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Redundante Choreographie-Inszenierung – Meyerbeers „Le Prophete“ an der Deutschen Oper Berlin

28.11.17 (Peter P. Pachl) -
Bereits beim ersten Blick auf die offene Bühne mit diversen Plattenbauten-Prospekten wird klar, dass die Handlung von Meyerbeers Grand Opéra, um 1530 in den Niederlanden und im westfälischen Münster spielend, in der Berliner Neuinszenierung an die Gegenwart herangerückt und hier auch verortet wird.

Hören mit dieser Technik ist ein gehendes Hören – Stadt (Land Fluss) von Daniel Kötter und Hannes Seidl in Berlin

28.11.17 (Hans-Peter Graf) -
Mit dem bekannten Spiel, sich Namen-ratend die Zeit zu vertreiben, hat dieser erste Teil der in den Sophiensælen in Berlin uraufgeführten Trilogie nur insoweit zu tun, als es auch um Wissen geht, allerdings nicht um Standard-Wissen – mit einer größeren Stadt mit „H“ an der Unterelbe kann nur Hamburg gemeint sein –, sondern um das im Wandel begriffene Wissen über den Lebens- und Sozialraum Stadt schlechthin.

„Der unglaubliche Spotz“ von Mike Svoboda als Vorweihnachtsmärchen an der Staatsoper

26.11.17 (Peter P. Pachl) -
In der Nachfolge der romantischen Künstleroper hat Mike Svoboda einen Musiktheaterbeitrag komponiert, mit einer Mesalliance, wie sie in den Opern von Ludwig Thuille vorgezeichnet ist: Komponist und Prinzessin lieben einander, aber der Vater König ist schwer geräuschempfindlich und mag keine Oper. Ein Erfinder am Hofe – er trägt bezeichnenderweise den Namen Einstein – sorgt für Abhilfe, zunächst mit einem Kopfhörer, der alle Schallwellen tötet, dann mit einem Gerät, das dem König im Schlaf die Klänge der neuen Oper in homöopathischen Dosen infiltriert, so dass er schließlich doch Musik mag – happy end.

Mit gespitzten Ohren: „Teufels Küche“ von Moritz Eggert am Theater Freiburg

26.11.17 (Georg Rudiger) -
Der Teufel wartet in Gestalt von Klaus Simon schon an der Eingangstür. Erst nachdem man von dem großen Mann im roten Frack abgebürstet und mit einer Gewürzmühle bestreut wurde, darf man das Kleine Haus des Freiburger Theaters betreten. Sprechen kann dieser ungewöhnlich höfliche Teufel nicht. Wie überhaupt die ganze einstündige „KonzertAktion“ von Moritz Eggert und Heiko Hentschel namens „Teufels Küche“ ohne ein einziges Wort auskommt.

Neue Musik / Musikfeature / SoundArt: Die Radio-Woche vom 27.11. bis 03.12.2017

26.11.17 (mh) -
Neue Musik und Musikfeatures in der Kalenderwoche 48. Schwerpunkte: Ensemble Nikel, Karlheinz Stockhausen, Luigi Nono, Claude Vivier, „Les Femmes Savantes“, Florian Hecker, Charles Koechlin, Varvara Kutuzova, Ensemble Mosaik, Rosetta Reitz +++ Donaueschinger Musiktage 2017, Wien modern 2017, Uraufführungs-Reigen in Dornbirn, WDR 3 Konzert live – Musik der Zeit, Week-End Fest 2017 +++ Der Rausch der Neuen Musik, Analoge Zombies, Herzenswut und Seelenglut, Island, Tracing Pjotr Zak, Neubeginn oder vergebliche Rückkehr Wiener Komponisten aus dem Exil und Streifzüge durch Rio de Janeiro.

„Es wird Schreckliches geschehen“ – Richard Strauss' „Salome“ in Hannover

25.11.17 (Ute Schalz-Laurenze) -
„Salome“ von Richard Strauss: großartig in tausend Farben 1905 komponierte Musik für eher abstoßendes Thema nach Oscar Wilde. Die 16jährige judäische Prinzessin Salome verliebt sich in den Propheten Jochanaan und fordert aus Rache, weil der sie nicht will, seinen Kopf auf einer Silberschüssel. Das gewährt ihr der von Rom eingesetzte Tetrach Herodes, der ihr hörig ist und in ihrer Schuld steht, weil sie für ihn getanzt hat.

Lübeck zeigt „Oliver!“ – ein Musical zwischen Kindertheater und professionellem Anspruch

21.11.17 (Arndt Voß) -
Um das leichtere Genre im Musiktheater zu bedienen, hat sich das Theater Lübeck in dieser Spielzeit Lionel Barts Musical „Oliver!“ vorgenommen, verfasst nach Charles Dickens‘ allbekanntem zeit- und sozialkritischem Roman. 1960 uraufgeführt, wurde es in Londons West-End ungewöhnlich lange gespielt, übertroffen nur von „Jesus Christ Superstar“. Knapp drei Jahre später wiederholte sich der Erfolg am Broadway. Erst 1985 wurde eine deutschsprachige Version in Salzburg vorgestellt, dennoch blieb das Werk in Deutschland nahezu unbekannt.

Konzertdesign goes local – Die „Montforter Zwischentöne“ beleben Feldkirch (Vorarlberg) mit neuen Formaten

21.11.17 (Antje Rößler) -
Während der regelmäßige Opern- und Konzertbetrieb unter Sparmaßnahmen leidet, entstehen immer mehr Festivals. Deren wachsende Anzahl führt zu austauschbaren Programmen. Die Montforter Zwischentöne im österreichischen Feldkirch setzen dagegen auf maßgeschneiderte Veranstaltungen mit regionalem Bezug.

(K)ein Blick aufs Meer … – Anthony Pilavachi entfesselt in Meiningen Mozarts Cosi fan tutte

20.11.17 (Joachim Lange) -
In der Rezeptionsgeschichte der letzten Jahrzehnte hat sich auf den Bühnen eine Art Konsens über die Modernität von Mozarts dritter DaPonte Oper herausgebildet. Dem prüden 19. Jahrhundert war dieses Laborexperiment über erotische Anziehungskraft, ihr Auflodern und Abebben, den beständigen Konflikt zwischen Konvention und Leidenschaft zu unmoralisch.

Wahn, überall Wahn – Donizettis „Lucia di Lammermoor“ an der Semperoper Dresden

20.11.17 (Joachim Lange) -
„Mors certa hora incerta" also „Der Tod ist gewiss, die Stunde nicht“ – so ist an der Rampe in der Dresdner Semperoper zu lesen. Ein passendes Motto für „Lucia di Lammermoor“. Obwohl sich die Todfeinde im Stück, hier schon mal ziemlich konkret die Stunde ankündigen, an der sie zuschlagen wollen. Musikalisch und mit seinem Plot ist das, was Gaetano Donizetti 1835 rausgehauen hat, ein Belcanto-Kracher mit allem Drum und Dran. Mit einer Wahnsinnsarie für die Titelheldin als Schmankerl. Und das im doppelten Wortsinn – es geht um den Inhalt und um die Herausforderung für die Sängerin. Mit der die ganze Oper steht oder fällt. In Dresden steht sie. Und wie!

Neue Musik / Musikfeature / SoundArt: Die Radio-Woche vom 20.11. bis 26.11.2017

19.11.17 (mh) -
Neue Musik und Musikfeatures in der Kalenderwoche 47. ensemble mosaik, Ensemble PHACE, Max Baumann, Benjamin Attahir, Pierre Boulez und Paul Klee, Marc Sabat, Thomas Beimel, Hèctor Parra, Beatriz Ferreyra, Clara Haberkamp, Klarenz Barlow, Stefan Fricke/Alper Maral, Delia Derbyshire, Charles Koechlin, Quatuor Diotima +++ Libretto im neuen Musiktheater, Utopie Streichquartett?, John Cage und die Katzen, Donaueschinger Musiktage 2017, (K)eine Männersache: Neue Musik, Die Kindertotenlieder von Gustav Mahler und Friedrich Rückert, The BBC Radiophonic Workshop, der Kampf für Tibet, das Molyneux-Problem und Deutschen Klänge aus der Pampa.

„Hotel Karthago, Zimmer 37“: „Dido und Aeneas“, eine Erinnerungsfalle in Weimar

18.11.17 (Roland H. Dippel) -
Henry Purcells „Dido und Aeneas“ ist in der zweiten Spielstätte des Deutschen Nationaltheaters Weimar die Steilvorlage für einen spannend durchdachten, impulsiven, mitreißenden Theaterabend: Musikalische und szenische Feinarbeit über schmerzende Erinnerungen und die Sehnsucht nach erkalteter Liebe. Bravi für Alle!

Eine Frau dreht durch – Guy Montavon inszeniert Luigi Cherubinis „Médée“ in Erfurt

17.11.17 (Joachim Lange) -
Ausgrabungen und der Griff ins französische Repertoire gehören zu den Markenzeichen der Oper in Erfurt. Wobei die ersten Töne von Luigi Cherubinis „Médée“ verblüffend nach „Freischütz“ klingen. Cherubini 1760-1842 hat sie aber 1797, also ein paar Jahre früher im Frankreich der blutigen Revolution komponiert. Eine damals höchst populäre Musik irgendwo zwischen Mozart, Gluck und Beethoven oder Berlioz. In ihrer gewissen Redseligkeit ist sie aber auch typisch französisch. Und heute in der Abteilung für Ausgrabungen abgelegt. Dabei hat es der Plot in sich. Eine Mutter, die ihre Kinder umbringt, hat auch in der Oper nicht allzu viel Vergleichbares neben sich.

Festival „Music Unlimited“ in Wels kratzt an den Grenzen der improvisierten Musik

16.11.17 (Holger Pauler) -
Die New Yorker Gitarristin Mary Halvorson durfte die 31. Auflage des Festivals „Music Unlimited“ im österreichischen Wels kuratieren. Die Gitarre stand folglich auch im Mittelpunkt des konzertanten Geschehens. Beim Programm setzte Halvorson allerdings nicht nur auf die Heldinnen und Helden der sechs bis zwölf Saiten, sie verzichtete auch auf die großen Namen der Szene. Stattdessen durfte an den drei Tagen eine U40-Frau- und Mannschaft die Grenzen der improvisierten, neuen und elektronischen Musik ausloten. Dabei ließen sie sich auch von den kulturpolitischen Störfeuern der schwarzblauen Landesregierung nicht aufhalten.

Bundespräsident Steinmeier besuchte die Sächsische Bläserphilharmonie in Bad Lausick

15.11.17 (Roland H. Dippel) -
„Die Unterstützung der Kulturarbeit ist mir ein wichtiges Anliegen.“ (Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier) - „Unser Land braucht so viel Kultur wie irgend möglich.“ (Solo-Flötistin Claudia Scheibe, Sächsische Bläserphilharmonie)

Diana Pollicarpos Installation für Johanna Magdalena Beyer

14.11.17 (Roland H. Dippel) -
Schon gehört vom „KV“ in Leipzig? Dieser offene Zusammenschluss von jüngeren Kunstinteressierten hat wenig zu tun mit den bürgerlichen Traditionen des Mäzenatentums, er versteht sich als Prozessor aus feministischer, queerer und internationaler Perspektive. Mehr noch: Regelmäßig sucht der KV spannende Brücken zur Neuen Musik.

„Stop“ den „Billig-Dozenten“: Bayerische Lehrbeauftragte demonstrieren in München

13.11.17 (Juan Martin Koch) -
Mit einer Demonstration haben Lehrbeauftragte bayerischer Musikhochschulen und Universitäten auf ihre prekäre Lage aufmerksam gemacht. Ein Protestmarsch von der Münchner Hochschule für Musik und Theater (HfMT) zur bayerischen Staatskanzlei bildete den Auftakt für einen zweiwöchigen Streik, der heute beginnen soll.

Das Irreale der Realität – Uraufführung von Arnulf Herrmanns Psycho-Oper „Der Mieter“ in der Oper Frankfurt

13.11.17 (Wolf-Dieter Peter) -
Wohnungsnot, Anpassungsdruck, soziale Kontrolle, Einengung, Mobbing, Nachbarschaftsterror bis zur Entmietung – das sind bundesrepublikanische Realitäten für Normalverdiener und Alleinstehende. Diese Nöte und Klagen musikdramatisch unbequem groß zu gestalten, sie gar in die Nachbarschaft von Unterdrückten und Gequälten wie in Bergs „Wozzeck“ oder Zimmermanns „Soldaten“ zu rücken… doch das Autorenduo führte Roland Topors Roman “Le Locataire chimérique“ als Ausgangspunkt an und von Ferne grüßte auch Roman Polanskis Film „Der Mieter“.

Anna-Sophie Mahler inszeniert Antonín Dvořáks lyrisches Märchen „Rusalka“ in Bremen

13.11.17 (Ute Schalz-Laurenze) -
Natürlich ist es längst üblich, den Weg der Nixe Rusalka aus der Wasser- in die Menschenwelt tiefenpsychologisch zu verstehen: Antonín Dvořáks 1901 uraufgeführte Oper, die tschechische Variante des Undinenthemas, erzählt von Rusalkas Sehnsucht, eine andere zu sein, ein Mensch zu werden, weil sie sich in den badenden Prinzen verliebt hat.

„Die Prinzen“ sinfonisch: Aus Leipzig mit Orchester durch Deutschland

12.11.17 (Roland H. Dippel) -
„Wir sind so glücklich, nach dreißig Jahren wieder dort anzukommen, wo wir gestartet sind,“ ruft Sänger Sebastian Krumbiegel beim ersten der zwei Konzerte der deutschen Band „Die Prinzen“ in die randvolle Oper Leipzig. Damit fällt der Startschuss zur „Tournee mit Sinfonieorchester“ in die ersten Konzertsäle Deutschlands.

Nicht ganz von dieser Welt – Teodor Currentzis mit „La Bohème“ im Festspielhaus Baden-Baden

12.11.17 (Georg Rudiger) -
Mimì liegt sterbend im Schnee. Ihr geliebter Rodolfo kniet daneben und schaut teilnahmslos auf den Boden. Die Künstlermansarde, die Ausgangspunkt und Ende von Puccinis „La Bohème“ bildet, ist hochgezogen und hängt an der Bühnendecke des Festspielhauses. Keinen Schutz gibt es mehr in dieser Eisfläche und keine Wärme. Nur die Streicher spenden ein wenig Trost. Dann setzt das Blech ein mit den scharf angesetzten, wiederholten Schicksalsakkorden. Die Freunde stehen vereinzelt auf der Eisfläche und wenden sich als Silhouetten von der gerade Verstorbenen ab. Das Schlussbild dieser musikalisch und szenisch großartigen Produktion des Festspielhauses Baden-Baden und Opern-und Ballett-Theaters Perm erschüttert. Kein gefühliger Tod, keine falsche Träne, sondern Einsamkeit, Schmerz und Gleichgültigkeit. Regisseur Philipp Himmelmann gelingt hier gemeinsam mit der Musik eine emotionale Verdichtung seiner klugen Inszenierung, die niemanden kalt lässt.

Neue Musik / Musikfeature / SoundArt: Die Radio-Woche vom 13.11. bis 19.11.2017

12.11.17 (mh) -
Neue Musik und Musikfeatures in der Kalenderwoche 46. Vladimir Tarnopolski, Iris ter Schiphorst, Mathias Steinauer, Friedrich Cerha, Frederic Mompou, Claus Kühnl, Ensemble Zeitkratzer, Nikolaus Brass, Enno Poppe +++ Das Libretto im neuen Musiktheater, Neue Hörhaltungen bei den Donaueschinger Musiktagen, Donaueschinger Musiktage 2017, Tradition Revolution, Wien Modern 2017, Volksoper heute, Zwei Konzerte Wilhelm Killmayer zu Ehren, „Luciversére“ beim HerbstZeitlos 2017, Mythos Tenor, ARD Hörspieltage 2017, Kurt-Masur-Institut in Leipzig, Frauenpower bei der NOWJazz Session der Donaueschinger Musiktage 2017, Soukous und Congotronics aus Kinshasa und „Verfemte Künstler, verfolgte Musik“.

Matte „Maltheser“-Szenen: Irina Pauls‘ Uraufführung bei der 27. Euro-Scene Leipzig

10.11.17 (Roland H. Dippel) -
Die 27. euro-Scene 2018 widmet sich „Ausgrabungen“ und schlägt einen Bogen von der Tanz-Moderne nach 1920 ins Heute. Die Rekonstruktion des „Triadischen Balletts“ von Oskar Schlemmer durch das Bayerische Juniorballett München zur Eröffnung im Leipziger Schauspielhaus und der Abend mit Rekonstruktionen historischer Stücke von Gret Palucca, Marianne Vogelsang und Mary Wigman im LOFFT machten Tanzgeschichte erlebbar. Eigenbeitrag ist eine Uraufführung des Vokalquintetts Amarcord mit der Choreografin Irina Pauls.

Das Unsichtbare spricht zu uns: NOW-Festival in Essen bot Grenzerfahrungen

09.11.17 (Stefan Pieper) -
„Grenzüberschreitung“ hatten die Macher von Essener Philharmonie und Folkwang-Musikhochschule als aktuelles Festival-Motto gewählt. Dieser inflationär überstrapazierte Begriff mutete fast wie Tiefstapelei an - den das zweiwöchige Essener Festival rund um die musikalische Gegenwart inklusive etlicher benachbarter Disziplinen eigentlich gar nicht nötig hat.

Rumänische Stimme der Moderne – Frischer Wind für das traditionsreiche Festival „George Enescu“ in Bukarest

08.11.17 (Isabel Herzfeld) -
Im Laufe seines Bestehens hat das Festival „George Enescu“ verschiedene Gesichter angenommen. 1958 gegründet, diente es als kulturelles Aushängeschild des Ceausescu-Regimes. Dies nicht ohne Ambivalenz: von Anfang an ging es darum, das Werk George Enescus bekannter zu machen – ein Enescu-Werk auf dem Programm ist seitdem auch für eingeladene Gäste Pflicht. Die Einladung bedeutender internationaler Stars erhöhte nicht nur das Prestige des Festivals und damit des Landes, sondern ließ zu ausgesprochen moderaten Preisen auch den rumänischen Normalbürger an Glanz und Glamour musikalischer Welt-Events teilnehmen.
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