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Rossini als politische Entlarvung –„Semiramide“ an der Bayerischen Staatsoper

14.02.17 (Wolf-Dieter Peter) -
Lord Actons Diktum „Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely“ erweist sich auch in unseren Tagen als zeitlos gültig. Das mag das Team um Regisseur David Alden bewogen haben, Rossinis herausforderndes und daher selten gespieltes Werk um die so legendäre wie berüchtigte assyrische Königin Semiramis in einer Diktatur zwischen dem antiken Babylon und dem heutigen Nordkorea anzusiedeln.

Perfekt ausbalanciert – Henning Sieverts „Symmethree“ spielte beim BMW Welt Jazz Award

13.02.17 (Ssirus W. Pakzad) -
Von allen Tiefton-Spezialisten, die im laufenden Wettbewerb des BMW Welt Jazz Awards antreten, hatte er die kürzeste Anfahrt: der Bassist, Cellist, Komponist und Rundfunkmoderator Henning Sieverts lebt in München. Seine Musik aber ist ständig auf weiter Reise: durch Epochen, Stile, Tempo-Zonen, Provenienzen, Systeme, Prinzipien.

Bernd Mottl findet in Hannover eine radikale Lösung für den „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner

12.02.17 (Ute Schalz-Laurenze) -
Die Grundproblematik in Richard Wagners 1841 entstandener, 1843 uraufgeführter Oper, mit der der Komponist den traditionellen „Opernstil“ überwinden wollte, ist bekannt und es gibt bei keiner einzigen Inszenierung ein Missverständnis darüber, dass hier weder der Holländer die Senta irgendwie liebt, noch Senta den Holländer: die Partner sind immer Projektionen für eine seelische Sehnsucht, nämlich die nach Erlösung, was ja fortan Wagners Lebens- und Werkthema werden sollte.

Peter Cornelius’ Oper „Der Barbier von Bagdad“ in Gießen

12.02.17 (Peter P. Pachl) -
Eine stärkere Einheit von Wort und Ton, selbst gemessen an den Musikdramen von Cornelius’ Busenfreund Richard Wagner, der dem Jüngeren in Wien eine dauernde häusliche Gemeinschaft, ein Leben wie Mann und Frau, angeboten hatte, ist auf der Opernbühne selten zu erleben. Im Gießener Stadttheater wird die vielschichtige und beziehungsreiche Handlung des „Barbier von Bagdad“ musikalisch domestiziert und szenisch verschmälert zu einer „Biene Maja“-Geschichte.

„Spring Awakening“ als Jugendstück der Oper Halle

12.02.17 (Roland H. Dippel) -
Rundum überdurchschnittlich ist die sagenhafte Qualität des Hallenser Jugendensembles im Off-Broadway-Musical „Spring Awakening“ nach Frank Wedekind von Duncan Shiek (Musik) und Steven Sater (Text). Da stimmt in den Songs und Dialogen an Bühnenspannung und Sicherheit tatsächlich alles.

Uraufführung an der HfM Weimar: „Die schönere Wahrheit“ von Giordano Bruno do Nascimento

10.02.17 (Roland H. Dippel) -
Das ist fast rekordverdächtig: Erst vor wenigen Tagen stemmte das Orchester der Hochschule für Musik Franz Liszt in der Weimarhalle Humperdincks „Königskinder“, zeigte unter dem Gastdirigat von Sebastian Weigle und gecoacht von Helen Donath ein berückendes Leistungsspektrum. Dann folgte am 8. Februar im Kulturzentrum Mon Ami nach „Lucie“ (2014) und „Die Marmorpuppe“ (2015) die bereits dritte Weimarer Opernuraufführung des brasilianischen Komponisten Giordano Bruno do Nascimento (geb. 1981).

Schwerer Einschlag in Putiwl – Dmitri Tcherniakovs „Fürst Igor“-Inszenierung in Amsterdam

10.02.17 (Frieder Reininghaus) -
„Knjas Igor“ gehört zu den großen Sorgenkindern der Musiktheatergeschichte. Der als Naturwissenschaftler international bekannte Militärarzt Alexander Borodin, nebenbei ein hoch talentierter Musiker und Komponist, entwickelte Ende der 1860er Jahre den Plan, aus dem altrussischen Epos „Slowo o polku Igorewe“ eine musikdramatische Arbeit abzuleiten.

