Tradition der Erneuerung: Assaf Levitin ist der erste liberale Reform-Kantor in Hamburg nach der Shoah


(nmz) -
Die Zerstörungswut der Nazis im zweiten Weltkrieg wirkt unübersehbar bis in unsere Tage nach. In Hamburg ist dem Krieg unter anderem die jüdische Reformsynagoge zum Opfer gefallen. 2016 wurde diese liberale Gemeinde wieder neu gegründet und befindet sich im Aufbau. Assaf Levitin ist hier seit Anfang Juni nun der erste liberale Reform-Kantor in Hamburg nach der Shoah.
09.08.2022 - Von Ralf-Thomas Lindner

Die Schar der Gottesdienstbesucher in der Reform-Synagoge am Grindelberg, die Teil der jüdischen Einheitsgemeinde in Hamburg ist, ist überschaubar. Assaf Levitin, der neue Kantor der Synagoge, berichtet, dass sich „derzeit etwa 20 bis 25 Gläubige versammeln, wenn der Gottesdienst stattfindet“. Die Gemeinde ist aber auch noch jung. Sie wurde nach ihrer Vernichtung im zweiten Weltkrieg erst im Jahr 2016 wieder gegründet und befindet sich im Aufbau.

Der in Berlin lebende Levitin ist seit Anfang Juni nun der erste liberale Kantor in Hamburg seit der Shoah. Er gilt als ein zutiefst spiritueller Mensch und begnadeter Musiker. Philipp Stricharz, der Vorsitzende der Gemeinde, betont: „Sein Engagement ist für uns ein wichtiger Schritt, unsere Gemeinde und damit das jüdische Leben in der Hansestadt weiter zu stärken.“ Katharina Fegebank, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin, freut sich „auf die ersten Konzerte, in Zukunft hoffentlich in der neuen Bornplatzsynagoge“.

Große Hoffnungen ruhen also auf Levitins Schultern. Was aber macht eigentlich ein Kantor in einer Synagoge, in einer Gemeinde? Aus christlich-abendländischer Tradition heraus könnte man das Wort Kantor falsch verstehen als einen Sänger, Vorsänger oder Chorleiter. Der Kantor in der jüdischen Gemeinde, Levitin verwendet daher lieber das hebräische Wort „Hazzan“, hat einen weit größeren Aufgabenkreis.

Im Gottesdienst ist der Hazzan der Vorbeter, mehr noch: die gesamte Gestaltung und Führung des Gottesdienstes liegt in seinen Händen. Fast alles im Gottesdienst wird gesungen und so füllt Levitins sonore Stimme die kleine Aula im Joseph Carlebach Bildungshaus im Grindelhof. Er steht dabei ganz in der Geschichte vieler jüdische Kantoren, die gleichzeitig zu den herausragenden Opernsängern ihrer Zeit gehörten. Derzeit gestaltet Levitin im Schnitt zwei Gottesdienste pro Monat.

Levitins Aufgabenfeld aber ist umfangreicher. So steht er etwa auch Trauerfeiern vor oder der Bar Mizwa. Levitin unterrichtet, wie man die Thora richtig liest oder gibt inhaltliche Unterweisungen zu den biblischen Wochenabschnitten. Manche Kontakte zwischen Berlin und Hamburg laufen dabei online, aber „der Zug braucht auch nur zwei Stunden. So kann ich schnell auch in Hamburg sein.“ Gern würde Levitin auch die etwa 500 in Hamburg lebenden Israelis erreichen, sei es, um sie in die Beterschaft aufzunehmen oder ihnen vielleicht nur eine kulturelle Heimat in der Fremde zu bieten.

Levitin wurde in Israel geboren und hat seine gesangliche Ausbildung als Bassbariton an der Hochschule für Musik in Saarbrücken absolviert. Erste Engagements führten ihn nach Zürich, Basel, Bonn, Berlin, Mannheim und Dortmund. Von 2010 bis 2016 besuchte er das Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam, die zentrale Ausbildungsstätte für Kantoren in Deutschland. Von 2016 bis 2021 war er Kantor der liberalen Gemeinde in Hannover.

In seinem umfangreichen Arbeitsgebiet als Konzert- und Opernsänger, Komponist, Arrangeur, Chorleiter, Lehrer und Kantor nimmt – neben seinem Interesse an hebräischer und jüdischer Musik – die Arbeit im liturgischen Bereich einen Schwerpunkt ein. Für Hamburg möchte er von nun an etwas konzipieren, was er einen „musikalischen Fingerabdruck“ nennt.

Bis zur Shoah war es in allen Gemeinden üblich, dass die ortsansässigen Kantoren auch Melodien und Lieder für den Gottesdienst komponiert haben. Jede jüdische Gemeinde hatte so ihr eigenes typisches liturgisches Repertoire. So war Deutschland eine bunte liturgisch-musikalische Landschaft. Für die Hamburger Synagoge existiert ein Buch mit Musik von Kantor Leon Kornitzer (1875 bis 1947), der in seiner Hamburger Amtszeit auch Vorsitzender der „Vereinigung jüdischer Kantoren in Deutschland“ war.

Für Levin ist es „höchste Zeit, dass dieses zurückkommt“. So stellt er über seine Hamburger Amtszeit das Motto „Tradition der Erneuerung“ und will, dass Hamburg in diesem liturgischen Sinn „musikalisch wieder einmalig wird“. Dabei hofft er, dass er auch Menschen in der Gemeinde findet, die ebenfalls komponieren können und ihren Beitrag dazu leisten.


  • Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung  der Evangelischen Zeitung Hamburg

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