Vor Kurt kommen die blue notes – Das 7. Jazzfestival im südschwedischen Ystad


(nmz) -
Man kann in dieser kleinen Küstenstadt in der Nähe von Malmö Vieles finden: das Haus in der Mariagatan, in dem Henning Mankells Roman-Ermittler Kurt Wallander wohnte, oder den Geldautomaten, vor dem der Showdown einer berühmten Verfilmung stattfand. Dazu: eine wunderschöne Altstadt, laue Sommerluft mit leichter Brise, mild schimmerndes Licht. Seit 2010 findet man an diesem keineswegs so düsteren Ort wie in den Wallander-Filmen auch Jazz – bei einem Festival, das jetzt zum siebten Mal stattfand und Highlights von Hugh Masekela über Joachim Kühn bis zum Duo Sauer / Wollny zu bieten hatte. Sowie: den Überraschungsbesuch einer europäischen Jazzlegende, die dieses Jahr den hundertsten Geburtstag feiern konnte.
11.08.2016 - Von Roland Spiegel

Das „YstadSweden JazzFestival“ 2016, das am 7. August mit einem bejubelten Konzert des Bassisten Avishai Cohen zu Ende ging, war die Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte, die einst ein bisschen wie ein Märchen anfing – und jetzt auch so weiterzugehen scheint. Alles begann mit einem Zufallstreffen des Pianisten Jan Lundgren – der in Ystad wohnt - und des früheren Bürgermeisters Thomas Lantz bei einer Zugfahrt. Bei der Ankunft war die Idee für ein Jazzfestival zu einem gemeinsamen Vorhaben geworden. Lantz ist bis heute der Manager des Festivals, Lundgren künstlerischer Leiter. Ehrenamtliche Helfer, dieses Jahr 112 an der Zahl, garantieren den Ablauf und die Betreuung der Musiker, eine ganze Stadt identifiziert sich mit der Unternehmung – sehr vergleichbar etwa dem Festival im südostbayerischen Burghausen, das 2020 fünfzig Jahre alt sein wird. Und als Besucher erlebt man eine Gemeinschaft, die in der Musik und im Geschehen drumherum aufgeht.

Was die allerwenigsten Jazzfestivals ähnlich zur Verfügung haben, hat Ystad in verblüffender Menge: Spielorte von hinreißendem Charme. Die Hauptkonzerte finden in einem 1894 erbauten, gemütlichen Theater mit 400 Plätzen statt, andere im ältesten Kino Schwedens, einem holzvertäfelten, schlauchförmigen Raum aus dem Jahr 1910, wieder andere in einem begrünten Innenhof in der Form eines langgestreckten Dreiecks, der von Backstein-Fachwerkhäusern umgeben ist, von denen die ältesten aus dem 16. Jahrhundert stammen. Und dann gibt es da noch ein Kloster aus dem 13. Jahrhundert, in deren Kirche diesmal kleinere Besetzungen spielten, und die „Mariakyrkan“, also Marienkirche, von 1240, die eine auf das Jahr 1748 zurückgehende Turmbläser-Tradition hat. Und Turm-Gebläse setzt jedes Jahr auch am ersten Abend des Jazzfestivals ein tönendes Signal: Diesmal sorgte der sardische Jazzstar Paolo Fresu mit Blues-betonten und melancholisch durch die Luft schwebenden Klängen dafür.

Paolo Fresu war auch mit einem schwedischen Spezial-Ensemble für Alte Musik zu erleben, das sich „Mare Balticum“ nennt und in der Klosterkirche mit Gesang, mittelalterlicher Harfe, Fiedel und Barockposaune ätherisch-zarte Klänge entstehen ließ, über die Fresu mit Flügelhorn und Trompete und sein Jazzkollege Daniele de Bonaventura mit dem Bandoneon behutsame Improvisationen legten. Eine größere Intensität aber erreichten Fresu und Bonaventura dann in mehreren Duo-Zugaben. Fresu spielte am Abend darauf auch im Theater, zusammen mit dem französischen Akkordeonisten Richard Galliano, diesmal Ehrengast des Festivals, und dem Pianisten Jan Lundgren, die fein abgetönte europäische Jazzkammermusik, die dieses Trio seit 2007 unter dem Titel „Mare nostrum“ macht: wunderschöne Musik, die aber manchmal zu idyllisch erscheint, vor allem, wenn man bei dem Begriff „Mare nostrum“ heute an Abertausende vom Ertrinken bedrohte und real ertrunkene Flüchtlinge denkt.