Glutroter Samt und ein Hauch von Rauch – Sopran-Solitär Leontyne Price feiert ihren 90. Geburtstag

10.02.17 (Wolf-Dieter Peter) -
„Io son l’umile ancella… - Ich bin nur demütige Dienerin…“ … als Leontyne Price dies 1968 im Münchner Kongress-Saal bei ihrem einzigen Gala-Konzert in der Bundesrepublik sang, schmolz auch der Autor dieser Zeilen endgültig in hingerissener Bewunderung dahin: Grund genug für diesen Glückwunsch an eine bewundernswerte Amerikanerin.

Wollsocken, Croissants – Käse und Brezeln – „Dido“ von Michael Hirsch und Henry Purcell in der Deutschen Oper Berlin

08.02.17 (Peter P. Pachl) -
Was haben dicke Wintersocken mit Purcells „Dido und Aeneas“ zu tun? Sie sollen fürs Wohlbefinden der Besucher_innen in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin sorgen: Pflichtobjekte vor Betreten des mit Luftpolsterfolien zum weißen Kubus umgestalteten Vielzwecktheaterraums. Dramaturg Curt A. Roesler, selten so groß, wie wenn er, auf der Garderobentheke stehend, das Publikum indoktriniert, gibt im Foyer den Einsatz, sich ganz leise zur Ruhe zu be- und vorher die Schuhe abzu-geben.

Gepflegte Rohheit – Philipp Krenn inszeniert Brittens „Peter Grimes“ in Wiesbaden, Dietrich Hilsdorf Verdis „Attila“ in Bonn

07.02.17 (Frieder Reininghaus) -
Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“, 1945 mit renitenten Intentionen und widerständigem Potential in die konservative Londoner Musiktheaterlandschaft gepflanzt, huldigt einem Außenseiter. Britten erkundete mit sensiblen Instrumentalklanggespinsten und deftigen Gesangspartien das Seelenleben eines Fischers, wie er wohl vor zweihundert Jahren an einem gottverlassenen Abschnitt der rauen Nordseeküste Englands anzutreffen war.

Über-Performativ und reichlich weiblich – Das Festival Eclat in Stuttgart am ersten Februarwochenende

06.02.17 (Andreas Kolb) -
Stuttgarts größtes Festival für Neue Musik nennt sich Eclat, hätte aber dieses Jahr auch den Titel „Plädoyer für selbstbewusste Komponistinnen“ tragen können: Als ein solches hatten die künstlerischen Leiterinnen Christine Fischer und Lydia Jeschke das Programm der beiden ersten Tage formuliert. Jung, weiblich, und visuell – das war ein gemeinsamer Tenor, dennoch hätten die acht ersten Konzerte aus weiblicher Feder unterschiedlicher nicht sein können. Einzig der Hang zum Über-Performativen, zum Konzept, kurz zu einer Gehaltsästhetik ganz im Sinne eines Harry Lehmann, war ihnen gemeinsam.

Da stört das Saccharin – Das Duo Lars Danielsson / Grégory Privat gastiert beim BMW Welt Jazz Award

06.02.17 (Ssirus W. Pakzad) -
Der Schwede Lars Danielsson ist einer der führenden Bassisten Europas und ein Melodiker erster Güte – als der zeigte er sich bei einem ansprechenden Matinee-Konzert des BMW Welt Jazz Awards. Sein morgendlicher Duo-Gig mit dem aus Martinique stammenden Pianisten Grégory Privat hatte aber leider einen vermeidbaren Schönheitsfehler.

„Vom Wesen des Besitzes“ – Richard Wagners „Rheingold“ hatte Premiere am Staatstheater Oldenburg

06.02.17 (Ute Schalz-Laurenze) -
Ein gut platziertes „Bravo“ ging dem Beifallssturm nach der Aufführung von Richard Wagners „Rheingold“ am Oldenburgischen Staatstheater voraus. Zu Recht. Nach dem „Vorabend“ des „Ring des Nibelungen“ ist der gesamte Zyklus erstmals in der Geschichte des Oldenburgischen Staatstheaters geplant.

piano piano – Liebner und Rathert zu Ehren der neunzigsten Geburtstage von Earle Brown und Morton Feldman

05.02.17 (Wolf Loeckle) -
Es war eine wahrhaft schöne Geschichte, die Wolfgang Rathert, Musik-wissenschaftler der LMU-München mit Schwerpunkt zwanzigstes Jahrhundert inklusive Musik der Gegenwart samt speziellem Fokus auf die USA, erzählte. Knapp und präzise, klipp und klar, befreit vom Feinstaub musikwissenschaftlich-mikrotonaler Esoterik.

