Schwerer Einschlag in Putiwl – Dmitri Tcherniakovs „Fürst Igor“-Inszenierung in Amsterdam


(nmz) -
„Knjas Igor“ gehört zu den großen Sorgenkindern der Musiktheatergeschichte. Der als Naturwissenschaftler international bekannte Militärarzt Alexander Borodin, nebenbei ein hoch talentierter Musiker und Komponist, entwickelte Ende der 1860er Jahre den Plan, aus dem altrussischen Epos „Slowo o polku Igorewe“ eine musikdramatische Arbeit abzuleiten.
10.02.2017 - Von Frieder Reininghaus

Beiläufig sollte sie den Patriotismus für das ständig sich noch vergrößernde russische Vaterland befeuern: Die vieraktige Oper mit Pro- und Epilog bekundet porentief Zarentreue und beschwört neben der Einheit des Reichs und der Volksseele russische kulturelle Identität. All das passt bestens in die heutige politische Landschaft.

Borodin konnte sein opus summum nicht vollenden. Nachdem er im Februar 1887 auf einem Ball einem Herzinfarkt erlag, sorgten die Freunde Nikolai Rimski-Korsakow und Alexander Glasunow rasch für die Fertigstellung und 1890 für die Uraufführung von „Knjas Igor“ in St. Petersburg. Seitdem sind immer wieder weitere Original-Materialien aufgetaucht und zum Noten-Corpus hinzugefügt worden. Da eine definitive Werkgestalt also nicht gegeben ist, muss für jede neue Produktion eine Version erarbeitet oder zusammengestellt werden. Die Fassung, zu der sich Stanislav Kochanovsky und Dmitri Tcherniakov für die Metropolitan Opera entschieden, wirkt in sich konsistent und plausibel – trotz des Ausschweifens der zunehmend ‚wagnernden’ Orchester-Interludien im letzten Drittel.

Die New Yorker Produktion wurde nun nach Amsterdam verpflanzt und dokumentiert, gestützt auf die höchst solide Arbeit des Rotterdams Philharmonisch Orkest, dass diese Oper als Schlüsselwerk der russischen Nationalmusik angesehen wird: Mit acht großen Tableaus wird der Blick auf die Anfänge des russischen Reichs gerichtet. Zu Beginn und am Ende steht die Vaterlandsvergrößerung von Kern- und Keim-Russland auf der Agenda. Dazwischen wird vom desaströsen Feldzug des Jahres 1185 berichtet: Der Großfürst gerät in die Gefangenschaft der Polowzer, kehrt nach der Zerstörung seiner Hauptstadt Putiwl in deren Ruinen zurück – und mobilisiert, aus Depressionen erwachend, zur Fortsetzung der Kämpfe. Gegen die durchgängig kriegerische Grundierung von „Knjas Igor“ setzt der Regisseur gleich zu Beginn die psychoanalytisierende Parole: „Einen Krieg anfangen ist die beste Methode, sich selbst zu entkommen“ – wobei gewiss nicht alle, die sich ‚selbst entkommen‘ wollen, Kriege anfangen können. Dies bleibt Auserwählten vorbehalten.

Tcherniakov, der die Produktion wiederum auch selbst ausstattete, belässt ihr das altrussische Kolorit und Kostüm – moderat modernisiert. Der Truppenaufmarsch im romanischen Thronsaal zu Putiwl in Opernchor- und Extrachor-Stärke bringt die Elite-Untertanen mit aufgepflanzten Seitengewehren und in den Uniformen der zaristischen Truppen des frühen 20. Jahrhunderts in Stellung. Gewaltig dräut und käut der Sound-Track. Dirigent Kochanovsky lockt die imposanten Trümpfe ebenso aus dem groß besetzten Orchester wie er die Momente der Melancholie des in den unendlichen Weiten eines Mohnfeldes gefangenen Igor auskosten lässt. Ildar Abdrazakov stattet die Partie des tragischen Titelhelden mit allen erdenklichen Facetten der herrischen und der zerknirschten Stimme aus. Er klagt ergreifend und bekundet seinen nationalistischen Trotz plausibel, wenn ihm der grandios-souveräne Dmitri Ulyanov mit profundem schwerem Bass als siegreicher Khan jovial die Freundschaft anbietet, dazu ganz locker gleich noch die Herrschafts- und Arbeitsteilung in Zentralasien und Osteuropa. Auch als übler Party-Prinz Galitzki, der mit seiner sexuellen Unbeherrschtheit und seinen Herrschaftsambitionen eine Staatskrise in Putiwl auslöst, ist Ulyanov ein stimmliches und szenisches Ereignis: Es ist, als sei mit ihm Väterchen Altrussland persönlich auferstanden – als Dogge, die nur spielen will, dabei aber gelegentlich auch einmal zubeißt.

So schön und staatsbrav die ersten Tableaus sich gestalteten: Krieg und Verderben schlagen unerbittlich zu. Tcherniakov lässt die Eroberung Putiwls drastisch hereinbrechen: wie nach einem schweren Haubitzeneinschlag bricht der Kronleuchter im Kronsaal herunter – und die halbe Decke noch dazu. Ein Coup de théâtre, der dem technischen Direktor von de nationale opera Amsterdam schlaflose Nächte bereitet haben könnte. Das ganze Ausmaß der Zerstörung offenbart sich dann zu Beginn des IV. Akts: von umgestürzten Möbeln und Hausrat übersät präsentiert sich die riesenbreite Bühne, an improvisierten Feuerstellen wärmen sich die Überlebenden und durch das Dach schießt unaufhörlich das Wasser des hartnäckigen Regens. Doch dann findet sich der aus der Gefangenschaft geflohene Igor ein, überwindet seine Depressionen, Zerknirschungen und Selbstzweifel, wird vom Volks aufs Schild und in die Funktion eines Protagonisten der russischen Geschichte erhoben. Eigenhändig packt er bei den Aufräumarbeiten an. Gerade auch in Tcherniakovs Inszenierung bekundet das Werk seinen politischen Charakter und dessen Tendenz – klar und eindeutig.