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Alle Artikel kategorisiert unter »Uraufführungen«

Freiheit der Kunst

29.11.17 (Rainer Nonnenmann) -
Neue Musik ist keine abgeschlossene Sondersphäre. Als Teil des „Systems Kunst“ – so Niklas Luhmann – ist sie stets ein Element unserer komplex ausdifferenzierten Gesellschaft. Frau Musica nova ist keine fensterlose Monade, lümmelt nicht in abgehobenen Wolkenkuckucksheimen, verkriecht sich vor der rauen Wirklichkeit nicht in elfenbeinerne Türme.

Kino, Killer, Klang

31.10.17 (Rainer Nonnenmann) -
Die Klassifikation von Künsten, Disziplinen, Gattungen, Arten und Formen entspringt derselben spätaufklärerischen Kategorisierungsbesessenheit, mit der man auch Flora, Fauna, Gesteine, Erdzeitalter und die Elemente in Spezies und Unterspezies einteilte. Angesichts der Vielstimmigkeit und Komplexität dessen, was Kunst und Welt bedeuten, blieben solche Versuche immer hilfloses Schulmeisterwissen.

Beziehungskisten

04.10.17 (Rainer Nonnenmann) -
Keine Musik ist voraussetzungs- und kontextlos. Jede ist geprägt durch einen historischen, kulturellen und sozialen Ort. Alle Musik steht in Erfahrungs-, Beziehungs- und Sinnzusammenhängen. Gemeinsam mit den materialen, strukturellen und formalen Eigenschaften eines Stücks tragen diese Zusammenhänge zu dessen Wirkung und Gehalt bei. Das klingt abstrakt, ist im Einzelfall aber oft recht konkret, selbst wenn sich die Kontexte zuweilen erst durch eingehende Analysen der Faktur, Quellen, Skizzen und Entstehungsbedingungen eines Werks erschließen. Manchmal liegen konkrete Bezugnahmen jedoch auch offen zu Tage und sind sogar Auslöser und Zentrum eines Stücks.

Musik mobil

01.09.17 (Rainer Nonnenmann) -
Von der Wiege bis zur Bahre sind wir auf individuellen Lebensreisen unterwegs. Manche ziehen größere Kreise, andere kleinere. Alle sind wir auf dem Weg, auf geraden oder verschlungenen Bahnen zu klaren oder vagen Zielen. Die ersten Menschen waren Nomaden und folgten den jahreszeitlich wechselnden Nahrungsangeboten von Flora und Fauna. Alle Weltreligionen kennen Pilgerschaften und Wallfahrten.

Abfall vom Beifall?

30.06.17 (Rainer Nonnenmann) -
Der Komponist hat eine neue Partitur geschrieben, die Musiker haben das Werk einstudiert, schließlich vor Publikum zur Uraufführung gebracht, und dann folgt: Applaus. Diese ebenso spontane wie flüchtige Reaktion der versammelten Hörerinnen und Hörer ist keine besonders qualifizierte Antwort auf die Leistung der beteiligten Künstler. Das Händeklatschen liefert weder einen substanziellen Diskussionsbeitrag zum eben gehörten Werk noch ein wohl fundiertes Argument zum allgemeinen Diskurs der Neuen Musik. In Geschichte und Gegenwart gab es daher immer wieder Musiker – einst etwa Schönberg mit seinem Wiener „Verein für musikalische Privataufführungen“, gegenwärtig etwa Johannes Kreidler –, die Beifallskundgebungen jeglicher Art für unangemessen, unsachlich, primitiv hielten und daher am liebsten untersagt hätten.

Neofunktionalismus

30.05.17 (Rainer Nonnenmann) -
Die im Rahmen von Spezialfestivals für neue, neueste, aktuelle und zeitgenössische Musik uraufgeführten Stücke stehen zumeist nicht in bestimmten Gattungstraditionen. Als Solitäre verorten sie sich allenfalls in der Nachfolge der von herkömmlichen Besetzungen, Formen und Ausdrucks­idealen sich nominalistisch lösenden Moderne und Avantgarde. Jenseits dieser Inner Circle der neuen Musik pflegen andere Auftraggeber, Veranstalter und Interpreten jedoch sehr wohl alte Gattungen: Oper, Oratorium, Kantate, Lied, Tondichtung, Weltanschauungs-Sinfonik, in klanglich mehr oder minder neuem Gewand.