„Petruschka“ und „L'Enfant et les Sortilèges“ als animierte Doppelproduktion an der Komischen Oper Berlin

05.02.17 (Peter P. Pachl) -
Mit Barrie Koskys Inszenierung der „Zauberflöte“ im Zeichentrick-Ambiente der britischen Theatergruppe „1927“ wurde zu einem „Kassenschlager“ am Stammhaus und „an Dutzenden Häusern zwischen Amerika und Asien“. Gezielte Erfolgsfortsetzungen erweisen sich in der Regel als schwierig, so auch hier, wo die Erfolgsmasche für ein kurzes Strawinsky-Ballett, gekoppelt mit einem Operneinakter, neu angewandt wird.

Merkel, Amor und der Brexit: Rossinis „Reise nach Reims“ als Comicversion in Kiel

01.02.17 (Arndt Voß) -
Es beginnt mit einer rasanten Kutschfahrt und einer gehörigen Bruchlandung. Untermalt vom beschwingten rossinischen Crescendo stürzen Pferde, Räder und Wagenteile, Koffer und Stiefeletten, Handtasche und Hut herab. Aber, wie im Comic so üblich, alles fügt sich wieder zusammen. So auch in der neuesten Kieler Inszenierung von Gioachino Rossinis „Die Reise nach Reims oder Das Hotel zur Goldenen Lilie“, die Comics mit realer Bühnenhandlung verbindet. Wegen des Aufwands für den Comicfilm kooperierte man mit dem Theater Lübeck und der Fondazione Arena di Verona.

Den inneren Kern unserer Gesellschaft bestimmen: Olaf Zimmermann im Gespräch über die neu gegründete Initiative kulturelle Integration

01.02.17 (Andreas Kolb) -
Angesichts des Flüchtlingszuzugs haben Bundesregierung und Deutscher Kulturrat eine „Initiative kulturelle Integration“ gegründet. Im Gespräch mit unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen sollen Vorschläge und Ideen für das kulturelle Zusammenwachsen erarbeitet werden. Die Moderation soll der Kulturrat übernehmen, auf den die Idee zurückgeht. Die Ergebnisse sollen zum UNESCO-Welttag der kulturellen Vielfalt im Mai 2017 vorgestellt werden. Andreas Kolb, nmz-Chefredaktion, sprach mit dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann über das Projekt.

Klare Botschaft, starke Emotionen: Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ in Gelsenkirchen

Der Auftrag, „dass niemals vergessen werde“, was sich mitten im 20. Jahrhundert, inmitten einer Gesellschaft, die sich auf ihre hohe Kultur etwas einbildete – dieser Auftrag sich zu erinnern ist die wesentliche Botschaft, die in der Literatur, in der bildenden Kunst und gerade auch in der Musik nach dem Zivilisationsbruch Auschwitz steckt. Mit Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ steht nun im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier ein Werk auf dem Spielplan, das auf besonders eindrucksvolle Weise die Erinnerung an die Gräuel der Nazis und den millionenfachen Tod von Menschen wachhalten kann.

„Ein kleiner Bub bei den Schafen“ – Karl Amadeus Hartmanns Simplicius Simplicissimus in Bremen

30.01.17 (Ute Schalz-Laurenze) -
Der kleine Simplicius Simplicissimus, der „allereinfältigste“, „ein kleiner Bub bei den Schafen“, so der Erzähler, betet in dem ihm vom Eremiten beigebrachten „Vater unser“ „Und erlöse uns von dem Reich“. Natürlich hat der 1905 geborene Karl Amadeus Hartmann das in seiner 1934 entstandenen Oper erst einmal verstecken müssen: er vergrub die Partitur im Garten seiner Schwiegereltern in seinem inneren Exil in der Schweiz.

