Wagner berührt Henze: zum Abschlusskonzert des Dortmunder Festivals „Klangvokal“


(nmz) -
Für den politischen Linken Hans Werner Henze kostete es einige Überwindung, sich der Musik Wagners anzunähern. Aber er überwand die äußerlichen, politisch-symbolischen äußeren Hemmnisse, um zum Kern der Musik vorzudringen. Wagner und Henze standen nun auch bei der Konzeption des letzten Abends der Klangvokal-Festivals im Dortmunder Konzerthaus im Bezug zueinander. Damit hatte sich die zweite Ausgabe dieser ambitionierten, genreübergreifenden Konzertreihe einmal mehr um aufschlussreiche Repertoireerschließung verdient gemacht.
23.06.2010 - Von Stefan Pieper

Henzes Sinfonie Nr. 5 gestalteten die Dortmunder Sinfoniker als wütend-auftrumpfendes Sturm- und Drang-Szenario. Jac van Steens Dirigat inspirierte das Orchester zu hellwacher, impulsiver Präzision bis in die letzte Nervenzelle hinein und dies vom ersten Moment an. Hans Werner Henze hat Wagners Wesendonck-Lieder für Kammerorchester umarrangiert. Entsprechend „verschlankt“ boten die Dortmunder Sinfoniker das Rückgrat für die Mezzosopranistin Alexandra Petersamer. Diese wusste mit viel klangschönem Zartgefühl zu artikulieren, wenn auch überwiegend zu zaghaft - gerade angesichts eines schon stark reduzierten Orchesterapparates!

Nach der Pause dann gab es Wagners wohl „menschlichste“ Episode aus dem Ring – den ersten Akt aus der Walküre: Wagner und die gefragte Sopranistin Angela Denoke, außerdem Stig Anderson (Tenor) und Stephan Klemm (Bass) als männliche Gegenparts – solche Eckdaten versprechen an sich schon Superlative. Zunächst evozierten die Sinfoniker mit einer fast schon gespenstischen, vor allem jene „unheimlichen“ aufsteigenden Motive plastisch herausstellenden Ausdeutung der Ouvertüre einen Nährboden für höchste Dramatik. Die Chancen halbszenischer Aufführung schienen bestens genutzt, wenn es um die Entfaltung der Musik, um die Kommunikation zwischen Orchesterklang und Stimmen ging – mit dem Orchester auf der Bühne existieren naturgemäß ganz andere akustische Voraussetzungen.

Franziska Severins Inszenierung setzte zudem auf modern durchgestylte Aufbereitung mittels atmosphärischer Videoprojektionen (Victoria Coeln). Im Kern stand die Musik, der Gesang: Angela Denokes Sopran durchdrang Sieglindes psychologische Verfassung, wie sie in den Bann des ominösen Gastes Siegmund gerät, um schließlich in triumphaler, inzestuöser Liebe zu ihm zu finden. Immer wieder bot Angela Denokes selbstbewusst auftrumpfender Sopran jedem noch so heftigen Orchestercrescendo überlegen Paroli. Ihr Gegenpart Stig Anderson tendiert gesanglich zum lyrischen Fach hin. Er agierte entsprechend farbenreich, empfindsam und subtil abgestuft. Und dann ist da diese so charismatische wie gebieterische Wucht, die der Bassist Stephan Klemm alias Hunding in seinen Parts evozierte. Rein gesanglich gesehen schien Denoke - Klemm eindeutig die „Traumkonstellation“ dieses Abends.