Unklarer Gefühlshaushalt, entfesseltes Orchester: Mit „Arabella“ startet das Nürnberger Staatstheater ins Strauss-Jahr


(nmz) -
Lange Zeit hat sie sich um der Familie willen als junger Mann ausgeben müssen. Als verarmter Landadel haben die Eltern genug damit zu tun, die ältere Schwester Arabella lukrativ unter die Haube zu bringen. Nun aber hat Zdenka die Flucht nach vorne angetreten und den heimlich angebeteten Matteo zum heißen Tête-à-Tête einbestellt. Der glaubt freilich, mit Arabella verabredet gewesen zu sein, um die er sich bisher vergeblich bemühte. Zdenka kennt er nur als besten Freund Zdenko…
02.02.2014 - Von Juan Martin Koch

Das Zwischenspiel, das vor dem dritten Akt diese vom Vorhang diskret verhüllte Szene in Töne fasst, nutzt Regisseur Andreas Baesler in Nürnberg dafür, diese eigentlich im Rang einer Nebenhandlung stehende Gefühlsverwirrung aufzuwerten: Zdenka tritt allein aus dem Hotelzimmer vor einen großen Spiegel. Wer bin ich eigentlich? Das scheint sie sich zu fragen und für einen kurzen Moment wird deutlich, dass uns diese Identitäts- und Beziehungskonfusion eigentlich viel stärker interessiert und berührt als das schon früh als ideale Liaison vorgeführte, durch die Verwicklungen nur zwischenzeitlich entfremdete Paar Arabella-Mandryka.

Leider hat Baesler keine weiteren Konsequenzen aus dieser richtigen Einschätzung gezogen. Die Handlung läuft, von den 1860ern in die Entstehungszeit des Werks kurz vor der Machtergreifung 1933 transferiert, leidlich unterhaltsam ab. So gut das Ambiente im renovierungsbedürftigen, den innenarchitektonischen Geist der Wiener Werkstätten ausstrahlenden Hotel getroffen ist (Bühne: Harald B Thor), so wenig schauspielerische Detailarbeit hat Baesler geleistet.

Das wahrlich komische Aufeinandertreffen des pleite gegangenen Grafen Waldner mit Mandryka, dem reichen Prätendenten und Hoffnungsträger aus der Wallachei, verpufft: in den unbeholfen eingestreuten Wiener Dialektbrocken von Randall Jakobsh (stimmlich ein guter Graf) und Jochen Kupfers etwas steifem Bemühen, den zugereisten Mandryka gestisch zu charakterisieren. Ebenso wenig knistert es zwischen ihm und Arabella in der Szene des ersten Aufeinandertreffens beim Faschingsball im zweiten Akt. Dass im Hintergrund eine Transvesititenparty abläuft, könnte eine Verbindung zum Dilemma Zdenkas herstellen, es bleibt aber bei Äußerlichkeiten.

Den durchweg staatstheaterwürdigen, in den weiblichen Hauptpartien grandiosen Gesangsleistungen ist es zu verdanken, dass diese Nürnberger Produktion an den entscheidenden Kulminationspunkten das heikel zwischen Operettennähe und Tragikomödie changierende Drama – diese letzte, durch den Tod des Textdichters mitten im Arbeitsprozess abgebrochene Zusammenarbeit zwischen Strauss und Hofmannsthal – zumindest aus der Musik heraus kenntlich macht. So verleihen Martin Platz (Graf Elemer), Roswitha Christina Müller (Mutter Adelaide) oder Martin Nyvall als Matteo wichtigen Nebenfiguren Kontur. Jochen Kupfer bewältigt bei seinem Rollendebüt die herrliche, aber äußerst anspruchsvolle Mandryka-Partie hervorragend. Mit zunehmender Erfahrung wird er ihr noch weitere stimmliche Zwischenfarben entlocken können.

Vielleicht wird es Marcus Bosch in weiteren Aufführungen auch besser gelingen, die wie entfesselt, über weite Strecken aber auch einfach zu laut spielende Staatsphilharmonie stärker zu zügeln. Am live vom Bayerischen Rundfunk übertragenen Premierenabend gelang ihm das nur und auch dann nur teilweise, wenn das betörend schön und ausdrucksintensiv singende Schwesternpaar seine Stimmen erhob. Michaela Maria Mayer öffnete mit ihren Szenen tiefe Einblicke in Zdenkas durcheinander geratenen Emotionshaushalt, Ekaterina Godovanets war eine stimmlich fabulös nuancierende, in den Duetten mit Zdenka und Mandryka kammermusikalisch ihren Partnern zuhörende Arabella.

Leider ließ es Andreas Baesler sich nicht nehmen, das Schlussbild vor Sternenhimmel in Operettenkitsch abdriften zu lassen. Auch das unruhige, mit dem hohen Sängerpaar nicht mehr ideal mitatmende Dirigat trübte das finale Schwelgen etwas. Am Ende aber große Zustimmung für Nürnbergs Beitrag zum angelaufenen Strauss-Jubeljahr.

Weitere Termine: Mo 03.02.2014, Sa 08.02.2014, Di 11.02.2014, So 16.02.2014, Sa 29.03.2014, Do 10.04.2014, So 27.04.2014, Mi 07.05.2014

Arabella / Fiakermilli

Sehr geehrter Herr Dr. Koch, es interessiert mich natürlich immer, wie eine Produktion bei Publikum und Presse "verarbeitet" wird und so las ich auch mit Interesse Ihre Kritik. Schade ist allerdings, wenn dann die Partie, die man selbst gesungen hat, mit keinem Wort erwähnt wird…. Mit freundlichen Grüßen, die "Fiakermilli"


Fiakermilli

Sehr geehrte Frau Götz,

Sie haben Recht, ich habe einige Rollen nicht erwähnt, darunter die Ihrige. Das war nicht abwertend gemeint, Ihre Gesangsleistung gehörte ohne Frage zu den anderen "durchweg staatstheaterwürdigen".

Beste Grüße, jmk


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