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Phrasenbildung im Reagenzglas. Das Philharmonische Staatsorchester Mainz wagt beim Jugendkonzert einen „Besuch in Haydns Komponier-Labor“

24.05.17 (Andreas Hauff) -
Ja, Joseph Haydn. Im schulischen Musikunterricht gibt es noch ein paar Nischen für ihn. Da ist der „Paukenschlag“ – als etwas grobschlächtiges Beispiel für seinen Humor und, praktischerweise, für einen Variationensatz. Das „Kaiserquartett“ enthält auch einen solchen und darüber hinaus die Melodie der deutschen Nationalhymne. Und da gibt es dann noch die „Abschiedssinfonie“ – als bemerkenswertes Beispiel für Courage gegenüber dem fürstlichen Arbeitgeber. Aber „cool“ ist der Mann nicht – weder zu früh gestorben und als Süßigkeit in Kugelform verbreitet wie Mozart, noch „beinahe ein Rock‘n Roller“ wie Beethoven … Hermann Bäumer, GMD in Mainz, bewegt sich also auf dünnem Eis, wenn er beim „Konzert für junge Leute“ mit dem Philharmonischen Staatsorchester einen „Besuch in Haydns Komponier-Labor“ wagt.

„Die mutierte Füchsin Schlitzohr“ – Janacek-Apokalypse an der HfM Dresden

24.05.17 (Roland H. Dippel) -
Diese Koproduktion der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber, der Hochschule für Bildende Künste und des Staatsschauspiels Dresden schien verheißungsvoll: Die ambitionierte Kammerfassung des britischen Komponisten Jonathan Dove nach der anspruchsvollen Partitur Leos Janaceks zu „Das schlaue Füchslein“ hat ihre Eignung für spannende szenische Lesarten durch begabte Debütanten schon mehrfach bewiesen.

Bert Appermonts „Katharina von Bora“ am Originalschauplatz

23.05.17 (Roland H. Dippel) -
Eine breitere Synthese von Historienspiel, Kammeroper und Massenspektakel ist schwer denkbar: 2009 erhielt der belgische Komponist Bert Appermont (geb. 1973) als Student des damaligen Chefdirigenten Jan Cober den Kompositionsauftrag zum sechzigjährigen Jubiläum der Sächsischen Bläserphilharmonie. Bereits zur Uraufführung am 17. Oktober 2010 im Leipziger Gewandhaus dachte man an das für Mitteldeutschland so wichtige Jubiläum „Luther 2017“.

Im Torf: Aribert Reimanns „Medea“ an der Komischen Oper Berlin

23.05.17 (Peter P. Pachl) -
Den Auftakt eines Reimann-Triptychons der drei Berliner Opernbühnen bildet „Medea“: die im Jahre 2010 als Auftragswerk der Wiener Staatsoper aufgeführte Oper von Aribert Reimann wurde bei ihrer Berliner Erstaufführung an der Komischen Oper zu einem Triumph für den Komponisten und für Nicole Chevalier in der Titelrolle.

Imponierender Opernchor: Giorgio Battistellis „Orchesterprobe“ in Münster

Giorgio Battistelli ist in seinem Heimatland Italien fraglos der führende Komponist in Sachen zeitgenössisches Musiktheater. Zwanzig Bühnenwerke hat er inzwischen geschrieben – etliche sind längst außerhalb Italiens in ganz Europa inszeniert worden, zuletzt noch „Lot“ (im April im Staatstheater Hannover). In Münster wurde ein Jahr zuvor Battistellis „Experimentum Mundi“ in einer Neufassung uraufgeführt. Münsters Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura, in demselben Ort nahe Rom geboren wie der Komponist, brachte nun die „Orchesterprobe“ auf die Bühne.

Ästhetizismus – Münchens neuer „Tannhäuser“ erstirbt in eitel schönen Bildern

22.05.17 (Wolf-Dieter Peter) -
GMD Kirill Petrenko dirigiert erstmals „Tannhäuser“; Klaus Florian Vogt debütiert in der Titelrolle; dazu die Münchner Lieblinge Anja Harteros als Elisabeth und Christian Gerhaher als Wolfram, eingebettet in weitere Sänger-Sahne – und dann noch dieser gehypte Romeo Castellucci für die gesamte Bühne… ist München nicht einfach einsame Spitze?

