Sturm in der Sprudelflasche – Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ in Halle


(nmz) -
Le Grande-Duchesse de Gérolstein – der Titel dieser Jacques-Offenbach-Operette aus dem Jahre 1867 klingt im französischen Original eine Spur eleganter, als die vergleichsweise bodenständige deutsche Großherzogin von Gerolstein. Das klingt mehr nach Sprudelwasser als nach Champagner. Andererseits passt es besser in die gute Stube der Stadt Halle, die Klemens Kühn für Annegret Hahns Inszenierung nachgebaut hat. Etwas verfremdet, aber mit Wiedererkennungseffekt. Die Stadtwappen an den Wänden und die Fähnchen lassen daran keinen Zweifel.
09.12.2018 - Von Joachim Lange

In wohldosiert eingesetzten Videos lässt Konrad Mühe einmal auch Sequenzen aus dem Umzug zur 1000 Jahrfeier der Saalestadt vorüber flimmern. Dass Kommunalpolitik manchmal deutliche Züge von Realsatire trägt (da ist Halle nicht anders als andere Städte), hat Sara Kittelmann bei der Kostümierung der „Fraktionen“ aufgegriffen. Die einen ähneln schwarz befrackten Pinguinen, bei den nächsten sind selbst die Haare grün gefärbt, bei denen im ausgebleichten Rosa herrscht eine Vorliebe für Gestricktes vor und der Aufzug der Roten erinnert an die nämlichen Kampfverbände von annodazumal. Im Einzelnen sind die von Markus Fischer fabelhaft einstudierten und von Ute Raab durchchoreographierten Chorabteilungen nur so ungefähr gewissen Vorbildern zuzuordnen – Kunst ist Kunst und Operette eben auch eine Form von Satire – aber im Ganzen stimmt dieses Bild.

Und dann kommt sie: die Chefin. Keine Mutti-Kanzlerinnen Variante. Sie lässt höchstens mal dem „Vati“ und der „Mutti“ des heiratsversessenen Prinzen Paul etwas ausrichten. Eine barocke Bühnenfürstin von Format. Im wirklichen Leben Halles Prima Donna Romelia Lichtenstein. Und bei Offenbach eben jede Großherzogin, die es halt auch nicht leicht hat. Sie muss den berühmten, wie ein Leitmotiv auf der Bühne und im Graben gezogenen „Degen“ des Vaters fürs Vaterland verwalten, ihre Vorliebe für schmucke Soldaten im Zaum halten (oder ihnen nachgeben) und sich die Hofkamarilla (sprich den Stadtrat) vom Leibe halten. Ganz so wie diese Herren jede Einmischung ihrer Fürstin in die Staatsgeschäfte zu verhindern trachten. Dazu zetteln General Bumm (der rotuniformierte Rolf Scheider hat den Ehrgeiz, diesen Namen auch in Körpersprache zu übersetzen) und Baron Puck (Kristian Giesecke) einen Krieg mit der Nachbarschaft an. Mit der anderen, harmloseren Ablenkungsvariante, nämlich dem Heiratskandidaten Prinz Paul (sympathische Stimme, etwas steif im Spiel: Nusa Nkuna) hatten sie bislang auch keinen Erfolg….

Leben in die Bude und Schwung ins Stück kommt, sobald der Großherzogin der smarte Soldat Fritz ins Auge fällt, der in Gestalt von Alexander Geller die anderen tatsächlich mühelos aussticht. Er hat allerdings schon eine Freundin namens Wanda (herrlich punkig: Liudmilla Lokaichuk) von den Grünen. Was die Avancen der Großherzogin ihm gegenüber betrifft, ist er ein bisschen schwer von Begriff. Wunderbar wie Romelia Lichtenstein hier innerlich bedauert, dass sie nicht Katharina die Große ist, dafür aber das Operettenheft immer mehr in die Hand nimmt und den ganzen Stadtrat, respektive ihren Hof rockt.

Fritz wird schneller als er denken kann bis zum General hinaufbefördert und gewinnt dann auch noch den Krieg! Weil er den „Sieg“ bei der ersten Frau im Staate aber verpeilt (Wanda bleibt Wanda), ist das Mordkomplott seiner Konkurrenten schnell geschmiedet. Im letzten Moment – Operette bleibt Operette – wird es in eine vermieste Hochzeitsnacht mit Wanda und ein öffentliches Degradierungs-Decrescendo umgewandelt. In der Hochzeitsnacht trällert dann Heino höchstpersönlich immer wieder „An der Saale hellem Strande“ so lange dazwischen bis Fritz entnervt mitsingt.

Kay Stromberg hat nicht nur für die eigene Fassung gesorgt, die jetzt in Halle gespielt wird, er entfesselt am Pult der Staatskapelle auch mit spürbarer Lust jenen Operettenkrieg, der am Ende ohne ernste Verluste ausgeht. Der einzige Kollateralschaden sind Teile des Textes, der, weil in deutsch gesungen wird, dem Zuschauer nicht auch als Übertitel angeboten wird. Theatermacher vergessen manchmal, dass Zuschauer sich nicht wochenlang vor einer Premiere in aller Ausführlichkeit so intensiv mit dem Stück beschäftigen wie sie selbst. Man sollte generell übertiteln, das wäre ein Gebot der Fairness.

Annegret Hahns Inszenierung freilich, die obendrein von einem komödiantischen Zentrum wie Romelia Lichtenstein profitiert, spricht mit ihrem szenischen Witz auch so eine deutliche Sprache, verbindet anheimelnde Vergegenwärtigung mit Lust an der Pointe und scheut auch die separate Slapstick-Nummer nicht – für sein Solo mit Wischmob bekommt der hinreißende Frank Schilcher als Baron Grog verdienten Szenenapplaus. 

Für die Regisseurin war das eine Rückkehr nach Halle mit Déjà-vu Effekt. Sie war von 2001 bis 2012 die äußerst erfolgreiche Intendantin des Jugendtheaters in Halle und stellte damals mit ihrem Programm das Schauspiel (nach Peter Sodann und vor Matthias Brenner) in den Schatten. Was ihr naturgemäß nicht nur Fans einbrachte. Da in Halle der Dauerkonflikt zwischen den beiden so ambitionierten wir erfolgreichen Intendanten Florian Lutz und Matthias Brenner auf der einen Seite und dem Geschäftsführer der TOOH Stefan Rosinski auf der anderen immer noch schwelt und gerade wieder in aller Öffentlichkeit eskaliert, mochte sie gar nicht glauben, dass die Einladung nach Halle nicht der Ex-Intendantin, sondern der Regisseurin galt. Wie schön, dass es doch so war!