Wenn der Torwart zum Orchesterwart wird – „Das verrückte Orchesterkonzert“


(nmz) -
Vor drei Monaten konnte die Leipziger Musikschule „Johann Sebastian Bach“ ein besonderes Jubiläum feiern. Die in Deutschland wohl einmaligen Schulkonzerte feierten im Dezember 2010 ihr 60jähriges Bestehen. Die inzwischen zur Institution gewordenen Konzerte machen jährlich etwa 40.000 Schüler mit dem Konzertwesen vertraut und lassen Musikunterricht lebendig werden.
24.03.2011 - Von Barbara Lieberwirth

Wie erfrischend und anschaulich Musikunterricht bereits für Grundschüler sein kann, wurde gestern (23.3.) im Kleinen Saal des Gewandhauses zu Leipzig einmal mehr unter Beweis gestellt. In zwei Veranstaltungen konnten etwa 900 sieben- bis zehnjährige Schüler ein wahrhaft „verrücktes Orchesterkonzert“ erleben. Die Leipziger Schulkonzerte haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihr jüngstes Publikum unterhaltsam und spielerisch an klassische Musik heranzuführen. Anders als bei Benjamin Brittens „The Young Persons Guide to the Orchestra“ ist „Das verrückte Orchesterkonzert“ von Ines Mainz in eine Handlung eingebettet. Die Story des szenischen Orchesterstücks ist schnell erzählt: Sportreporter Franz (Matthias Bega) wird abkommandiert, nicht wie gewohnt sein geliebtes Fußballspiel zu kommentieren, sondern einem Konzert beizuwohnen. Konzertsaal statt Stadion, klassische Musik statt Fußball? Franz versteht die Welt nicht mehr! Statt einem Torwart steht er plötzlich Orchesterwart Paul (Kaspar Mainz) gegenüber. Der erkennt die missliche Lage des Reporters und hilft ihm, sich im artfremden Metier zurecht zu finden.

Das junge Publikum muss Paul freilich unterstützen. Umgehend ist ein Lied einstudiert, dessen Inhalt später aufgegriffen und zum Thema des Orchesterstücks wird. Doch zunächst werden dem unmusikalischen Franz –und „ganz nebenbei“ dem Publikum– alle Instrumentengruppen vorgestellt. Beim Erklären der einzelnen Instrumente werden den Kindern die vielfältigen Möglichkeiten klanglicher Mischungen demonstriert. Jede Instrumentengruppe tritt mit einem eigenen Musikstück auf, welches am Schluss in einer Suite wieder aufgegriffen wird. Auch selten zu hörende Instrumente, wie Harfe oder Röhrenglocke werden mit Hilfe solistischer Einsätze erklärt. Nachdem das gesamte Westsächsische Sinfonieorchester auf der Bühne sitzt und auch Kinder aus dem Publikum zum Einsatz gekommen sind, erzählen Franz und Paul ein Traummärchen. Vom Ritter mit dem blauen Pferd, vom Reich des Zauberers, von einem dramatischen Kampf, einer schlafenden Prinzessin und von Fanfaren, die zum Fest rufen. Jede einzelne Etappe des Märchens wird musikalisch umgesetzt und da die Komposition wie Filmmusik anmutet, fällt es den Kindern nicht schwer, mit ihrer Hilfe in eine Fantasiewelt einzutauchen. Am Schluss tanzen die Akteure auf der Bühne eine rhythmisch ausgelassene Gaillarde, einige Kinder hält es nicht auf den Plätzen; sie tanzen einfach mit. Die musikalischen Fäden hält der, anfangs vom noch unwissenden Franz als Schiedsrichter vorgestellte, Roland Mell in der Hand. Der Berliner Dirigent hat hier nicht nur musikalische, sondern auch darstellerische Aufgaben, die er mit Bravour umsetzt.

Verantwortlich für das gesamte Projekt ist die Musikpädagogin und Komponistin Ines Mainz. Nach ihrem Studium in Leipzig assistierte und lehrte sie am Salzburger Mozarteum (Musikpädagogik und Elementare Komposition sowie Klavier und Klaviermethodik), sie lehrte an der Musikhochschule Nürnberg/Augsburg Musikpädagogik, seit 2001 ist Ines Mainz wieder an der hiesigen Musikhochschule "Felix Mendelssohn Bartholdy". Seit Jahren setzt sie sich für anspruchsvolle Musikerziehung ein. Ihr „Verrücktes Orchesterkonzert“, bei dem sie auch selbst als Pianistin mitwirkt, ist ein Beispiel dafür und verdient es auch anderen Orts aufgeführt zu werden.

 

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