunde dürften freilich auch diesmal wieder einzig wegen Anna Netrebko nach Mailand gepilgert sein, von deren Maddalena sie Großes erwartet haben mochten. Sie wurden nicht enttäuscht, denn trotz spielerischer Zurückhaltung gestaltete sie mit einer wunderbaren Stimmkultur, einem warmen, in jeder Lage sicheren Sopran, da hat man sehr gerne zugehört. Auch wenn ihre Kolleginnen Annalisa Stroppa als Bersi und Mariana Pentcheva als Contessa Coigny da in nichts zurückstanden.

Etwas durchwachsener sah es bei den Herren des Abends aus. Die Titelpartie war mit Yusif Eyvazov besetzt, bekanntlich dem Gatten von Anna Netrebko. So wie sie in der Tradition einer Maria Callas, einer Renata Tebaldi und einer Anna Tomowa Sintow auftrat, so hätte Eyvazov sich mit einem Mario del Monaco und einem José Carreras messen lassen müssen – diese Latte schien denn doch reichlich hoch angelegt. Er wirkte in manchen Lagen angestrengt, gepresst und überfordert, auch wenn das Kritik auf recht hohem Niveau sein mag, war jedoch unüberhörbar, dass er nicht so ganz in die Riege dieser Premierenbesetzung gepasst hat. Just neben dem kraftvoll noblen Luca Salsi als Gérard fiel Eyvazivs Chénier deutlich ab. Was ihn nicht daran hinderte, sich tenoral kräftig feiern zu lassen.

Denn das Publikum in Mailand kann sehr emphatisch sein. Es spendete lautstarke Bravo-Rufe für Chailly und Orchester, bewarf mit einem Blumenregen Solisten und Chor, erstattete Bravi auch für die Regie und verdientermaßen immer wieder für die Sängerbesetzung, ließ hier und da aber auch Buh-Rufe aus jenen Reihen ertönen, die noch genau hinzuhören gelernt haben.

  • Termine: 10., 13., 16., 19. und 22. Dezember 2017 sowie 2. und 5. Januar 2018

Das könnte Sie auch interessieren: