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Alle Artikel kategorisiert unter »Leitartikel«

Rat-Los

02.11.17 (Andreas Kolb) -
„Rosetti! Immer wenn ich BR-Klassik einschalte“, so kürzlich der Stoßseufzer eines Kollegen, „ertönt Rosetti!“ Da es sich bei Antonio Rosetti nicht um einen Zeitgenossen handelt, dem ein Funkredakteur durch häufiges Spielen messbare Gema-Tantiemen verschaffen könnte, sondern um einen beliebten Komponisten des ausgehenden 18. Jahrhunderts, bleibt nur eine Schlussfolgerung: Rosetti ist klanggewordenes Sinnbild eines massentauglichen Tagesbegleitprogramms.

Wie viel Ökonomie verträgt die Musik ?

01.11.17 (Barbara Haack) -
Weltweit schafft sich derzeit die Tendenz zur Liberalisierung der Märkte mehr und mehr Raum. Verbunden ist sie mit einer Abwendung von der Idee der (Solidar-)Gemeinschaft hin zu einer Einstellung, die das Wörtchen „first“ in Bezug zu den eigenen Interessen stellt, seien es vermeintlich nationale Interessen oder solche einer Religionsgemeinschaft oder anderer Gruppierungen – bis hin zu Einzelkämpfern, die bei der Verwendung des Begriffs „zuerst“ wirklich nur und „zuerst“ an sich selbst denken.

Lauter, Frauen 

20.10.17 (Barbara Haack) -
In Köln gibt es seit vielen Jahren eine Initiative namens „Arsch Huh!“ Für die Nicht-Rheinländer unter unseren Lesern: „Huh“ heißt, ins Hochdeutsche übersetzt, „hoch“. Diese wichtige Initiative kämpft mittels Kunst und Kultur gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Aber natürlich lässt sich dieser Motivations-Ruf auch auf andere Bereiche übertragen. Zum Beispiel auf die Frauen. Auch, wenn manch einer es nicht mehr hören mag! Schließlich haben wir erst kürzlich in der nmz die Quotendiskussion geführt, der Deutsche Kulturrat hat mit seiner Studie „Frauen in Kunst und Kultur“ die Debatte erst richtig angestoßen, der Deutsche Musikrat soeben in seinem „Musikforum“ den Schwerpunkt auf das Thema Geschlechtergerechtigkeit gelegt. Aber bekanntermaßen muss so ein „ceterum censeo“ eben auch mal nerven (dürfen).

Nur nicht den Kopf in den Sand stecken

28.09.17 (Martin Hufner) -
Für viele war das Ergebnis der Wahl zum 19. Deutschen Bundestag ein Schock. Der Souverän hat entschieden in recht umfangreichem Maße seine Souveränität abzugeben. Eine Partei, deren „vornehmstes“ Ziel es ist, Angst und Hetze zu produzieren – auch innerhalb der Partei selbst –, ist erstmalig in den Bundestag eingezogen. Dass das nicht weit führt, ist schon am ersten Tag nach der Wahl offensichtlich. Mandatsträger steigen aus, es wird gemobbt, wo es sich einrichten lässt. Zukunftsbewältigung sieht anders aus.

Neuer Rundfunk in der Sackgasse?

29.08.17 (Andreas Kolb) -
Im Sommer 2014 genehmigte der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks (BR) den umstrittenen Wellentausch zwischen „BR-Klassik“ und dem BR-Jugendradio „Puls“. Demnach soll – wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind – die UKW-Frequenz des Klassiksenders ab dem Jahr 2018 dem Jugendsender zur Verfügung gestellt werden. „BR-Klassik“ würde dann nur noch über Digitalradio (DAB+), Kabel, Satellit und Internet zu empfangen sein.

Im Würgegriff

29.08.17 (Theo Geißler) -
„So kann es nicht weitergehen, aber so geht es weiter“ lautet der pessimistische Titel einer leider selten aufgeführten Opern-Collage aus Zeitungen und Groschenromanen, die Niels Frédéric Hoffmann bei der Hauptarbeitstagung des Deutschen Musikrates 1970 in Bremen uraufführen ließ. Seinerzeit ein musikalisch-politischer Protest weniger gegen die rahmenspendende Organisation, eher wider die herrschenden politischen Verhältnisse. Der Komponist mag es mir verzeihen, wenn ich seine Headline umwidme auf ein mittlerweile jahrzehntealtes kulturpolitisches Ärgernis namens Projektförderung.

Dünne moralische Luft auf dem Gipfel

06.07.17 (Martin Hufner) -
Orchestermusiker sind auch nur Bürger in Uniform, sie haben zu exerzieren, was man ihnen auf die Pulte stellt, was ein Regisseur ihnen vorinszeniert. Musiker in Dienstverhältnissen müssen dienen. Entweder damit am Ende Musik und Inszenierung zusammenpassen oder damit nicht alle kreuz und quer durcheinander spielen. Eine Musiklehrerin sagte daher einmal, Musikmachen habe nichts mit Demokratie zu tun, sondern sei Diktatur. Das ist gewiss nicht auf alle Formen des Musizierens übertragbar, aber doch regelmäßig auf die traditionelle mit Partitur, Dirigent und Musiker. Es gibt jedoch nicht nur die musikalische Dimension dieses Problems, sondern auch eine gesellschaftliche.

Kampf & Kunst

03.07.17 (Theo Geißler) -
Seinen – wie ich finde – vorzüglichen Beitrag in dieser Ausgabe über „Glanz und Elend von Musikwettbewerben“ startet unser Autor Harald Eggebrecht mit einem kurzen Ausflug in die griechische Mythologie – unter Verwertung der Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ von Friedrich Schiller. Er hätte auch die alten olympischen Spiele als Beispiel wählen können. Vielleicht der zeitlichen Distanz geschuldet neigen wir dazu, den edlen hellenischen „Athlon“ in Sport und Kultur zu beschönigen. Seinen Tiefpunkt erreichte dieser dann nach Griechenlands Niedergang in den römischen Gladiatorenkämpfen.

Die Kestenberg-App ist noch nicht erfunden

02.06.17 (Juan Martin Koch) -
„Durch die Vermehrung der Reproduktionsmöglichkeiten mit Hilfe der neuen technischen Mittel erleben wir eine ‚Musik-Inflation‘, die alle Dämme der traditionellen Musik-Währung in Konzert und Oper einzureißen droht. […] Noch ist aber die eigene Physiognomie der technischen Musik nicht gefunden.“

Geld her

31.05.17 (Theo Geißler) -
Als Martin Luther seine 95 Thesen angeblich am 31. Oktober 1517 eigenhändig an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg nagelte, löste er Weltbewegendes aus. Wir gratulieren. Dass Ähnliches den 15 Thesen zu kultureller Integration und Zusammenhalt widerfährt, die der Deutsche Kulturrat in wahrlich mühevoller Kooperation mit Parteien und teils sehr kontroversen Verbänden kürzlich in Anwesenheit hochkarätiger politischer und zivilgesellschaftlicher Persönlichkeiten präsentierte (siehe Seite 8), steht leider nicht zu erwarten. Die hart erkämpften, sehr vernünftigen Leitsätze samt ihrer Exegesen landeten zwar in den Händen unserer hinlänglich geschätzten Bundeskanzlerin. Deren kulturelles Engagement freilich ist trotz vielseitiger Blockflöten-Affinität ungefähr so ausgeprägt wie die Nähe Mozarts zur Atomphysik.
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