Unverständliche Liebe – Tschaikowskis „Masepa“ am Theater Gera


(nmz) -
Tschaikowskis neben „Eugen Onegin“ und „Pique Dame“ dritte Oper nach Puschkin gab es in Gera zuletzt 1948. Das in letzter Zeit wieder häufiger gespielte Werk hat es in sich: Die Verschwörung des alten ukrainischen Oberhauptmanns Masepa gegen Peter den Großen, seine Liebe zur blutjungen, aber nicht blutsverwandten Patentochter Maria und verheerende Auseinandersetzungen vertonte Tschaikowski in einer bei ihm ungewohnt harten, groben Tonsprache. Nur selten strömen bewegende Melodien, etwa der Schlussgesang Marias. Wie Verdi in „Macbeth“ mischte Tschaikowski in „Mazeppa“ seine Ausdrucksmittel neu und forderte deshalb vom Theater Altenburg-Gera alle Ressourcen.
02.05.2017 - Von Roland H. Dippel

Schon im Vorspiel zeigen GMD Laurent Wagner und das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera Tschaikowski von seiner düstersten Seite. Nach der Pause bleiben wohl deshalb einige Plätze leer, am Ende aber bricht der Jubel los. Da schwingt sicher auch Erleichterung mit: Die für Tschaikowski ungewohnt häufigen dissonanten Reibungen kommen ungeschönt und das brutale Brodeln verstummt erst in Marias Wahnsinnsszene mit dem sterbenden Jugendfreund Andrej. In diesem zehrenden und lautstarken Strom gibt Laurent Wagner seinen Solisten jede mögliche Hilfe. Trotzdem fällt das Ensemble mit Ausnahme von Anne Preuß als gesanglich souveräner Maria nach Glanzleistungen wie „Rübezahl“ und „Jenufa“ ab. Denn einfach sind die Ausbrüche und dramatischen Höhentouren Tschaikowskis nicht. Das merken Ulrich Burdack als konditionell stark beanspruchter Kotschubej, der sich erst im Sterben zur gewohnten Hochform steigernde Hans-Georg Priese als Andrej und Anne Schuldt vom Staatstheater Braunschweig, die für die hochdramatischen Ortrud-Anforderungen an Marias Mutter Ljubow zu wenig in die Vollen geht.

Von Vorteil ist, dass so die Aussichtslosigkeit der Figuren umso plastischer wird. Dafür findet Generalintendant Kay Kuntze teils packende, teils plakative Bilder: Er wölbt einen Bogen vom Beginn, als die wohlbehütete Maria aus Kinderspielen in das grausame Leben tritt, zum Ende, wenn die Hochschwangere in den Kindertraum flüchtet: Sie und Andrej auf einem Schaukelpferd, das ist ihre Schlussvision. Kay Kuntze riskiert also doch noch die Kurve zu anrührender Poesie, nachdem er Marias wattierte Weltsicht, die im Textbuch Tschaikowskis und Viktor Burenins nach Puschkins Epos „Poltawa“ bereits angelegt ist, deutlicher herausgearbeitet hat.

Dass es beim Eklat zwischen Masepa, als er um die Hand der Kindfrau Maria bittet, und ihrem Vater um einen heiklen Bruch zwischen feudaler Oberschicht und deren wichtigsten Militärfunktionär handelt, hat Spannung wie die hier allgegenwärtige Gewaltbereitschaft: Das Geschehen spielt in einem östlichen Staatsgebilde, wo es vorstellbar ist, dass bei Feiern traditionsverhafteter Eliten Kindersoldaten mit Maschinengewehren aufmarschieren. Da weiß sich das Publikum keinen Rat, ob es der mit einfachen Mitteln ausdrucksstarken Choreografie Silvana Schröders applaudieren soll oder angesichts der implizierten Kritik doch lieber still hält. Martin Fischer umrahmt das mit einem totalitären und später zerstörten Repräsentationssaal, vor dem sich mehrfach eine abweisende eiserne Mauer senkt. Seine Kostüme stellen ein dokumentenechtes Sozialgefüge nach: Hier blumige Edelfolklore, dort viel militaristisches Schlammgrün. Gut passt das für ein großtönendes Singspektakel des mit Gästen erweiterten Opernchors, dem Holger Krause werkkonform die philharmonische Wohlgefälligkeit abtrainiert hat.

Wenn Kotschubej selbst zum Opfer wird, als er beim Zaren Masepa denunziert und ihn der frühere Freund darauf töten lässt, geht es an Foltern mit Wassertrog, Fackeln und Schlägen durch eine eiskalte Soldateska. Trotzdem bleibt die innere Beteiligung gemäßigt. Das liegt vor allem an der Darstellung der Titelfigur. Zutiefst bewegend wäre diese Oper nämlich, wenn die illegitime Liebe zwischen dem alten Masepa und der Kindfrau Maria die Kraft eines Schicksalssturms gegen die grausame Welt hätte. Doch schwer darstellbar ist das, auch weil Tschaikowski erst nach der Uraufführung ein kurzes Solo für Masepa im Konflikt zwischen Liebe zu Maria und Ermordung ihres Vaters einfügte. Sympathien für den stalinesken Militärfunktionär Masepa und die Faszination Marias für ihn sind nicht möglich, überdies verliert er offenbar rasch das Interesse für die beseligt schwangere Geliebte am Stickrahmen. Johannes Beck hat gar keine erotische Verführungsgewalt und beeindruckt vor allem in Diktator-Posen. Dieser Masepa bleibt stimmlich blass, seine Verfehlungen entbehren der Leidenschaft. Schon lange, bevor er aus dem Geschehen verschwindet und die vernichtete Maria mit dem von ihm erschossenen Andrej auf dem Schlachtfeld allein lässt. Mit Andri Chakov aus dem Thüringer Opernstudio assistiert ihm als Geheimsekretär Orlik ein durchschlagskräftiger Bluthund mit omnipräsenter Mordslust.

So sind die Balancen in diesem deutsch gesungenen „Masepa“ verschoben und schärfen, worum es in dieser Oper ohne trügerische Glücksmomente geht: Die Katastrophenspirale rast ins Bodenlose ohne Lust, Freude, Bewusstsein oder Verständigung zwischen den Figuren. Die Schlüsselszene, in der die vor Liebe blinde Maria von ihrer Mutter Ljubow aufgerüttelt wird, ragt darin auf wie ein Fels in der Brandung. Die Geraer Produktion schafft Klarsicht auf das nachtgraue Fresko einer Liebe am Abgrund und vieler Todesopfer. Laurent Wagner, Kay Kuntze und Martin Fischer gehen der Fragwürdigkeit von Tschaikowskis gnadenloser Musiktragödie auf den Grund. Das gelingt ihnen ohne gefühlige Schleier.

  • Wieder am 19. Mai, 24. Juni (19:30 Uhr) im Theater Gera, Großes Haus – www.tpthueringen.de