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Alle Artikel kategorisiert unter »Uraufführungen«

Werde, der du bist!

27.02.19 (Rainer Nonnenmann) -
An einer Säule des Apollontempels im Orakel von Delphi lasen die Pilger vor zweieinhalbtausend Jahren die Aufforderung „Γνῶθι σεαυτόν“, „Erkenne dich selbst!“ Im selben Sinne gab der antike Dichter Pindar in seinen „Pythischen Oden“ den Zuhörern und Lesern den Rat „Werde, der du bist!“. Friedrich Nietzsche formte daraus schließlich den Untertitel „Wie man wird, was man ist“ zu seiner autobiografischen Spätschrift „Ecce homo“. Doch wie erfährt man eigentlich, wer man ist? Wie kann man überhaupt werden, was man doch schon ist? Oder haben Herkunft, Sprache, Religion, Moral, Kunst, Kultur und Kommerz längst etwas aus mir gemacht, was ich gerade nicht bin? Sind Geschichte, Tradition, Familie, Gesellschaft, Vorbilder verschiedene Wege zu mir selbst, oder lenken sie mich von mir ab? Das führt zum Kern der Frage: Wie unterscheide ich das, was ich tatsächlich bin, von dem, was andere von mir denken oder wollen, dass ich sei?

Viele Worte machen wollen

30.01.19 (Rainer Nonnenmann) -
Mit ebenso theologischer wie musik­ästhetischer Bedeutung ließ Arnold Schönberg in seinem Opernfragment „Moses und Aron“ den jüdischen Gesetzesüberbringer seufzen: „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“ Die Neue Musik scheint inzwischen zumindest ihre Sprachlosigkeit nicht nur überwunden, sondern geradezu ins Gegenteil verkehrt zu haben. O all ihr Wörter, die auf uns eindringen! Statt Musik als eigenen Sinnzusammenhang zu entwickeln, ziehen immer mehr Komponistinnen und Komponisten aus Worten für ihre Werke Sinn, Inhalt, Struktur und Form.

Uraufführungen 2018/12-2019/01

29.11.18 (Rainer Nonnenmann) -
Aufklärung, Rationalismus und Funktionalismus haben Religion, Kultus, Philosophie und Kunst zunehmend aus unserem Leben verdrängt. An die Stelle existentieller Eingebundenheit in übergeordnete Zusammenhänge, Sinnstiftungen, Welt- und Selbsterklärungsmodelle trat die Kurzatmigkeit des Terminkalenders: Tag für Tag hasten wir am Fließband durch To-do-Listen, Informationshäppchen, Clicks, Likes, Tweets, Mails, Entertainment, Talkrunden, politische Phrasen.

Revolution der Wahrnehmung

31.10.18 (Rainer Nonnenmann) -
Schon Karl Marx hatte erkannt, dass die menschlichen Sinne nicht nur physiologisch und psychologisch bedingt sind, sondern vor allem geschichtlich und gesellschaftlich, geformt durch menschliches Handeln und Denken. Damit die Menschen die von ihnen geschaffenen sozioökonomischen Verhältnisse überhaupt erkennen können, um sie gegebenenfalls auch zu verändern, müssen daher ihre Sinne zunächst einmal für eben diese Prägungen geschärft werden. Ein Jahrhundert später zog daraus Herbert Marcuse den Schluss: „Die Revolution muß gleichzeitig eine Revolution der Wahrnehmung sein“.

Mit Spatzen auf Kanonen

26.09.18 (Rainer Nonnenmann) -
Der Sommer war lang, heiß, dürr. Und sein „Loch“ gebar einen Kanon. Während die große Politik Urlaub machte, nutzte DIE ZEIT-Bildungsjournalist Thomas Kerstan die Ausgabe vom 16. August für das, was heute angesichts von Globalisierung, Digitalisierung, Migration, Klimawandel für einen jungen Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden wirklich wichtig ist: Hundert „Werke“ aus Literatur, Kunst, Film, Philosophie, Wissenschaften, Computerspielen und Musik. Ein Kanon dient der Bildung, Orientierungshilfe, Vielfalt, Demokratie, Diskussion, Integration und Verständigung über Gemeinsamkeiten bis hin zum „Wesen einer Nation“.