Gera: Das Thüringer Staatsballett tanzt „Dracula“ zum Soundtrack von Wojciech Kilar

28.01.17 (Roland H. Dippel) -
Silvana Schröder, Direktorin des Thüringer Staatsballetts, hat einen vielseitigen Bezug zur Musik. So lebt ihr seit Februar 2016 immer ausverkaufter Ballettabend „Piaf“ vom tänzerischen Zusammenspiel mit der Sängerin Vasiliki Roussi. Für die Uraufführung „Anita Berber“ von Jiri Bubinicek vergab das Theater Altenburg-Gera sogar – heute selten für ein Ballett – eigens einen Kompositionsauftrag an Simon Willis. Die Festwoche des Thüringer Staatsballetts bis 4. Februar wurde eröffnet mit der Uraufführung von Silvana Schröders „Dracula“, ein guter Anlass auch zum Nachdenken über Musik im neuen Ballett heute.

Atemberaubende Klanglandschaften – Alban Bergs „Lulu“ in Weimar

Erstaunlich: Alban Bergs Oper „Lulu“ ist schon fast achtzig Jahre alt – im Deutschen Nationaltheater Weimar jedoch war dieses fraglos zum Kernrepertoire des 20. Jahrhundert gehörende Werk bislang noch nie zu erleben! Regisseurin Elisabeth Stöppler ist also die erste, die die Geschichte rund um Lulu und ihre Verehrer auf die traditionsreiche Bühne bringt.

Ein Anflug von Weltenharmonie – Jordi Savall in der Alten Oper Frankfurt

26.01.17 (Andreas Hauff) -
Jordi Savall, der katalanische Gambist, Dirigent und Musikforscher, ist schon ein Ausnahmemusiker. Wohl mehr als jeder andere Experte für die Alte Musik Europas hat er sich hineingearbeitet in die Musik benachbarter Kulturen. Unterstützt vom Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, der derzeit das kulturübergreifende Thema „Transit“ fördert, widmete ihm die Alte Oper Frankfurt einen Themenschwerpunkt. Der „Fokus Jordi Savall“ bestand aus drei Konzerten; Savall brachte seine beiden Ensembles „Hespèrion XXI“ und „La Capella Reial de Catalunya“ mit, dazu das mexikanische „Tembembe Ensamble Continuo“.

Mischa Spolianskys „Alles Schwindel“ – Halbherziges Crossover der Semperoper

25.01.17 (Roland H. Dippel) -
Es ist nicht das erste Mal in den kleinen Spielstätten der sächsischen Staatsoper: Bis zu vierzig Personen warten für „freie Platzwahl“ bei Frostgraden ohne Wetterschutz an den Eingängen, indes das Einlasspersonal drinnen unbeteiligt konversiert. Ins große Haus darf man nicht, wenn man kein Besucher der Vorstellung dort ist. Geöffnet wird am 24. Januar genau um 19.03 Uhr, 27 Minuten vor Beginn. Noch ist das Interesse an der neuen schicken Spielstätte „Semper Zwei“ auf 100%, doch angereistes und einheimisches Publikum äußert Unmut über die Eis- und Bewährungsproben. Dabei hätte es – zumindest diesmal – der Abkühlung nicht bedurft vor einem Abend, der eine Sensation hätte werden können.

Neoklassik mit Niveau: Max Richter verbeugt sich vor Virginia Woolf

24.01.17 (dpa) -
Berlin - Nicht vielen zeitgenössischen Klassik-Komponisten gelingt der Sprung in die regulären Albumcharts. Max Richter ist einer davon. Mit einem berührenden Werk verbeugt sich der Brite nun vor einer der wichtigsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts.

Reich und glücklich? – Mischa Spolianskys Revue „Wie werde ich reich und glücklich?“ am Nationaltheater Mannheim

24.01.17 (Frieder Reininghaus) -
Die Rekonstruktion der unterschiedlichen Glückserwartungen und eines Films zu ihnen: Der alte Charme einer Berliner Revue von Felix Joachimson und Mischa Spoliansky feiert am Nationaltheater Mannheim Auferstehung. Das Sonderkommando Himmelfahrt unter Einsatzleiter Jan Dvořák bringt Bewegung in eine Frage, die für die meisten längst gelöst schien.
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