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Je besser, desto schlechter

01.05.07 (Helmut Hein) -

Eine Frau von 50 Jahren fährt, zunehmend panisch, mitten in der Nacht Dutzende von Kilometern zu ihrer alten Mutter, die seit Stunden telefonisch nicht zu erreichen ist. Sie befürchtet das Schlimmste. Endlich angekommen, trifft sie ihre Mutter, ähnlich aufgeregt und aufgelöst, die gerade vom Nachbarn kommt. Was ist passiert? Nun ja, der Fortschritt hat zugeschlagen. Wer heutzutage ein Telefon möchte, mit dem man nichts kann als anrufen und Anrufe entgegen nehmen, der gilt als so verrückt, dass man seine Wünsche ohne Weiteres ignorieren kann. Als „schlichtes“ Modell gilt ein Telefon, das nicht mehr als hundert Grundfunktionen hat. Die Skeptiker beruhigt der stolze Fachmann mit dem Hinweis, was man gerade partout nicht wolle oder brauche, könne man ja, von Fall zu Fall, „wegprogrammieren“. Auch das gebe dieser Apparat her. Im vorliegenden Fall hatte die Kundin – auf welche Weise lässt sich bei dem entfesselten OrgienMysterienTheater namens avancierte Technik nicht mehr so ohne weiteres nachvollziehen – offenbar eine Funktion in Gang gesetzt, die, wenn man gerade nicht da ist, die Nummern aller Anrufer speichert. Solange dieser Service aber nicht aktiviert oder zumindest desaktiviert ist, verhindert sie allerdings auch, dass man anrufen oder angerufen werden kann. Nur ein kleines Lichtlein blinkt. Wahrscheinlich eine „schlaue“ Funktion, die ausschließen soll, dass man über diese wunderbaren Informationen gedankenlos hinweggeht. Der Nachbar wusste schließlich Rat. Es waren nur fünf Tasten, wenn auch in der richtigen Reihenfolge, zu drücken, dann war das Malheur beseitigt. Und der Fachmann sagte am nächsten Tag: Wo ist das Problem? Sie haben doch eine ausführliche Gebrauchsanleitung.

Hauptsache vernetzt!

01.04.07 (Helmut Hein) -

Hauptsache vernetzt? Das denken zumindest Studenten, denen man von Kindesbeinen an beigebracht hat, dass zuviel Wissen nur Ballast ist, dass einer allein ohnehin nie so viel wissen kann wie alle zusammmen, dass folglich die Kunst der Zukunft darin besteht, wie und wo man das Wissen der anderen findet und für sich nutzbar macht. In Vor-Web-Zeiten nannte man das „Know how“ oder, noch ein wenig verschämt, „das Lernen lernen“. Heutzutage ist es nicht so schlimm, wenn eine Studentin über all dem Alltags-Stress ihr Referat vergessen hat. Bei Wikipedia findet sich alles Wissenswerte kurz und knapp. Nur schade, dass man die rechte Intonation nicht mehr einstudieren konnte!

Kitsch-Kulturen

01.03.07 (Helmut Hein) -

Wer zum wiederholten Mal bei sich steigerndem Genuss das d-moll-Konzert von Sibelius mit der jungen Geigerin Julia Fischer hört und sich en passant daran erinnert, dass dieser Grenzgänger zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert für Adorno einst die Verkörperung des Bösen in der Musik war, der tönende Kitsch-Mensch, der muss davon ausgehen, dass die Musik-Philosophie mitten im europäischen Bürgerkrieg und angesichts der Vernichtungslager auf beiden Seiten der Front zumindest von klaren Gegnerschaften profitierte. Wenn man Hitler schon nicht zu fassen bekam, dann wenigstens Sibelius, dessen „Verbrechen“ für Adorno in der entschiedenen Ferne zur Avantgarde bestand, im Beharren auf einer Erfahrung und einer Sehnsucht, das der kritische Theoretiker längst als gegenstandslos, als bloßes Symptom des Verfalls diagnostiziert hatte.

Meinungsstarke, vereinigt Euch!

01.02.07 (Helmut Hein) -

Der moderne Journalismus fordert von denen, die ihn erfolgreich betreiben wollen, vor allem eins: Meinungsstärke. Den meinungsstarken Journalisten erkennt man daran, dass er von der Sache, über die er so entschieden urteilt, keine Ahnung haben muss. Deshalb können seine Sätze knapp und klar und unmissverständlich daherkommen. Der Meinungsstarke ist nicht in Gefahr, sich in Hypotaxen zu verheddern – wie all die, die partout das Für und Wider erwägen und auch noch darstellen wollen. Der Meinungsstarke, so vermuten zumindest die Medien-Manager, ist der Freund des Lesers, dem er ähnelt; in seinen Bedürfnissen genauso wie im Stand des Wissens. Der Meinungsstarke ist die engagierte, mit jedem Mainstream mitschwimmende Nachfolge-Version seines zynischen Vorgängers. Dessen Devise lautete: Nur nicht zu genau recherchieren, sonst geht die ganze schöne Geschichte kaputt.

