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Alle Artikel kategorisiert unter »Nachruf«

Nachrufe aus dem Kulturleben

Die Sphinx des Chansons

30.09.20 (Viktor Rotthaler) -
Sie war die große „Erscheinung“ der Nachkriegszeit, die „Muse“ der Existentialisten um Sartre und Camus, die auch Liedtexte für sie geschrieben haben: die Gréco. Eine ganze Generation freilich hat sich in den sozialen Medien zuerst an ihren unheimlichen Auftritt als Phantom des Louvre in der Serie „Belphégor“ Mitte der Sixties erinnert. Damals spukte die wahre „Lady in black“ auch in vielen deutschen Fernsehshows herum, in denen auch Gilbert Bécaud und Charles Aznavour ihre Lieder sangen.

Universalist mit Tiefe

30.09.20 (Andreas Kolb) -
Denkt man an den Bassisten Gary Peacock, dann denkt man auch an Keith Jarrett, als dessen kongenialer Begleiter er ins Rampenlicht des Musikbusiness rückte. Für Peacock, der erst im Alter von 42 Jahren mit Keith Jarrett und Jack DeJohnette das legendäre Über-Trio des modernen Jazz mitbegründete, war diese Konnotation Auszeichnung und Stigma zugleich.

Vermittler, Zusammenfasser und Spurensucher

30.09.20 (Uwe Rasch) -
Nicolas Schalz kam ursprünglich aus Fouhren in Luxemburg, aus sogenannten einfachen Verhältnissen und einem eher katholisch-engen Ambiente. Sein Vater war während des faschistischen deutschen Überfalls und der Besetzung des Landes Widerstandskämpfer und im KZ gewesen – und überlebte. Bei einer Exkursion in sein Geburtsland zeigte uns Nico einmal, wo er als Kind Erschießungen beobachtet hatte.

Die gegenseitige Bereicherung von Kunst und Leben

11.09.20 (Stefan Drees) -
„Wer jemals erlebt hat, mit welcher Ruhe und Gelassenheit, aber auch mit welch besessener Groß-Ohrigkeit er ein hängendes Becken mit einer elektrischen Zahnbürste bespielt, der wird fürderhin davon überzeugt sein, dass es die eigentliche Bestimmung der Zahnbürste ist, jenes Metallinstrument aufs Schönste zum Singen zu bringen.“ Mit diesem Satz eröffnete Gordon Kampe 2015 einen Essay, in dem er Matthias Kaul in gleichem Maße als versierten Interpreten wie als leidenschaftlichen Klangforscher und Komponisten würdigte – als Künstler, der sich mit den technischen oder ästhetischen Beschränkungen des traditionellen Instrumentariums nicht zufrieden geben wollte, sondern darauf bedacht war, dessen Möglichkeiten experimentell zu erkunden und um neue, bislang ungedachte Facetten zu bereichern. Folglich schuf Kaul – oftmals unter Rückgriff auf Alltagsgegenstände – zahlreiche skurrile Klangerzeuger, deren Bauanleitungen er ins Internet stellte, um damit den Weg zur weiterführenden Erkundung dieses Instrumentariums an die Allgemeinheit weiterzugeben.

Il Maestro

27.08.20 (Viktor Rotthaler) -
Er war neben Bernard Herrmann der Kinomusiker par excellence: Ennio Morricone. Innerhalb von sechs Jahrzehnten hat er rund 500 Filme orchestriert. Sein Name ist verbunden mit den großen Regisseuren des italienischen Kinos, von Leone über Argento und Petri bis zu Pasolini. Nachdem ihn 1985 der Jazzer John Zorn mit „The Big Gundown“ für sich entdeckt hatte, wurde der experimentelle Filmmusiker – lange vor Tarantino! – auch von der Popszene entdeckt. Und dabei war es sein Werk jenseits von „Spiel mir das Lied vom Tod“, das nun plötzlich auch in Diskotheken erklang. Stücke, die manchmal der „Neuen Musik“ näher standen als dem Pop.

Der letzte Enzyklopädist

27.08.20 (jmk) -
„Auch in dem, was möglich und was nicht mehr oder noch nicht möglich ist, repräsentiert die neue MGG den Stand der Musikwissenschaft am Ende des 20. Jahrhunderts.“ Dieser Satz Ludwig Finschers, 1994 im Vorwort zum ersten Band der von ihm neu herausgegebenen Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ (MGG) formuliert, liest sich im Nachhinein wie ein Understatement.

Kritische Stimme in freier Rede

27.08.20 (Ute Schalz-Laurenze) -
Seine Stimme wird fehlen. Der Musikjournalist Hartmut Lück ist nach kurzer Krankheit am 4. Juli in Bremen gestorben.

AwopBopaLooBop AlopBamBoom

28.05.20 (Viktor Rotthaler) -
Es war 1956 der „Urschrei“ des Rock ’n’ Roll: „AwopBopaLooBop AlopBamBoom“ oder „Tutti Frutti“. Wenige Wochen bevor Elvis Presley mit „Heartbreak Hotel“ seinen ersten Nr.-1-Hit in den US-Charts landen konnte, hatte der in Macon, Georgia geborene Richard Penniman das „Motto“ ausgegeben, das der Popjournalist Nik Cohn um 1970 zum Titel seiner epochalen „Story of Pop“ gewählt hat. Mit einer unglaublich verwässerten Version von „Tutti Frutti“ gelang damals dem weißen Sänger Pat Boone ein größerer Hit als dem afroamerikanischen Originalinterpreten. Aber selbst die Version von Elvis verblasste gegen diesen „Urschrei“.

Mensch-Maschine in der Computerwelt

28.05.20 (Viktor Rotthaler) -
Der Flötenschlumpf fängt an, möchte man anmerken zum ersten großen TV-Auftritt von Florian Schneider-Esleben 1970 als Musiker von Kraftwerk. Im Ian-Anderson-Stil leitet er mit seiner Flöte das Stück ein, das zur ersten Erkennungsmelodie von Kraftwerk werden sollte: „Ruckzuck“. Ein Ohrwurm, der noch jahrelang herumspukte im Fernsehen, als Vorspannmusik zu „Kennzeichen D“, dem Pendant zu Löwenthals erzkonservativem „ZDF-Magazin“. „Progressive Musik“ nannte man das damals.

Energische Aufforderungen zum Nachdenken

28.05.20 (Julia Cloot) -
Mit Marion Saxer ein Symposium oder eine Konzertreihe zu planen, war immer eine kreative Bereicherung, lehrreich, aufregend, eine energische Aufforderung zum Nachdenken. Ihre Projekte verfolgte sie mit Ideenreichtum und Hartnäckigkeit. In unserer gemeinsamen interdisziplinären Tagung „Expressionismus in den Künsten“ (2010, als Buch 2012 erschienen) sprachen nicht nur Expert*innen unterschiedlicher Disziplinen über Gegenstände ihres Fachs, sondern auch Künstler*innen über Objekte aus einer anderen Kunstsparte. Im Kreuzverfahren entstanden so völlig neue Einsichten der Komponistin zu einem Gedicht, des Videokünstlers zu einer Komposition oder des Dichters zu einem Gemälde.
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