Wall of Sound: Nils Petter Molvaer mit neuem Trio bei den 18. Dortmunder Jazztagen


(nmz) -
Runderneuert wirkt augenblicklich die Klangwelt des Nils Petter Molvaer. Die Affinität des norwegischen Trompeters zwischen Jazzer-Pose und elektronischer Tanzmusik machte Molvaer in den 90ern so berühmt. Jetzt ist er gleichberechtiger Part in einem kompromisslosen Rock-Trio.
20.10.2011 - Von Stefan Pieper

Stian Westerhus kommt von der Experimental-Rockband Motorpsycho, während Erland Dahlen sonst bei Madrugada trommelt. Das allein machte neugierig, um diese Formation zur Eröffnung der 18. Dortmunder Jazztage im Domicil zu erleben. Intensität pur ist auf jeden Fall angesagt, wo dieses Trio seine Stimme erhebt.

Auf der Bühne des Dortmunder Jazzclubs agieren Handwerker, die professionell ihre Arbeit machen. Und damit mal eben einen expressiven Orkan entfesseln. Der zunächst geschmeidig fließend in Fahrt kommt, wenn er zum Einstieg an die von weichen Lyrismen durchdrungene Ästhetik vieler ECM-Produktionen anknüpft. So wirkt es minutenlang, als sich sphärisch-verhallte Gitarrenfiguren, tastende Schlagzeugimpulse, rauschende Becken und Molvaers zu diesem Zeitpunkt noch sehr „vorsichtiger“ Trompetensound  einander annähern.

Doch „meditativ“ und „lyrisch“ sind in diesem Set nur Zwischenstadien, denn Molvaer, Westerhus und Dahlen haben es in ihrer neuen Konstellation auf  einen durch und durch psychedelischen „Wall of Sound“ abgesehen. Böse und oft abgrundtief steuert Westerhus ganz andere Richtungen an sein Gitarren-Vorgänger in Molvaers Band, nämlich Eivind Aarset, der viel einen an Terje Rypdal erinnernden den nordischen Landschaftsmaler repräsentierte. Westerhus fühlt sich viel mehr in brachialen, extrem direkten Noise-Gefilden zuhause. Liefert pumpende Klangmassen als granitenen Boden für alles, was in dieser Band sonst noch passiert.

Schlagzeuger Erland Dahlen trommelt dazu eine überkochende Rhythmik, türmt Impulse und Crescendi auf. Dass man Dahlens Kunst auf dem Drumset schon mit den Leistungen des frühen (!) Phil Collins verglichen hat, will was heißen.

Experimenteller Noise-Progrock? Was sind schon Schubladen, wo alles, wie hier im Domicil, so unmittelbar, direkt und gewaltig narkotisiert. Molvaers Himmelstürme auf der Trompete wirken jedenfalls ganz neu beflügelt. Gelassen-konzentriert wie eh und je spielt er in sein Instrument hinein, schraubt phasenweise an Reglern und Laptop, und bläst auch mal am verkehrten Ende in sein Instrument herein. Aber er erfindet seine eigene Musik nicht wirklich neu – und braucht dies auch nicht. Denn alles in seinem Spiel ruht seit den Anfangstagen so sehr in sich, dass gar nichts anderes als eine Erfüllung des Bestehenden denkbar wäre. Wie einem ewigen Auftrag folgend, schöpft er aus seinem betont reduzierten Vorrat aus Melodien und Läufen intensivste Gefühlszustände. Die leuchten umso mehr, weil er die Klangfarben so zu variieren und zu kontrastieren weiß.

Das neue Album „Baboon Moon“, dient beim Dortmunder Konzert eher als Rohmaterial für ein relativ freies, bis zum finalen Applaus ohne Pause durchgehendes Set. Das potenziert die Sogwirkung des intensiven Zusammenspiels der drei Norweger. Die türmen eine überbordende Dynamik auf, um dann etwas langatmig in einem ruhig-meditativen Mittelteil zu verweilen, bevor die geballte Urkraft von schneidenden Aufschreien der Trompete, abgründigen Gitarren-Soundscapes und überkochender Rhythmik noch einmal zum finalen Showdown losbricht. Weg von artifiziell produzierten Tracks voller Samples und Elektrobeats und weg von bombastischer Komplexität scheint das Gebot der Stunde. Dafür hin zu maximaler Konzentration möglichst greller, lodernder Klangmassen!

Die optische Aufbereitung tut ihr Übriges: Die drei Musiker sind Gestalten im Halbdunkeln, mal nur als Schattenriss erkennbar, oder in psychedelisches Licht getaucht, wie es in den 60er Jahren von Ölscheibenprojektoren erzeugt wurde. Auch so manche Sternschnuppe blitzt auf über dem gleißenden Spiel mit den Klangfarben, welch dieses neue Trio so überzeugend beherrscht.

Die Dortmunder Jazztage finden dieses Jahr zum 18. Mal statt – die aktuelle Ausgabe macht einmal mehr klar, dass dieses Festival in seiner Grundstruktur eines der beweglichsten ist. Wurde in den letzten Jahren sämtliche Konzerte noch in ein Wochenende gepackt, so haben die Veranstalter jetzt wieder sämtliche Auftritte über einen ganzen Monat gestreut und damit ein Konzept aus den Anfangsjahren wieder eingeführt.

Nächste Termine:

Do 20.10.: Vijay Iyer Trio

Fr 28.10.: Theo Bleckmann: Hello Earth! The Music of Kate Bush

Sa 29.10.: Angelika Niescier New York Trio

Do 03.11.: Caecile Norby Quartet feat. Lars Danielsson

So 06.11. Victor Bailey Group feat. Poogie Bell

Fr 11.11.: Grzegorz Karnas "Vocal Cello Band" / The Impossible Gentlemen feat. Gwilym Simcock

Sa 12.11.: Omar Sosa "Afri-Lectric Quintet" feat. Joo Kraus

So 13.11.: Lily Dahab

+ SPECIAL: 3.12.: Jazz Preis Ruhr