Vom Hochsitz aus, mit Kinder-Laserschwert – Stockhausens „Originale“ in der Berliner Staatsoper


(nmz) -
„Stop, bitte hört euch die Aufnahme noch einmal an“, unterbricht der Dirigent Max Renne die Aufführung auf der zentralen Spielfläche in der Werkstatt der Staatsoper schon nach wenigen Minuten. Er wird in der Folge des Abends mehr Einsätze an Technik und für stumme Aktionen zu geben haben als an die Musiker. Ein langer, aber gefeierter Abend von „Fluxus reloaded“ des Festivals „Infektion!“ der Staatsoper.
14.06.2015 - Von Peter P. Pachl

Eng mit der Geschichte der Fluxus-Bewegung ist Karlheinz Stockhausens „musikalisches Theater“ mit dem Titel „Originale“ aus dem Jahre 1961 verbunden. Die Macher der Neuinszenierung um den sich auf der Bühne selbst spielenden Regisseur Georg Schütky halten sich ans Wort, „Wir spielen keine Handlung, keine Zeit[…], hier können Sie die Zeit mit der unseren vergleichen“. Die Handlung um die „Originale“ auf der Bühne wird fortgeschrieben, nicht nur bildlich, sondern auch textlich aktualisiert. So gibt es einen Dialog über nicht auffindbare Handys. In einer anderen Szene schütteln Darsteller ihr (piepsendes) Handy in Vogelkäfigen und treten es tot. Stockhausens Spielvorlage wird von einem Drehorgelmann (Miloš Kozoň) am Rande der Szene in Form der als Flieger aufs Publikum losgelassenen Seiten der Partitur durch einen Fleischwolf gedreht. So wird er den Intentionen des Komponisten im höheren Sinne gerecht.

Namhafte Schauspieler agieren in Minirollen: Irm Hermann entschuldigt sich, dass sie nicht da sein kann und bricht später in Weinkrämpfe aus, Günter Schanzmann als Alter salbadert zunächst unverständlich mit seinen Zahnprothesen in den Händen, dann, in den Mund gesteckt, in Faschisten-Diktion, worauf der Dirigent ihn unterbricht: „Danke! Hast du nichts Modernes dabei?“ Die Sopranistin Friederike Harmsen agiert wie Elektra mit einem Beil und intoniert im Sprech-Quartett die Zeile „wie ein blasser Tropfen Bluts“ aus Schönbergs Vertonung des „Pierrot Lunaire“. Schau- und Puppenspielerin Nora-Lee Sanwald reagiert mit gedoubeltem Kopf sprachlich auf Bilder des Aktionsmalers (Thomas Goerge), und Abduk Kader Traoré in der Rolle des Schauspielers I spricht ausschließlich französisch.

Der Regisseur gibt vom Hochsitz aus, mit Kinder-Laserschwert, szenische Einsätze, ruft Zahlenreihen und „Akokulu“. Das zunächst stehende Publikum lagert sich nach der ersten Viertelstunde schlecht und recht auf der Spielfläche. Es wird vom Ensemble der Darsteller wiederholt wie von tappelnden Marionetten umkreist.

Bei Originalen geht eben Alles, auch das nicht Originelle, denn die Sinngebung ist alleine jenes der „Originale“. Eine Frau unterm Moskitonetz bereitet eine Teezeremonie vor, und auch ein Kind (Marcelo Renne) darf Erfahrungen mit einer Videokamera sammeln.

Die zahlreichen (Überwachungs-)Kameras im Spiel filmen und projizieren Details und Gesichter des Publikums, sowie eine sich vor der Werkstatt zusammenrottende Gruppe von Terroristen. Die stellt sich dann, als sie den Raum betreten hat, als Folkloregruppe heraus, und was vordem aussah, wie eine Kalaschnikow, wird zur Ukulele: „We are one, it doesn’t matter where we are coming from“. In umso schärferem Kontrast zu dieser swingenden Gesangsgruppe dann das bis heute avantgardistisch wirkende Wechselspiel von Flügel und Einzel-Schlagzeugen (Arian Heger) mit großem Schlagwerk (Ni Fan), wie auch die Einblendung von Stockhausens elektroakustischer Komposition „Kontakte“. Ein Kommentar des Komponisten zu seiner Praxis wird zunächst dokumentarisch, dann in zu schnellem Tempo abgespielt.

In einer Dunkelkammer fertigt ein Fotograf, in seinen Aktionen per Videokamera übertragen und gebeamt, herkömmliche Abzüge von Fotos des aktuellen Abends – eben auch Originale. Der Tontechniker Sébastian Alazet ist sichtbar ebenso im Dauereinsatz wie der Kameramann Vincent Stefan. Der Dichter Gerhard Rühm spielt sich, Eigene Lyrik rezitierend, selbst, und ebenso agiert die Gardarobenfrau Ilona Schwabe oder der Roboter FUmanoids.

Am Ende dieses Musiktheaters der Nicht-Repräsentation öffnet sich ein weißer Vorhang vor einem Nebenraum und schließt sich hinter den Originalen mit blendendem Gegenlicht. So endet die happeningartige Eventpartitur rund um jene Mitwirkenden, die „als sie selbst“ erscheinen sollten, getreu dem Slogan eines berühmten Kritikers: „Der Vorhang zu und alle Fragen offen“.

  • Weitere Aufführungen 20., 24, 25., 27. 6. 2015.