Verismo-Opern in schwarzen, weißen und ganz bunten Tönen – Osterfestspiele in Salzburg


(nmz) -
Die Osterfestspiele Salzburg strecken sich dieses Jahr weit in den Süden und holen eine nur scheinbar ferne Vergangenheit aus Sizilien auf die Bühne des Großen Festspielhauses. Dort gab es am zum Auftakt die Doppelpremiere „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni und „Pagliacci“ (Der Bajazzo) von Ruggero Leoncavallo. Zu schade, dass es hier Usus ist, alle Produktionen und Konzerte nur zweimal aufzuführen. Das Operndoppel hätte das Zeug zum Publikumsrenner. In Salzburg ist es auch für den Ostermontag restlos ausverkauft.
03.04.2015 - Von Michael Ernst

So international wie das erlesene Publikum sind die Mitwirkenden der beiden Verismo-Opern. Da haben die Festspiele ganze Arbeit geleistet und Sänger-Darsteller gefunden, die wirklich beides können: singen und schauspielern. Für die Arbeit des Theater- und Filmregisseurs Philipp Stölzl scheint das besonders wichtig, sind sogar unabdingbare Voraussetzungen, denn er vertraut zwar ganz der Musik und leitet daraus die Aktionen ab, setzt aber zudem auf das Sichtbarmachen innerer Vorgänge. Dazu hat er sich hier auf eine Gleichzeitigkeit eingelassen, die eigentlich nur mit filmischer Schnitttechnik möglich ist. Stölzl, von der Pike auf gelernter Bühnenbildner, realisiert das auch im Theater und stellt sechs große Setzkästen auf die gewaltige Breite des Portals. So erleben wir zusätzlich zum geradlinigen Verlauf der beiden mörderischen Opernkrimis immer wieder situative Rückblenden, bekommen den Blick auf Dorfplatz und in Seelenlandschaften zugleich. Als Oper in sechs Bildern war bislang weder „Cavalleria“ noch „Pagliacci“ bekannt. Das hat Stölzl nun mit dem unter der Hand als „Cavalliacci“ bezeichneten Doppel gründlich geändert und sich dabei selbst als Gesamtkunstwerker erwiesen.

Doppeltes Rollendebüt von Jonas Kaufmann

Zwei Figuren sind es, die an Grenzen von Liebe und Leben herangeführt werden, in beiden gibt Jonas Kaufmann sein Rollendebüt. Als Turiddu der „Cavalleria“ zerreißt es ihn zwischen familiärer Pflicht und geiler Gier, kann er von der geliebten Lola nicht lassen, stürzt die betrogene Santuzza und den gemeinsamen Sohn damit ins Unglück. Letztlich sich selbst, denn Lola ist mit dem Obermafiosi des Ortes verheiratet – und der nimmt blutige Rache.

Wie in einem Schwarz-Weiß-Comic singt Kaufmann-Turiddu in seiner Dachkammer schmelzend vor Sehnsucht, draufgängerisch in der Menge, Liudmyla Monastyrska als Santuzza peilt zwischen lautstarkem Schmerz und feintönigem Leid immer wieder ins Herz, Annalisa Stroppa als bild- und stimmschöne Lola macht den Konflikt verführerisch nachvollziehbar. Als Ehemann Alfio setzt Ambrogio Maestri dem ein Ende, als Doppelbild: Während er vor der Kirche das Blut von seinem Messer wischt, stürzt der Erstochene im Inneren schon zusammen.

Diese Raffinesse von Handlung als Totale und Einblick via großer Blende vermittelt nicht nur das besondere Sentiment dieser heillosen Situation, sondern auch ein Gefühl für die bleierne Zeit irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts irgendwo im italienischen Süden. Und doch ist das so inszeniert, dass es uns Heutige etwas angeht und sowohl visuell als auch emotional begeistert.

Für „Pagliacci“ behält die Regie dieses Konzept bei, wechselt nun aber ins Zeitalter der Farbe. Bei der Komödiantenwelt des Bajazzo fraglos ein Muss. Auch hier geht es ja um verratene Liebe, will Silvio mit der schönen Nedda fliehen, die aber ist mit Canio liiert und wird von Tonio begehrt. Als sie diesen abweist und der die heimliche Liaison entdeckt, verrät er sie dem betrogenen Canio. Und auch der greift zum Messer …

Kaufmann ist hier noch eine Spur präsenter, mimt nicht nur den banalen Rächer, sondern den zutiefst enttäuschten Liebenden. Wieder ist es eine Großaufnahme, die dies deutlich macht. Und wieder sind es Gegenaufnahmen, die ein solches Finale aus unterschiedlicher Sicht spiegeln.

