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Alle Artikel kategorisiert unter »Gegengift«

Kanon und Kaninchen

01.11.05 (Helmut Hein) -

Man darf sich nicht beschweren. Kultur ist heutzutage en vogue. Jeder und jede hat sie. Man riskiert Beleidigungsprozesse, wenn man sie einem abspricht. Selbst dort, wo der Naive nur das Regime des schnöden Mammons oder die ultima ratio der blutigen Gewalt am Werk sieht, geht es in Wahrheit um ganz andere Dinge. Keine Firma ohne Unternehmenskultur, keine Kompanie deutscher Soldaten in Nordafghanistan oder demnächst im Westsudan, die nicht einer Philosophie folgt. Kultur ist das Passepartout, durch das alles andere (das so bleibt, wie es ist und immer schon war!) ein wenig mehr hermacht. Man nennt das den Mehrwert der Kultur.

Die Bullshit-Pyramide

01.10.05 (Helmut Hein) -

Der emeritierte Princeton-Professor Harry G. Frankfurt, 76, hat ein Buch geschrieben, das überraschenderweise in den Top Ten der Book-Charts der „New York Times“ landete und inzwischen auch der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ eine Kolumne wert ist. Überraschend deshalb, weil Frankfurt bisher nur ein Autor für die „happy few“ des Orchideenfachs Philosophie war (und auch da bloß für wenige). Überraschend auch, weil er ein Thema behandelt, das nicht unbedingt bestsellertauglich scheint – es sei denn, es spricht vielen aus dem Herzen. Harry Frankfurt spricht über „bullshit“ – und das klingt höchstens ein wenig freundlicher als mögliche deutsche Übersetzungen – und meint damit das, was Medien, „Experten“ und sonstige Vertreter einer „intellektuellen Elite“ massenhaft absondern. Bullshit, sagt Frankfurt, ist schlimmer als Lüge, weil Lüge immerhin noch ein Bewusstsein der Wahrheit voraussetzt, so etwas wie intakte Realitätswahrnehmung und präzises Denken. Bullshit dagegen ist ein frei flottierendes, offenbar rauschhaftes Überbauphänomen, das man, mit den Worten Valentins, nicht einmal ignorieren müsste, wenn es nicht dabei wäre, Politik und Gesellschaft nachhaltig zu verändern.

Die Politik der Lumpen

01.09.05 (Helmut Hein) -

Wer gewählt werden will, muss sich zeigen. Luhmann, der große, anachronistische Weltgeist der Jahrtausendwende, und einige andere haben festgestellt, dass überhaupt nur der existiert, der in den Medien vorkommt. Esse est percipi, sein heißt wahrgenommen werden, hieß das schon ein paar Jahrhunderte früher, am Beginn der Moderne, beim Bischof Berkeley.

Helden der Vergangenheit, Zukunft der Arbeit

01.07.05 (Helmut Hein) -

Die musikalische Avantgarde steht fest mit beiden Beinen in der Vergangenheit. Zumindest was die Themen und Texte betrifft. Die meisten Libretti lesen sich, als seien sie aus der Werkstatt des Guido Knopp: „History”, mit dem entsprechenden raunenden Unterton – Aufklärung für ein Publikum, das ansonsten seine Menschenkenntnis gerne aus „People”-Magazinen bezieht.