Kulturkämpfe, Staatsaktionen

01.11.06 (Helmut Hein) -

Die Fronten verkehren sich – und in den Köpfen geht es drunter und drüber. In Berlin wird eine „Idomeneo“-Inszenierung abgesetzt: aufgrund einer Ferndiagnose vom Hörensagen des LKA. Und prompt setzen sich die konservativen Kulturverteidiger und Werktreue-Freaks in Szene, die jahrzehntelang jedes barbusige Gretchen mit empörtem Gezeter begleiteten, und werfen sich für einen Alt-Heroen des Regie-Theaters wie Hans Neuenfels in die Bresche, wenn der als schöne Schluss-Coda mal eben den gründlich geköpften Propheten Mohammed vorführt. Die Freiheit der Kunst, die eben noch durch Regie-Berserker à la Neuenfels bedroht schien, muss jetzt um jeden Preis verteidigt werden. Die Frontlinie des neuesten Kulturkampfs verläuft auf der Opernbühne, komisch, deutsch oder wie auch immer. Und Polizeihundertschaften stören in diesen Zeiten den Kunstgenuss keineswegs; man fühlt sich beschützt und doch heroisch.

Radikale Verlierer

01.10.06 (Helmut Hein) -

Der Papst, in dieser Hinsicht ganz Kind der 50er- und 60er-Jahre zwischen Schelskys „skeptischer Generation“ und dem wüsten 68er-Experimentieren mit alternativen Lebens- und Gesellschaftsformen, geißelt noch immer den Relativismus und Nihilismus, der aus der wirklichen Welt, jedenfalls so, wie sie politisch-medial erscheint, längst verschwunden ist. Es gibt wieder Sinnversprechen, Werte und Normen en masse. Sie verpanzern sich fundamentalistisch gegen Einwände und fühlen sich moralisch nicht nur ermächtigt, sondern geradezu verpflichtet, das eigene Weltbild durchzusetzen; wenn es sein muss, auch bellizistisch, also durch krude Gewalt gegen den „Feind“ samt etwaigen Kollateralschäden bei Unbeteiligten. Wer das Abendland in der Defensive oder gar am Abgrund wähnt, der verkennt die Kampfbereitschaft, ja -lust großer Teile der „westlichen Wertegemeinschaft“, von der gerade der republikanische Möchtegernpräsident des Jahres 2008 und frühere Mehrheitsführer der neo-konservativen „Revolution“ im Kongress, Newt Gingrich, in einem aufsehenerregenden Interview mit der Weltpresse Zeugnis ablegte: „Der Dritte Weltkrieg hat bereits begonnen.“ Und anders als der etwas leichtsinnige jüdische Premier Ehud Olmert versprach er keinen raschen Sieg, sondern „Blut, Schweiß und Tränen“, zwanzig Jahre lang. Aber das anvisierte Ziel ist ihm offenbar jeden Verlust und Schmerz wert. Es lautet wie schon seit den Zeiten von Bush Senior: „new world order“.

Heine, Handke und die Folgen

01.07.06 (Helmut Hein) -

Von „Zivilisationsbrüchen“ ist gern und oft die Rede. Denn es sind immer die anderen, die sie begehen. Und wenn man sie beklagt und geißelt, setzt man sich selbst in ein helleres, reineres Licht. Ist es aber besonders zivilisiert, immer nur die anderen für böse und sich selbst für gut zu halten? Geschehen nicht längst – und vielleicht schon immer – die schrecklichsten Verbrechen aus dem besten Gewissen heraus? Mussten nicht die Hexen verbrannt werden, um ihre Seele zu retten? War nicht von alters her der besonders böse, ohne „falsche“ Hemmungen, der wusste, dass er es mit dem Bösen zu tun hat?

Das große Massakerspiel

01.05.06 (Helmut Hein) -

Pädagogen und Psychologen sind sich zumindest in einem einig: Wie wichtig es ist, Realität und Fiktion auseinanderhalten zu können. Wer das nicht kann, wer in seiner Scheinwelt lebt statt in der wirklichen, wird in seinem Leben Schiffbruch erleiden oder, noch schlimmer, über kurz oder lang in der Psychiatrie landen. Wie aber steht es um einen Kultur- und Politikbetrieb, deren Protagonisten sich zunehmend von ihren Wünschen und Wunden leiten lassen, als gäbe es nichts anderes mehr auf der Welt?