Ohne den Star hervorzukehren, spielt der Tenor das „Pagliacci“-Ensemble nahezu an die Wand, obwohl Maria Agresta eine faszinierende Nedda ist, Dimitri Platanias einen brutalen Tonio gibt und Alessio Arduini einen hinreißenden Liebhaber Silvio.

Unbedingt erwähnenswert sind die technischen Meisterleistungen für diese Produktion. Fast lautlos rollen die Guckkastenbühnen über die Fläche, gehen Szene und Filmwiedergabe Hand in Hand, öffnen und schließen sich die Kästen minutiös. Luftig leichte Kostüme von Ursula Kudrna vermitteln zeit- und ortstypisches Flair.

Im Gegensatz zur bewusst holzschnittartigen Bildsprache, die Stölzls grafische Ambitionen verrät und die Wahrhaftigkeit der beiden Opernkrimis betont, kommt von den aus Dresden und Salzburg stammenden Chören auf der Bühne sowie von der Sächsischen Staatskapelle im riesigen Graben eine glühende Italianità. Anfangs etwas zu brausend, wodurch minimale Divergenzen entstehen, insgesamt aber betörend schön, mitreißend fulminant.

Das bei diesem Festival bekanntermaßen sehr anspruchsvolle Publikum honorierte das hohe Niveau dieser Klangkunst zur Premiere mit enormem Applaus und bedachte auch das wirkungsvolle Inszenierungskonzept – bis auf eine sehr vereinzelte Ablehnung – mit verdient respektvollem Beifall.

Verdis Requiem „ent-opert“

Umso interessanter schien ein Vergleich, wie die Salzburger Gourmets am Abend darauf das erste der Orchesterkonzerte aufnehmen würden. Stand doch neben dem (gar nicht mehr so allgegenwärtigen, wie man gemeinhin denkt) 1. Klavierkonzert von Peter Tschaikowski die 10. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch auf dem Programm. Und in der Tat, nach dem von Daniele Gatti wirkungsvoll gedehnten Vorzeigestück, in dem sich Arcadi Volodos brillant am Klavier entfalten konnte, gab es während der e-Moll-Sinfonie, die ja als Schostakowitschs Abrechnung mit dem Stalinismus gilt, jede Menge distinguierter Gesichter. Die brachial vorgetragene Vielfalt der 1953 entstandenen Zehnten schien zu verstören, auch die Hustenorgien in den Satzpausen des fast einstündigen Werks deuteten darauf hin. Doch wie enthusiastisch entluden sich nach dieser deutungsvollen Interpretation dann die Akklamationen! Gatti und die mit mal schroffen, mal seidigen Streichern, mit eindringlich sprechenden Holzbläsern und kraftvoll präzise agierendem Blech aufwartende Staatskapelle wurden bejubelt.

Dennoch reagiert das polyglotte Publikum eine Spur enthusiasmierter, wenn Chefdirigent Thielemann ans Pult tritt. Im zweiten Orchesterkonzert mit Schostakowitschs 1. Violinkonzert und Tschaikowskis 6. Sinfonie war das als Direktvergleich besonders spürbar. Nikolaj Znaider bewältigte diese virtuose Herausforderung nicht nur technisch brillant, sondern offenkundig auch mit dem Wissen um Inhalt und Hintergrund dieser Musik. Und die „Pathétique“ von Schostakowitschs Quasi-Vorgänger Tschaikowski? Satter Glanz, keinerlei Schwulst, eine überzeugende Dramaturgie im Aufbau von Spannung, Schmerz und Sehnsucht.

Mit einem ähnlichen Konzept ging Thielemann abends drauf auch an das Verdi-Requiem heran. Kein opernhaftes Aufbauschen, sondern klare Gestaltung, die Ergriffenheit wird hier mit einer Treue zum Werk bedient und nicht, wie so oft, mit dessen Beweihräucherung. Eindrucksvoll der Chor des Bayerischen Rundfunks, dem neben Liudmyla Monastyrska und Anita Rachvelishvili sowie Jonas Kaufmann und Ildar Abdrazakov die Rolle des fünften Solisten zukam.