Meinung oder Verbrechen

01.05.05 (Helmut Hein) -

Ein Journalist, der einen Kollegen denunziert hatte und daraufhin von diesem als Denunziant beschimpft wurde, zeigte sich nicht einsichtig, sondern empört: schließlich sei alles, was er der Geschäftsleitung gemeldet habe, „wahr“ gewesen. Was dieser Mann vollkommen vergessen (oder nie gewusst) hatte: Auch einem „Kommunisten“ oder „Juden“ ging es im Gestapo-Keller nur dann so richtig schlecht, wenn der kleine Hinweis des Nachbarn auch tatsächlich, wie man so schön sagt, ins Schwarze traf. Eine Denunziation ist eine Denunziation nur dann, wenn sie zutrifft. Ansonsten handelt es sich um üble Nachrede.
Die bundesdeutsche Bevölkerung ist nach sechzig Jahren konsequenter Demokratieerziehung unübersehbar meinungsfreudig. Viele Autohecks nähern sich einer Wandzeitung; schon der flüchtige Blick erlaubt oft die Erstellung eines Psychogramms. Die Verlautbarungen erstrecken sich von nützlichen Hinweisen („Ich bremse auch für Tiere“) bis zu verwegenen Hoffnungen („Jesus liebt dich“), erlauben die Rekonstruktion von Reiserouten („Schöne Grüße aus Rudolstadt“) und bieten Beiträge zu aktuellen politischen Diskussionen („Kein Feinstaub auf dem Nockherberg“).

Gegengift

01.02.05 (Helmut Hein) -

Es gab eine Zeit, und sie ist noch gar nicht so lange her, da kauften sich Komponisten und Regisseure Schlösser und betrieben zugleich die Sache der Weltrevolution. Adel des Geistes! Sie genossen die Gegenwart und waren doch mit der Zukunft im Bunde. Sie beschimpften Publikum und Geldgeber und wurden dafür geliebt.

Fragment und Werk

01.12.04 (Helmut Hein) -

Manchmal muss man sich selbst misstrauen. Besonders wenn man mit allen einer Meinung ist. Zum Beispiel die Radio-Reform. Hat sich schon mal einer hingestellt und gesagt: Format- und Klassik-Radio find ich richtig gut. Als Pop-Fan liebe ich die ewige Rotation, hundert oder zweihundert Hits, die sich, computergesteuert, so lange durch alle Lebenslagen drehen, bis einem schlecht und schwindlig wird. Als Klassik-Konsument geh ich gern nach dem verkehrten Metzgerprinzip vor „Darf’s ein bisschen weniger sein“. Gibt es denn Schöneres als Sinfonien und Sonaten in dünne Scheiben geschnitten und mit Werbejingles gewürzt?!

Derridada, Jelinek

01.11.04 (Helmut Hein) -

Dass „das“ deutsche Stadttheater, gewissermaßen als das in viele rhizomatische Ecken und Enden zerfallende Wurzelwerk im Humus der deutschen Kulturnation, zum Opernhaus des Jahres gekürt wurde, hat viel Zustimmung erfahren und noch mehr (oft maskierten) Hohn und Spott. Lässt man das weg, was eher auf die Cocktail-Couch gehört und vor allem der Selbstbeweihräucherung dient, letztlich also sogar die Frage nach Qualität und Innovation et cetera, geht es hier vor allem um eine Grundfrage aller Zivilisation: Was und wie wird „tradiert“, auf welche Weise kommt, im Lauf der Zeit und durch alle Interpretationen hindurch, ein mehr oder minder heiliger „Text“ zu uns. Ein Text, der unser „Grund“ und unser „Herz“ ist, der uns zu dem macht, was wir sind. Es geht also, selbst wenn Stadttheater zu Opernhäusern des Jahres werden, letztlich um die leidige Frage nach der Identität.

01.10.04 (Helmut Hein) -

Je länger er tot ist, desto lebendiger wird er, rumort als Untoter in unserem Unbewussten und macht Skandal, wo immer er auftritt: Hitler, das Gespenst des Jahrhunderts. Wer sich mit ihm befasst, gar sich zu ihm äußert, ist nicht mehr der, der er war (oder zu sein wähnte).

Alles Pareto

01.09.04 (Helmut Hein) -

Es gibt die offensichtlichen Lügner: etwa George Bush den Älteren, der seinerzeit einen Wahlbetrug mit einem ans Archaische appellierenden Verweis auf seinen Lippen, die nicht trügen könnten, verband: „Read My Lips!“ (er wurde abgewählt).

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