Göttinger Händefestspiele – Georg Friedrich Händels selten gespielte Oper „Lotario“ in Göttingen

21.05.17 (Joachim Lange) -
Vor allem dank des jahrzehntelangen Festspieleifers gibt es kaum noch Aufführungslücken bei den Opern und Oratorien Georg Friedrich Händels. Sein „Lotario“ gehört gleichwohl zu den bislang stiefmütterlich behandelten Werken. Nachdem die kleinsten und jüngsten der drei deutschen Festspiele in Karlsruhe sich 2006 den Ruhm an die Fahnen heften konnten, die in dem Falle fast 300jährige szenische Rezeptionspause der 1729 uraufgeführten Oper in Deutschland beendet zu haben, zogen jetzt die ältesten Händelfestspiele in Göttingen nach.

Neue Musik / Musikfeature / SoundArt: Die Radio-Woche vom 22. bis 28. Mai 2017

21.05.17 (Martin Hufner) -
Neue Musik und Musikfeatures in der Kalenderwoche 21. Der MDR bleibt eine traurige Angelegenheit: Ein Totalausfall. Portraits und Schwerpunkte gibt es zu: Neuer Musik in Ljubljana, Vinko Globokar, John Cages „Organ2/ASLSP“, Beat Furrers jüngstem Musiktheater, Clara Iannotta, Pierre-Laurent Aimard, dem Quartetto Prometeo, Georges Aperghis, Alberto Ginastera, dem Studio Musikfabrik, Iannis Xenakis, Elektronischer Musik in Padua, Teresa Rampazzi sowie Mara Genschel und der Villa Genschel.

Jesus, der Andere – „Jesus Christ Superstar“ als human-politische Klage am Münchner Gärtnerplatztheater

20.05.17 (Wolf-Dieter Peter) -
Gesellschaftspolitisch ist es eine lange Diskussion wert: Was wäre, wenn er jetzt wiederkäme? Dieser Mann Jesus mit seinen human, politisch und moralisch zu dieser unserer Welt quer stehenden Ideen. Nach mehrfacher Beschäftigung mit dem Rock-Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice betont Gärtnerplatz-Intendant und Regisseur Joseph E. Köpplinger die Züge einer tragischen Rock-Oper – mit umjubeltem Erfolg.

„Die Hochzeit des Figaro“ oder Die tollste Tortenschlacht – in Dresden

18.05.17 (Michael Ernst) -
Wenn Opernhäuser Operette spielen, darf sich die Staatsoperette Dresden auch an Oper wagen: Ob Mozarts „Figaro“ das richtige Rezept ist, um mehr Publikum ins neue Haus zu holen?

Penderecki und das Cello: Kammermusik Vol. II

16.05.17 (Albrecht Dümling) -
Obwohl Krzysztof Penderecki von Hause aus Geiger ist, gehört das Cello zu seinen Lieblingsinstrumenten. Diese Vorliebe entdeckte er erst spät. Ausschlaggebend war die Solosonate Bernd Alois Zimmermanns, die Penderecki 1963 in Amsterdam mit dem Solisten Siegfried Palm erlebte. Für Palm war dieses Schlüsselwerk entstanden, welches der Musikwelt ganz neue Dimensionen des Cellos eröffnete.

Vernutzung des Schrecklichen – Gounods „Margarethe“ in Schwerin

16.05.17 (Heinz-Jürgen Staszak) -
Mit der vierten Arbeit des neuen Hausregisseurs Toni Burkhardt (38) beendet das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin seine Indoor-Musiktheater-Saison, mit Charles Gounods Opéra lyrique „Margarethe“ (1869), eine große Ausstattungsoper, entlehnt aus Goethes „Faust“. Das sieht aus wie ein riesiges Arbeitspensum, täuscht aber, denn drei dieser Arbeiten sind Übernahmen aus dem Theater Nordhausen, dem vorherigen Wirkungsort des Regisseurs; so ungeniert ist das nicht üblich.

Die Oper Erfurt überzeugt mit Charles Gounods „Roméo et Juliette“

15.05.17 (Joachim Lange) -
In der Oper Erfurt gibt’s Shakespeare statt. Nicht das schlechteste an Libretto-Inspiration, was die Operngeschichte zu bieten hat. Verdis „Macbeth“. Dann die Ausgrabung von Riccardo Zandonais „Juliette et Romeo“ und jetzt noch den französischen Opern-Klassiker dieser Lovestory an sich von Charles Gounod (1818-1893). Der Franzose hat im Moment Konjunktur.