Russisch und italienisch war auch das „Konzert für Salzburg“ gestaltet, ein 2013 als Novum von den Dresdnern in ihre österreichische Partnerstadt gebrachte Reihe, die vor allem beim einheimischen Publikum bestens ankommt. Auch diesmal teilten sich zwei Dirigenten den auffallend jung besuchten Abend: Nikolaj Znaider schlug sich durch Tschaikowskis „Capriccio italien“ sowie durch einen Querschnitt von Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“. Als Violinvirtuose hat er deutlich mehr Beifall eingefahren. Die zweite Konzerthälfte gehörte Christian Thielemann, der mit Intermezzi aus „Pagliacci“ und „Cavalleria“ noch einmal eindrucksvoll an die Opernpremieren anschloss und sich mit Prokofjews „Peter und der Wolf“ von einer durchaus spaßigen Seite zeigte. Den Part als Sprecherin übernahm hier überaus lustbetont die Schauspielern Isabel Karajan – Jung und Alt waren von ihr begeistert.

Dir Tochter der Dirigentenlegende und des Osterfestspiele-Gründers Herbert von Karajan präsentierte zudem äußerst bezwingend ihre musikalisch-szenische Collage „Fräulein Tod trifft Herrn Schostakowitsch“. Dieses mit großer Anteilnahme aufgenommene Kammermusikprojekt, eine Koproduktion mit den Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch, stellte das 8. Streichquartett des Komponisten ins Zentrum, umrankt von weiteren seiner Stücke und Texten von Zeitgenossen. Das aus Mitgliedern der Staatskapelle bestehende Dresdner Streichquartett musizierte ebenso wie Pianist Jascha Nemtsov kongenial, die Aktrice gelang figurativ und stimmlich sehr wandlungsfähig eine atemlos machende Darstellung des bedrohten Genies.

Shakespeare-Bezüge 2016

Einmal mehr ist mit diesem Jahrgang der Osterfestspiele der Beweis erbracht worden, welch glückliche Wahl der scheidende Intendant Peter Alward getroffen hat, als er zu 2013 das Dresdner Orchester und dessen Chefdirigenten an die Salzach geholt hatte, um rasch einen mindestens ebenbürtigen Ersatz für die damals gen Baden-Baden abziehenden Berliner Philharmoniker zu finden. Das Feld ist bestens bestellt für den Nachfolger Peter Ruzicka, der ab Juli nach Salzburg zurückkehrt. Der erfolgreiche Komponist, Dirigent und Musikmanager war ja bereits von 2001 bis 2006 Intendant der Salzburger Festspiele und wird nun bei den 1967 gegründeten Osterfestspielen das Zepter führen. Als er jetzt gemeinsam mit deren Künstlerischem Leiter Christian Thielemann das Programm für 2016 vorstellte – das mit Verdis „Othello“ wieder ein Eifersuchtsdrama, mit Musik von Henze, Mendelssohn, Tschaikowski und Weber sowie einem Auftragswerk von Manfred Trojahn weitere Bezüge zu Shakespeare beinhaltet – versprach er für das Jubiläum 2017 besondere Vorhaben und eine deutliche Ausweitung der Festspiele.

Bis Montag noch steht der aktuelle Jahrgang im Mittelpunkt des Interesses (auch wenn Medienvertreter mit Blick auf den bevorstehenden Mai zwischendurch immer mal wieder philharmonisch nach Berlin fragen, was Thielemann mit verdrehten Augen und einem „Wir sind hier!“ kommentiert). Der Gebührensender ZDF strich zwar eine geplante „Best-Of“-Übertragung aus seinem Programm, weil die Mitwirkenden in Salzburg selbstverständlich nicht bereit waren, einer 45-Minuten-Strichfassung dieses unikaten Werks zuzustimmen. Doch immerhin die „Cavalleria“ wird man am Ostermontag im „Zweiten“ sehen können (ab 23.15 Uhr, der ORF sendet den Einakter am selben Tag bereits um 22 Uhr). Wer „Cavalliaci“, also die beiden Opern von Mascagni und Leoncavallo am Bildschirm erleben will, muss sich bis zum 11. April gedulden und dann auf 3sat klicken.

Das könnte Sie auch interessieren: