Uraufführung an der HfM Weimar: „Die schönere Wahrheit“ von Giordano Bruno do Nascimento


(nmz) -
Das ist fast rekordverdächtig: Erst vor wenigen Tagen stemmte das Orchester der Hochschule für Musik Franz Liszt in der Weimarhalle Humperdincks „Königskinder“, zeigte unter dem Gastdirigat von Sebastian Weigle und gecoacht von Helen Donath ein berückendes Leistungsspektrum. Dann folgte am 8. Februar im Kulturzentrum Mon Ami nach „Lucie“ (2014) und „Die Marmorpuppe“ (2015) die bereits dritte Weimarer Opernuraufführung des brasilianischen Komponisten Giordano Bruno do Nascimento (geb. 1981).
10.02.2017 - Von Roland H. Dippel

Mit dem Textbuch zu „Die schönere Wahrheit“ gibt seine Kommilitonin Lisa Astrid Mayer (geb. 1992) ihr literarisches Debüt. Der Anspruch greift weit hinaus über ein Studiostück (Facebook: Die schönere Wahrheit). Die Oper zeichnet eindringlich das Menetekel einer abgekapselten Gesellschaft mit anachronistischen Werten.   

Ein abgrunddüsteres Panorama ist „Die schönere Wahrheit“: Der „Skeptiker“ (Benjamin Mahns-Mardy) tötet sich, nachdem seine „Freundin“ (Sonja-Isabel Reuter) ihn verlässt. Denn sie beugt sich dem ideologischen Überdruck, an dem er verzweifelt. So reflektieren Lisa Astrid Mayer und Giordano Bruno do Nascimento (aus der Kompositionsklasse von Reinhard Wolschina) in ihrem frei entwickelten Sujet die jüngsten Entwicklungen von Brexit, Pegida und Kommunikationskritik. Diese „Dystopie“ ist ein Alptraum vom totalitären Rückgriff auf verkitschte Ideale: „Freiheit in einer Kugel eingeschlossen“.

Wie in Nonos „Intolleranza“ oder Borcherts „Draußen vor der Tür“ haben die Figuren keine Namen, sind Funktionsträger in scheinbarer Normalität: der „Konformer“ (Filippo Celuzza) ein Krawattenmörder und Alltagsbürokrat, die durch ideologische Übererfüllung neurotische „Oma“ (Kateřína Špaňárová), der „Freund“ (Laurin Oppermann) ein argloser Mitläufer und schließlich das mit Süßigkeiten und Worthülsen vollgestopfte „Kind“ (Elisabetha Kapanadze).

Vor dem Spielpodium sitzen 26 Musiker. Klavier, Akkordeon, Schlagwerk dienen der trügerisch schönen Klangtopographie dieser dumpfen engstirnigen Welt: Glocken gibt es, viele in Minieinheiten geteilte Streicherlinien und liedartige Phrasen – aber dieser Schönklang erzählt 95 Minuten lang fast nur von Gehirnwäsche und Gefühlskonfektion. Mehrfach sind die Musiker mit Geräuschen, Raunen und Zischen (bei der Totenfeier für den „Skeptiker“ auch mit aneinander geschlagenen Essbestecken) dramatische Akteure. Oft kommt aus dem Orchester ein „Noten-Twittern“ und zeigt, dass hinter der zur Schau gestellten Glätte in den Köpfen der Figuren noch ein letzter Funke von Eigensinn glimmt. Die komplizierten Rhythmen sind wie Melodien – eindringlich, sehnsüchtig, kaum gefährlich. Die Partitur spielt viel mit polytonalen Wirkungen. Variantenreiche Instrumentalkombinationen, eine ariose Grundstruktur der Gesangspartien und ein gutes Gefühl für Timing machen den Abend kurzweilig.

Abgefeimt beginnt Lisa Astrid Mayers Text, wenn der „Skeptiker“ und das gleichgeschaltete Umfeld in ähnlichen Symbolen sprechen. Erst später, wenn der „Skeptiker“ den Mangel an Leben vor der „Freundin“ zu artikulieren versucht, reißen die Unterschiede zwischen dem normierten Ausdrucksvermögen und Resten persönlichen Denkens auf. Lisa Astrid Mayer geht da wirklich ein Risiko ein: Die Angepassten dreschen ölige Poesiealbum-Phrasen, zu Affekten und Sinn der Sprache kämpft sich der „Skeptiker“ erst durch. Durch diesen dramatischen Griff gewinnt die Musik Ambivalenz – sie fordert, packt und betört. Immer wieder wechselt die Perspektive dieser Musik blitzartig – was ist im Moment gerade Anpassung, was Kritik, was Diskurs, was Mangel? So wird „Die schönere Wahrheit“ spannend.

Hörende müssen sich eigene Wege bahnen durch klangliche Verführungen zur scheinharmonischen Schlichtheit oder zum Aufbegehren. In Lisa Astrid Mayers Inszenierung sind die Figuren uniforme Wesen in einer negativen Utopie. Zwei Wände mit drei Tischen (Bühne: Selma Kracht), helle Hemden mit Krawatten oder Schärpen als Zeichen für die richtige oder nicht ganz so richtige Gesinnung (Kostüme: Ron Weigel) reichen im Mon Ami als dekoratives Gerüst vollkommen für einen lohnenden Musiktheater-Abend. Man merkt, dass alle Interpreten hinter dem Werk stehen, die Qualität der Leistungen ist durchweg auf hohem Level. Viel Jubel von den studierenden Besuchern und etwas Gelassenheit der anwesenden Professoren gab es für diese bemerkenswerte Opernneuheit.

Giordano Bruno de Nascimentos und Lisa Astrid Mayers „Schönere Wahrheit“ verdient auch deshalb Beachtung, weil sie ihre Oper nicht mit der lauten Pranke, sondern einer aus jedem Satz und dem musikalischen Fluss sprechenden Nachdenklichkeit entwickelten: Eine traurige Paraphrase – ohne Optimismus.

  • Nochmals am 9. und 10. Februar um 19:30 / Mon Ami Weimar

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