Die nackte Wahrheit

01.03.06 (Helmut Hein) -

Wovon handelt die Kunst? Erst jüngst entzündete sich an dieser Frage eine heftige Debatte, die mitten hineinführte ins mehr oder minder finstere Herz unserer Gegenwart. Die Kulturen krachen aufeinander. Und anders als beim kämpferischen Zivilisationstheoretiker Samuel Huntington sind die Fronten nicht klar und übersichtlich, sondern die Bruchlinien ziehen sich mitten durch unsere Gesellschaft, ihre diversen Milieus, ja selbst durch einzelne Subjekte. Die feuilletonistisch vollzogenen Selbstdefinitionen beziehungsweise, wie Nietzsche es genannt hätte, Wertschätzungen und Wertsetzungen folgen dabei der alten Regel des Philosophen Spinoza: „Omnis determinatio est negatio“. Soll heißen: Im heftigeren Klima des neuen Kulturkampfes kommen „wir“ zu uns, indem wir andere und anderes ausschließen. Jede Entscheidung von einem gewissen existenziellen Ernst vernichtet alle anderen Möglichkeiten.

Orwells Triumph: die Kulturen der Lüge

01.02.06 (Helmut Hein) -

Bekanntlich beschrieb der britische Autor George Orwell in seinem, wie man heute leider sagen muss, prophetischen Roman „1984“, wie im so genannten Ministerium der Liebe gefoltert und im Ministerium der Wahrheit Propaganda verbreitet und die Realität nicht nur uminterpretiert, sondern im Bedarfsfall einfach ganz gelöscht wird. Warum das für die Kunst, speziell die Musik interessant ist? Etwa weil es mittlerweile diverse Orwell-Libretti gibt und darüber hinaus mehr oder weniger ambitionierte Versuche Orwells Dystopie in düstere Sounds zu übersetzen? Nein, der Grund für Orwells Aktualität reicht viel weiter und ist bedrückender. Kunst – und auch die „reinste“ aller Künste: die Musik – existiert nicht in einem hermetischen Elfenbeinturm, in einer Welt eigenen Rechts, sondern mitten in der Gesellschaft. Zwar soll sie nur ihren eigenen Regeln und Imperativen folgen und nicht denen anderer Sub-Systeme, wie das bei Luhmann heißt, also etwa der Politik, der Pädagogik oder der Religion, aber sie gedeiht nur auf einem gemeinsamen Humus. Früher war das der Mythos, also der sich ständig erneuernde Bestand an Erzählungen und Überzeugungen, der für alle verbindlich war. Heute spricht man von Kultur oder vielleicht besser im Plural von Kulturen. Sie legen unsere Selbst- und Weltbilder fest und die Regeln des Umgangs miteinander. Wenn das Fundament nicht trägt, weil es von vornherein schief ist, dann wird alles brüchig. Wenn der Boden vergiftet ist, dann kann die schönste Pflanze, etwa die blaue Blume der Romantiker, nicht gedeihen. Kurz: Es kann niemandem gleichgültig sein, wenn die Kultur der Lüge zum Normalfall wird, wenn nur noch der als „clever“ oder überhaupt als gesellschaftsfähig gilt, der lügt und leugnet, der der Wahrheit so lange einen „spin“ gibt, wie das heutzutage heißt, bis sie so verdreht ist, dass sie für den jeweiligen eigenen Zweck passt. Kulturen der Lüge heißt es, weil auf höchst verschiedene, aber jeweils vergleichbar virtuose Weise gelogen und gelöscht wird. Wer einfach nur sagt, was er denkt oder sieht, wer nicht darauf achtet, wie die aktuelle Sprachregelung lautet, der wird rasch zum „misfit“. Dem Komponisten Stockhausen ist es nach dem 11. September so ergangen, weil er rein ästhetisch und analytisch reagierte, wo doch allein moralische Empörung, rituelles Mitgefühl und politische Subordination angemessen war.
Weil Stockhausen sagte, was, zumindest zu dieser Zeit, niemand sagen durfte, wurde er gelöscht; zwar nicht als private Person, physisch, sehr wohl aber als öffentliche Person, als Komponist, als einer, der eine Stimme hat und nicht nur atmet. Festivals, Aufführungen, die seiner Musik galten, wurden abgesagt. Und wer das tat, wollte zuallererst seine eigene Haut retten. Auch die bekannte indische Autorin Arundhati Roy, die gesagt hatte, Bush und bin Ladin seien „dunkle“ Brüder, wofür sie Argumente anführte, verfiel dem Verdikt. Und zwar ohne dass ihre Argumente geprüft worden wären. Was sie gesagt hatte, war ja „unmöglich“, also musste man nicht erst schauen, ob es wahr oder falsch war.

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