Die Oper Nürnberg bietet eine „Norma“ im Nirgendwo

14.05.17 (Wolf-Dieter Peter) -
Kooperation im künstlerischen Bereich ist etwas Begrüßenswertes. Peter Theiler, Intendant des Staatstheaters Nürnberg, pflegt diese insbesondere mit französischen Bühnen. Vincenzo Bellinis „Norma“ spielt nun außerdem im von Römern besetzten Gallien – da liest sich die Übernahme der Produktion eines französischen Teams für die Bühnen von Saint-Etienne und des Pariser Champs-Élysée auf dem Papier gut.

Die sieben Schleier des Oscar Wilde: Brigitte Fassbaender inszeniert Richard Strauss’ „Salome“ am Theater Regensburg

14.05.17 (Juan Martin Koch) -
Nach einer hervorragenden „Katja Kabanova“ und einem mäßigen „Rigoletto“ stellte Brigitte Fassbaender mit „Salome“ ihre dritte Regiearbeit in Regensburg zur Diskussion. Wie die Strauss-Expertin – in ihrer Zeit als Sängerin eine überragende Interpretin der Herodias – mit dem Stoff umgegangen ist, hat Juan Martin Koch begutachtet.

Neue Musik / Musikfeature / SoundArt: Die Radio-Woche vom 15. bis 21. Mai 2017

14.05.17 (Martin Hufner) -
Neue Musik und Musikfeatures in der Kalenderwoche 20. Eine etwas durchwachsene Woche, die nicht so viel Hintergrundfeatures zum Bereich der Zeitgenössischen Musik bietet. Erfreulich ist aber doch, dass wir alle Kultur-Sender Deutschland, Österreich und der Schweiz listen können – mit Ausnahme des MDR, bei dem nach wie vor fast gar nichts läuft. Spezielle Portraits widmen sich: Patrick Frank, Claus Kühnl, Hermann Nitsch, Mats Larsson Gothe, Aribert Reimann, dem Label Gruenrekorder, dem Nomos Quartett und Soundscapes aus Rumänien.

Der letzte Mohikaner – Ein Nachruf auf den Musikkritiker Joachim Kaiser von Götz Thieme

12.05.17 (Götz Thieme) -
Zum Tod von Joachim Kaiser, dem leitenden Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“. Nach Marcel Reich-Ranicki ist nun der letzte Großkritiker der Republik gestorben, einer, der dem Publikum die Klassik erklärte.

Barocke Theaterschau in Kiel – Leclairs „Skylla und Glaukos“ in deutscher Erstaufführung

10.05.17 (Arndt Voß) -
Es lohnt sich zwischen Lübeck und Kiel zu pendeln. Bereits deren gemeinsame „Reise nach Reims“ (Rossini) war ein gelungener Versuch, die Stärken beider Opernhäuser zu bündeln. Jetzt brachten sie wohl zufällig im Abstand von nur einer Woche Barockopern auf die Bühne. Lübeck begann mit Händels „Ariodante“ und italienischer Gesangspracht, Kiel folgte mit Jean-Marie Leclairs „Skylla und Glaukos“ und optischer Opulenz.

Eine Naivität höheren Grades – Hommage Alfred Brendel im Konzerthaus Berlin

10.05.17 (Albrecht Dümling) -
Kuriose Skulpturen, surrealistische Bilder, eigenartige Titelblätter von Noten – solche Gegenstände aus der Londoner Wohnung Alfred Brendels waren für zehn Tage in Berlin zu sehen. Sie gehörten zu einer Ausstellung, welche die Brendel-Hommage des Konzerthauses ergänzte und zeigte, welches Geistes Kind der heute 86jährige Pianist ist. Brendel liebt die Überraschung, das Absurde, er hat Sinn für Widersprüche und hintergründigen Humor. Auf Monitoren sieht man Interviews, die in seiner Wohnung aufgenommen wurden. Dort erklärt Brendel, warum er in seiner Jugend zeichnete und komponierte: Interpreten sollten die Perspektive der schöpferischen Künstler kennen.

Kuss zum Tode – Benjamin Brittens „Death in Venice“ an der Oper Stuttgart

10.05.17 (Götz Thieme) -
Venedigs prächtigen Palazzi, der Lido, die Kanäle, das Grand Hotel des Bains sind in Stuttgart eine Sache der Imagination. Demis Volpis Inszenierung von Benjamin Brittens Oper „Death in Venice“ zeigt die Hauptfigur Gustav von Aschenbach wie durch ein Teleobjektiv herangezoomt, zeigt, wie sie im Sog der Gefühle durch ein Labyrinth von aufragenden Milchglaswänden taumelt. Grandios verkörpert ihn das Stuttgarter Ensemblemitglied Matthias Klink als einen von unbekannten erotischen Empfindungen Getriebenen. Der Dirigent Kirill Karabits schafft mit dem Staatsorchester dazu einen farbsatten Strom, der dem Helden einen lichten Tod bereitet, nachdem er überraschend nicht von dem geküsst wurde, den er bislang offenkundig mit seinem Blick begehrte.