Fixstern Beethoven

31.08.18 (Rainer Nonnenmann) -
Bund, Land NRW, Rhein-Sieg-Kreis und Stadt Bonn gründeten 2016 die „Beet­hoven Jubiläums Gesellschaft“, um unter der etwas verkrüppelt klingenden Dachmarke „BTHVN2020“ das Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 „als nationales Ereignis mit internationaler Strahlkraft in regionaler Verankerung zu gestalten, zu fördern, zu koordinieren und zu verantworten“. Während man bislang jedoch überwiegend Ankündigungslyrik, Ausschreibungen, Finanzierungsmöglichkeiten, Kooperationen, Posten und Pöstchen schuf, stemmt schon seit 2013 die Bonner Pianistin Susanne Kessel nahezu im Alleingang das internationale Kompositionsprojekt „250 piano pieces for Beethoven“.

Stets sollst du dich befragen!

03.07.18 (Rainer Nonnenmann) -
Die Spielzeit war lange und reich, mal aufregend, mal lau. Nun neigt sie sich dem Ende zu. Und in sanftem Übergang zu Sommerpause und quirligen Musikfestivals sind hier wie dort Novitäten zu erleben. Die Staatsoper Stuttgart präsentiert nach Mark Andres 2014 uraufgeführtem Musiktheaterwerk „wunderzaichen“ nun am 1. Juli wieder einmal eine Weltpremiere. Diese letzte Neuproduktion unter der Intendanz von Jossi Wieler ist Toshio Hosokawas „Erdbeben. Träume“ nach einem Libretto von Marcel Beyer, verfasst nach Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben von Chili“. Die Inszenierung übernimmt einmal mehr das alteingespielte Regieteam von Wieler und Sergio Morabito mit Bühnenbildnerin Anna Viebrock.

Helmut Lachenmanns „Melodies“

01.06.18 (Rainer Nonnenmann) -
Selten war ein neues Werk mit derartigem Erwartungsdruck konfrontiert. Wie immer die neue Komposition ausfallen wird, schon jetzt gleicht es einer Sensation, dass sie überhaupt zur Uraufführung gelangt. Denn in der Vergangenheit wurde das Stück bereits dreimal angekündigt und ebenso oft wieder abgesagt. Im Rahmen der Reihe musica viva im Herkulessaal der Münchner Residenz ist es nun aber endlich soweit: Am 7. Juni spielt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit seinen acht Hornisten unter Leitung von Peter Eötvös erstmalig Helmut Lachenmanns „My Melodies – Musik für acht Hörner und Orchester“.

„An die Jugend“

02.05.18 (Rainer Nonnenmann) -
„Es gibt zu allen Zeiten Jugend und sie ist stets die nämliche: – zuerst gläubig, begeistert, großmütig und folgend; dann überlegen, selbstsüchtig, spöttisch und trennend – bis eine neue Jugend ihren Platz einnimmt. Der Jugend gehört meine Liebe und soll fortan gehören. Ihre unmöglichen Pläne, ihre unbefangenen Fragen, ihre entwaffnenden Einwürfe, ihr trotziger Widerspruch, ihre raschschlagenden Herzen – sie wühlen die Erde auf und streuen in sie neuen Samen. Die der Jugend vorausgehen, sollen sich fühlen als der Erdboden, der den neuen Samen willenlos aufnimmt und in reifer Kraft überraschende Pflanzengebilde hervorbringt. Meine Ehrfurcht gehört der Jugend und ihr mein Dank. Sehr schön – aber leider optimistisch. Die Jugend ist meistens konservativ und ihre Versprechen sind trügerisch. Das Alter ist entweder beschränkt – wohlwollend oder bissig. Die ,Gutenʻ stehen in jedem Alter allein. So empfunden, 3. August 1909, Ferruccio Busoni.“

Kommunizierende Röhren

30.03.18 (Rainer Nonnenmann) -
Das Verstehen von Geschichte hängt von der geschichtlichen Situation des Verstehenden ab. Die Vergangenheit vermag die Gegenwart nur zu erhellen, wenn umgekehrt auch die Gegenwart die Vergangenheit beleuchtet. In seinen geschichtsphilosophischen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ (1940) konstatierte Walter Benjamin, dass Historie nur dann aktuell bleibt, wenn sie für die Gegenwart „mit Jetztzeit geladen“ ist, also bereits etwas von jener Zukunft in sich barg, die nun Gegenwart geworden ist.
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