Für Meisterstücke der Intensität standen zwei deutsche Gastspiele. Der Pianist Joachim Kühn spielte solo in der Klosterkirche Stücke wie „Beauty and truth“ von Ornette Coleman, „The End“ von The Doors und seine Eigenkomposition „Because of Mouloud“. In ruhiger Konzentration fand er dabei einen manchmal fast magischen Fluss: ein musikalischer Bewusstseinsstrom, der mal sperrig-leise und dann wieder voll von ausbrechender Energie sein konnte. Am selben Ort zwei Tage später das Duo Sauer-Wollny: Heinz Sauer hatte auf der Reise sein Saxophon beschädigt und musste auf einen geliehenen Ersatz zurückgreifen. Nichts davon zu merken im Konzert. Sauers auf der Welt einzigartige, vielfarbig schillernde, bewusst gebrochene Tenorsaxophon-Töne und Michael Wollnys mit atemberaubender Klangkontrolle in die Tiefe bohrendes Klavierspiel kosteten die Ecken, Kanten, Abgründe und klischeefreien Schönheiten in Stücken wie „Nothing Compares 2 U“ von Prince, „Evidence“ von Thelonious Monk oder der Esbjörn-Svensson-Hommage „Believe, beleft, below“ aus, ließen viele der Stücke überraschend plötzlich enden – und schufen packende dunkle Hymnen der geteilten menschlichen Einsamkeit. Existentielle Musik, von der im Schwedischen Radio rund 40 Minuten live übertragen wurden.

Ystad wartet jedes Jahr mit vielen Farben des Jazz auf. Joe Lovano, der große coole Volltöner des Tenorsaxophons, trat mit der renommierten schwedischen Bohuslän Big Band auf, ließ das Publikum in seinem weichen Klang mit der geschmeidig starken Mitte schwelgen und spielte eine ganz unbegleitete Zugabe mit einer gerade zuvor überreichten Rose im Schalltrichter. Das etwa mit Gitarrist Perry Hughes und Drummer Billy Kilson hervorragend besetzte Quartett des Easy-Listening-Meisters Bob James (Klavier) führte in sonnigem Sound durch Ohrwürmer wie den Petula-Clark-Hit „Downtown“. Der norwegische Gitarrist Jacob Young ließ zusammen mit Saxophonist Trygve Seim und dem Trio des polnischen Pianisten Marcin Wasilewski elegische Melodien in spannend-schönen Kompositionen aufblühen. Und die beiden Geiger Gunnar Lidberg und Bjarke Falgren huldigten im elegant und feurig swingenden Quintett des dänischen Gitarristen Jacob Fischer einer lebenden Legende: dem großen dänischen Geiger Svend Asmussen, der im Februar dieses Jahres seinen hundertsten Geburtstag feierte – und, wie sich dann herausstellte – selbst im Publikum war: Überraschungsgast in einem unwiederbringlichen Festival-Moment.

Das atmosphärische Highlight bei dieser Ausgabe des Ystad-Festivals mit stattlichen 8000 zahlenden Besuchern war das Konzert des südafrikanischen Trompeters und Sängers Hugh Masekela. Der hatte 1968 einen weltweiten Popmusik-Hit mit „Grazing in the Grass“ und ist seit Jahrzehnten eine große südafrikanische Stimme der Freiheit. Verschmitzt und gut gelaunt zeigte er sich in Ystad, spielte Flügelhorn und sang – und tanzte auf ungemein sicheren Beinen. Allerdings nicht ohne dem Publikum lächelnd zu sagen, dass, wer schon vor fünfzig Jahren zu seiner Musik getanzt habe, jetzt vielleicht ein bisschen vorsichtiger sein sollte, um sich keine Knochen zu brechen. Seine Band riss die Zuhörer mit, und Masekela, nach wie vor ein Sänger und Flügelhorn-Spieler voller erstaunlicher Kraft, traf mit seinem augenzwinkernden Entertainment mitten in die Herzen. „Ich wurde 1939 geboren, zu Beginn des zweiten Weltkriegs, jetzt bin ich 77, und die Menschen bekriegen sich immer noch. Die haben nie aufgehört. Das ist total verrückt. Könnte man nicht mal stoppen, über den Sommer oder ein Wochenende lang, und die Welt zusammen genießen?“ So sagte er – und hinterließ einen großen musikalischen und menschlichen Augenblick. Den setzte beim Abschlusskonzert der israelische Bass-Virtuose Avishai Cohen, hier mit seinen neuen Trio-Partnern Omri Mor, Klavier, und Daniel Dor, Schlagzeug, im Zugabenblock fort – mit den Zeilen einer von ihm anrührend gesungenen Ballade von Nat King Cole: „The greatest thing you'll ever learn is just to love and be loved in return.“ Das große gemeinschaftliche Festival-Team in Ystad hat das bereits seit Jahren gelernt – und kriegt viel zurück von den Musikern und dem Publikum. Eine Woche nach dem Jazzfestival stand die im Juli in Tübingen uraufgeführte Kurt-Wallander-Oper „W – The Truth Beyond“ als schwedische Erstaufführung im Theater Ystad auf dem Programm – in einem durch die Blue notes bestens eingeschwungenen Raum.   

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