„Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist...“ – Trojahns „Was Ihr wollt“ in Hannover


(nmz) -
Wenige Minuten nach Beginn der Premiere von Manfred Trojahns zweiter Oper „Was ihr wollt“ an der Niedersächsischen Staatsoper Hannover rauschte eine Dame aus den vorderen Reihen hinaus und knallte lautstark die Tür: was vermuten ließ, dass es ihr nicht schlecht oder sonst was war, sondern dass sie protestierte. Nanu? Trojahns wuchtvolle Eingangsklänge waren für alles Mögliche geeignet, aber nicht fürs Abschrecken.
10.12.2018 - Von Ute Schalz-Laurenze

So positioniert sich der 1949 geborene Komponist, emeritierter Professor für Komposition an der Hochschule für Musik in Düsseldorf, in der zeitgenössischen Musik als Widersacher der sogenannten Avantgarde und liebevoller Erbe der Tradition des Ausdrucks und der Literaturoper. Immer wieder nennt er Hans Werner Henze (ihn besonders in der Singstimmenbehandlung) und Benjamin Britten als seine „Väter“. Und man muss erneut konstatieren, dass man mit einer anhaltenden Problematisierung oder auch Diffamierung des „Tonalen“ dem Werk Trojahns nicht gerecht wird. Denn so einfallsreich, so kraftvoll, so abwechslungsreich ist seine wuchtige Musiksprache, dass die neue Hannoveraner Aufführung der 1998 komponierten Oper (Text von Claus H. Henneberg) zu einem regelrechten Publikumserfolg werden konnte.

Dafür sorgte der Dirigent Marc Rohde – der auch schon für die glänzende Henze-Aufführung „Der junge Lord“ im  ergangenen Jahr verantwortlich war –, indem er vom Niedersächsischen Staatsorchester alles krass ausspielen ließ und zuspitzte: gewaltig das Schlagzeug, umwerfend das Blech und voller Klangatmosphären die Streicher. Er versorgte Trojahns immer am Text orientierte wahrhaft kraftstrotzende, ständig vorwärtsstürmende Musik mit der auch erforderlichen Ironie und zauberte so zusammen mit dem Regisseur Balász Kovalik ein verführerisches Szenarium für Shakespeares Vorlage. In dessen „Was ihr wollt“ strandet das Zwillingspaar Viola und Sebastiano, die getrennt werden und sich gegenseitig für tot halten, auf „Illyrien“, wo seltsame Menschen ihr frustierendes Leben fristen und sich seltsame absurde Vorgänge abspielen. Viola hat sich als Mann verkleidet, verliebt sich aber in den Herzog Orsino, der seinerseits die Gräfin Olivia auserkoren hat, die aber nichts von ihm wissen will. Das komplette Durcheinander der Identitäten von Mann und Frau, von Verwirrtheit über die eigene Identität, präsentiert der Regisseur in einer mit Kisten von Amazon und DHL vollgestapelten Lagerhalle, in der einiges zusammenkracht und aus den entstandenen Löchern die Menschen herausteigen. Und die Suche nach sich selbst wird reflektiert durch den Einsatz von Spiegeln. Das ist klug, witzig, und wird gebrochen durch das Hereinfahren eines blauen, später roten Mondes, mit dem die Aufführung den auch ernsthaft auftauchenden Liebesarien und Duetten gerecht wird (Bühne: Hermann Feuchter). „Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter“ – meint der verliebte Herzog zu zarten Lautenklängen.

Dass hier die Musik als „Kraftwerk der Gefühle“ (Alexander Kluge) sowohl in den sehr echten Liebesszenen als auch in den grotesken Rüpelszenen rüberkommt, ist natürlich auch maßgeblich den hervorragenden SängerInnen zu verdanken. Allen voran Ania Negry als Viola mit schwindelerregenden, fantastisch bewältigten Höhen. Dann Simon Bode als Orsino, Dorothea Maria Marx als Olivia, Brian Davies als immer neben sich stehender eitler Malvolio, weiter Julia Sitkovetsky, Stefan Adam, Edward Mout, Jonas Böhm und Michael Fries: da blieben keine Wünsche offen. Eine Extraerwähnung verdient Martin Berner als Narr im Ballettkostüm, der alle Fäden zusammenhält und am Ende ein erschütterndes englisches „fiddle-Lied“ singt.