Zum Beispiel Zahnbürste in C – Oliver Sacks’ „Musicophilia“ im Radialsystem Berlin


(nmz) -
Gemeinsam mit dem Autor Norbert Niemann und dem Komponisten Steffen Wick erarbeitete Axel Tangerding die musiktheatrale Fassung eines Buches des Bestseller-Autors Oliver Sacks’ , dessen „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ auch schon fürs Musiktheater adaptiert worden ist.
19.04.2014 - Von Peter P. Pachl

Aus Sacks’ auf Deutsch unter dem Titel „Der einarmige Pianist“ erschienenem Bestseller „Musicophilia“ hat der Architekt, Erbauer und künstlerische Leiter des Meta Theaters in Moosach bei München, Axel Tangerding, einen Musiktheaterabend konzipiert und in Personalunion von Ausstatter und Regisseur szenisch umgesetzt.

Seinen Bühnenraum füllen neun transparente, mit Gaze bespannte Röhren als Beobachtungszellen, Krankenstuben oder psychische Tuben, sinnlich oder informativ belebt durch Video-Projektionen (von Stefano Di Buduo), mit Strukturen, fallenden Körnern oder auch vervielfachten Personen.

Ein Schauspieler (Peter Pruchniewitz) schlüpft in die Rolle des Neurologen Sacks, berichtet im weißen Kittel über Erfahrungen mit seinen diversen Patienten, die von drei weiteren Musikdarstellern verkörpert werden, wobei Mikroport-Mikrofonierung zusätzlich als Mittel einer verdeutlichenden Verfremdung genutzt wird. Bisweilen brechen die Erfahrungen, die der Arzt macht, mit derart eruptiver Gewalt über ihn herein, dass sie ihn geradezu umwerfen. Seine Objekte der Typologie bieten eine Sängerin (die obertonreiche Sopranistin Cornelia Melián), eine Violinistin (Gertrud Schilde) und ein Cellist (Mathias Beyer-Karlshoj), die ihrerseits die Erfahrungen und Erlebnisse der Patienten im Umgang mit Musik visualisieren. Mit einfachen, aber zumeist eindrucksvollen Minimalaktionen werden so Sacks’ Kapitel Absolutes Gehör, Musikalische Halluzinationen, Prozedurales Erinnern, Synästhesie, Amusie, Hirnwürmer, Musik und Sprache, Freiheit und Determination, Demenz und Identität ins Bild gesetzt. Dabei überzeugen die beiden Instrumentalisten im auswendigen Spiel der Komposition von Steffen Wick genau so stark, wie in Mono- und Dialogen. Musikalische Idiome werden zunächst im Instrumentalspiel entwickelt, können sich dann verselbständigen und klingen elektronisch verarbeitet weiter, im Bestreben des Komponisten, das Publikum „im Kopf unserer Fälle fest“ zu setzen und ein Hörerlebnis „aus deren Perspektive“ zu schaffen. So spielen die beiden Instrumentalisten mit ihren eigenen „Phantomstimmen“ ein Streichquartett, im Rahmen diverser „akustischer Halluzinationen“ wird prasselnder Regen zur Wahrnehmung von Applaus. In den Ablauf des Abends ist ein störender, sich am Ende auflösender Tinnitus ebenso eingebaut, wie eine in C klingende elektrische Zahnbürste.

Die Synästhesie der Tonarten lässt den Raum farbig pulsieren. Fallbeispiele einer Komponistin, die nach einem Unfall die vier Stimmen eines Quartettsatzes wie vier Laserstrahlen empfunden hat oder eines Komponisten, der unfallsbedingt alles einen Viertelton zu hoch wahrgenommen hat, evozieren im Rezipienten die Frage der Wertigkeit der Veränderung von Musik, etwa durch Transposition. Hierzu zieht die Sängerin den Vergleich heran, als würden alle Früchte auf einem Markt plötzlich in einer falschen Farbe erscheinen. Einer Szene kollektiver Verlegenheitsgestik der vier Darsteller folgt am Ende des Abends eine Entschleunigung.

Die für das Meta Theater spezifische Durchdringung von Bewegung, Sprache und Musik gelingt für „Musicophilia“ als eine dramatisch-poetische Reise durch das menschliche Gehirn, faszinierend und kurzweilig.

Das Publikum im fast ausverkauften Radialsystem zeigte sich begeistert.

Zu den Berliner Gastspiel-Aufführungen wird unentgeltlich ein wissenschaftliches Rahmenprogramm angeboten, in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig, der Humboldt-Universität, der Charité-Universitätsmedizin und der Berlin School of Mind and Brain.

Am Premierenabend referierte der Biologe und Kunstwissenschaftler Thomas Fritz vom Leipziger Max Planck-Institut über seine Studien, Erkenntnisse und angewandten Erfolge durch den Einsatz von Musik. Deren Verarbeitungsprozesse im menschlichen Gehirn sind inzwischen deutlich lokalisierbar und messbar. Video-Fallbeispiele belegten die verblüffend starke Heilkraft von Musik. Spannend auch die Ergebnisse von Fritz’ interkulturellem Vergleich der Musik bei den Mafa und die Auswertung von deren erster Wahrnehmung westlicher Musik.

Weitere Aufführung: 19. April 2014.