Alter Meister ganz jung

01.05.17 (Rainer Nonnenmann) -
Die in komplex ausdifferenzierten Gesellschaften institutionell getrennten Sphären des menschlichen Denkens, Fühlens, Wissens und Handelns bringt er zusammen. In seinen Werken kreuzt er Materialien unterschiedlicher Herkunft und Medialität. Und seine Musik fragt nach dem Verhältnis von künstlerischer Absicht, kompositorischer Umsetzung, gesellschaftlicher Relevanz und ästhetisch-politischer Wirkung. Die Rede ist nicht von einem der jüngeren Komponisten, die in letzter Zeit durch griffige Selbstverschlagwortungen die Differenz von Kunst und Leben aufzuheben suchen: „Diesseitigkeit“ (Martin Schüttler), „Neuer Konzeptualismus“ (Johannes Kreidler), „Diskurskomposition“ (Patrick Frank), „Extended Music“ (Simon Steen-Andersen), „New Discipline“ (Jenifer Walshe), „Contextual Composing“ (Michael Maierhof), „Social Composing“ (Brigitta Muntendorf) …

Re-Formation

02.04.17 (Rainer Nonnenmann) -
Jahrhunderte lang gab die Kirche neue Musik in Auftrag und stellte dafür Räume, Chöre, Solisten und Instrumentalisten zur Verfügung. Das Schaffen von Dufay, Ockeghem, Lassus, de Rore, Gabrieli, Monteverdi, Schütz, Bach und vielen anderen ist anders nicht denkbar.

Postfaktische Blasenwürfe

06.03.17 (Rainer Nonnenmann) -
Wenn neue Musik gesellschaftskritisch sein will, dann soll sie zunächst einmal mit der Selbstreflexion ihrer eigenen Bedingungen und Möglichkeiten beginnen. Zu befragen wären ihre Materialien, Medien, Institutionen, Grenzen und Reichweiten auf potentielle Entqualifizierung, Verengung, Erstarrung und betriebsamen Leerlauf. Leider bleiben Wirkungs- und Bedeutungsansprüche neuer Musik oft bloßes Wunschdenken, leere Behauptung oder marktschreierische Werbung. Besonders Vertreter der Generation der gegenwärtig dreißig- bis vierzigjährigen sogenannten „Digital Natives“ oder „Millennials“ pos­tulieren gerne soziale Relevanz und Brisanz. Doch tun sie dies bevorzugt theoretisch, weniger durch ihre praktisch geleistete künstlerische Arbeit. Der Umstand, dass sie sich nicht einfach als mündige Staatsbürger äußern, sondern ausdrücklich als Künstler, muss als Beleg dafür genügen, sie seien politische Künstler, die auch politische Kunst machen. So schnell so kurzschlüssig und harmlos. Zuweilen handelt es sich jedoch bloß um Maulheldentum.

Damaskus, 9. Februar 2017

03.02.17 (Rainer Nonnenmann) -
Üblicherweise werden an dieser Stelle Denkanstöße und terminliche Hinweise zu Uraufführungen gegeben, die gemäß der Reichweite der nmz überwiegend im deutschsprachigen Raum oder in Mitteleuropa stattfinden, damit Leserinnen und Leser die angekündigten Veranstaltungen im näheren oder weiteren Umkreis auch gegebenenfalls selbst besuchen können. Ausnahmen bilden Aufführungen besonderer Werke von herausragenden Künstlern, die zumeist in den großen Metropolen und Musikländern der Welt stattfinden. Bloß äußere Umstände wie Ort und Zeit einer Uraufführung verdienen dagegen eher selten gesonderte Aufmerksamkeit. Das ist jetzt jedoch bei Naji Hakims Orchesterstück „Sindbad“ der Fall. Uraufgeführt wird die Komposition, die das klassische Orchester lediglich um Harfe und fünf Schlagzeuger erweitert, am 9. Februar vom Syrischen Nationalen Symphonieorchester in Damaskus.
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