Durchbohrung der Musik-Welt: Drei neue Opern in der Deutschen Oper Berlin

09.05.17 (Peter P. Pachl) -
Das von der Deutschen Oper Berlin vorgegebene Thema bei der 3. Kooperation mit der Hochschule für Musik Hanns Eisler nimmt Bezug auf die Bohrung des tiefsten Lochs der Welt, auf der russischen Halbinsel Kola. An diesem Thema sind drei junge Komponisten bewusst vorbeigeschossen, und drei junge Regisseurinnen haben sich mit vielen Videoprojektionen, An- und Ausziehen, Bühnennebel und Dekorations-Zertrümmerung mehr oder weniger geschickt am Thema vorbeigemogelt. Ein langer, oft nerviger Theaterabend mit wenigen klanglichen Lichtblicken.

Marschners „Der Vampyr“ original, endlich! – Musikalisch brillant, szenisch matt am Theater Koblenz

09.05.17 (Roland H. Dippel) -
Meistens fürchten sich Regisseure vor einer subtilen Realisierung von Marschners „Der Vampyr“, wie zuletzt an der Komischen Oper Berlin. Sehr schade ist das, weil diese „Große romantische Oper“, ein Hauptwerk zwischen „Der Freischütz“ und „Der fliegende Holländer“, entstand, als das noch junge Horror- und Vampirgenre noch nicht den durch Film und Musical fixierten Ritual- und Erwartungsrahmen hatte.

„Auf Wiederseh’n!“ – Kreneks Einakter-Trilogie in Frankfurt zyklisch überformt

09.05.17 (Michael Kube) -
Wohl jeder, der sich einmal mit der Musik der 1920er Jahre intensiver beschäftigt hat, wird Kreneks „Jonny spielt auf“ (1926) kennen – jene mitreißende Jazz-Oper, deren Titelheld kaum ein Jahrzehnt später in wilder Verzerrung auf das Plakat einer vermeintlich „entarteten Musik“ gelangte. Was da auf die Weimarer Republik zukommen sollte, scheint Krenek, wohl immer am Puls der Zeit, bereits geahnt zu haben. So jedenfalls lässt sich seine Einakter-Trilogie von 1926/27 deuten – und so wurde sie auch in der Oper Frankfurt in einer neuen, zyklischen Inszenierung auf die Bühne gebracht.

Er hat den Bogen raus – Renaud Garcia-Fons gewinnt den 9. BMW Welt Jazz Award

08.05.17 (Ssirus W. Pakzad) -
Bass erstaunt war wohl niemand, als Nicolas Peter, Mitglied des BMW-Vorstands, in Gegenwart des Münchner Kulturreferenten Hans-Georg Küppers und Moderatorin Beate Sampson den Gewinner verkündete. Renaud Garcia-Fons nahm im Auditorium der BMW Welt einen Sieger-Pokal und einen Scheck über 10.000 Euro in Empfang. Der 54jährige durfte sich dann auch noch über den Publikums-Preis freuen.

Im Experimentiermodus –Oper Halle kombiniert „Herzog Blaubarts Burg“ von Bartók mit Fassbinders „Bremer Freiheit“

08.05.17 (Joachim Lange) -
Ein Opernhaus braucht für Herzog Blaubarts Burg „nur“ ein fabelhaftes Orchester und zwei ebensolche Sänger. Mit der Staatskapelle unter ihrem GMD Josep Caballé-Domenech, Anke Berndt und Gerd Vogel sind die natürlich vorhanden bzw. im Ensemble! Und sie erfüllen ihre Aufgabe bravourös! Die beiden Solisten übererfüllen sie sogar. Diesmal schauspielern die beiden nicht nur ausgiebig (hochprofessionell und überzeugend wie immer) in ihren Rollen. Als geheimnisvoller Schlossherr, der seine Ehefrauen immer entsorgt, wenn die zu viel wissen wollen. Und als so liebes- wie leidensbereite und obendrein doch selbstbewusste Judith. Vor der Pause sind sie als Schauspieler in anderen Rollen mit von der Partie.
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