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Alle Artikel kategorisiert unter »Uraufführungen«

Magie aus kultischen Urgründen

07.12.13 (Rainer Nonnenmann) -
Die scheinbar rein eigengesetzlich verlaufende europäisch-abendländische Kunst steht bei aller mühsam erstrittenen Autonomie weiter in teils offensichtlicher, teils unterschwelliger Verbindung mit kultischen Praktiken vordenklicher Zeiten. Kunst und Musik befreiten sich zwar nach und nach aus den einstigen Natur-, Jagd-, Initiations- und Stammesritualen ebenso wie später aus funktionalen Einbindungen in kirchliche, höfische und volkstümliche Zeremonien, Bräuche, Feste und Feiern. Doch die über Jahrtausende bei magischen Handlungen gebildeten funktionellen Dispositionen beziehungsweise – wie der Tiefenpsychologe C.G. Jung gesagt hätte – „Archetypen“ wirken weiter. Trotz aller Aufklärung, Rationalität und Konstruktivität macht nicht zuletzt gerade die Verbindung zu diesen Urgründen noch heute die Magie und Faszinationskraft vieler Kunst und Musik aus. Vor allem das Tanz- und Musiktheater rührt unverkennbar an die einst kultische Einheit von Musik mit Bewegung, Sprache, Handlung, Szene und der damit verbundenen Sehnsucht nach Erfüllung, Ganzheit, Teilhabe und Vereinigung von Akteuren und Publikum. Warum sonst gibt es so viele neue Tanz-, Märchen- und Zauberspiele?

… in die elysischen Felder

12.11.13 (Rainer Nonnenmann) -
Vorstellungen vom Paradies auf Erden sind – so schön sie sein mögen – kaum mehr als Fiktion – und sie sind ihrem Wesen nach apokalyptisch. Denn mit der Glückseligkeit aller käme die Geschichte zum Stillstand, weil nur der seine Umwelt als unzulänglich erfahrende Mensch als leidendes Subjekt die eigene Verantwortung und Möglichkeit zur Veränderung begreift, um die schlechten Zustände zum Besseren zu wenden. Das klingt abstrakt-philosophisch, ist letztlich aber wohl Kern allen menschlichen Handelns. Genauso ist Musik – folgt man dem Utopisten Ernst Bloch – ein „Ruf ins Entbehrte“. Seit der antike Naturgott Pan anstelle der begehrten Nymphe Syrinx nur trockenes Schilfrohr zu fassen bekam, aus dem er sich zu Klage und Trost die erste Flöte schnitt, eignet aller Kunst – und so auch der Musik – etwas von dem utopischen Versprechen, alles könnte auch ganz anders sein.

Form und Formung

04.10.13 (Rainer Nonnenmann) -
Solange Madrigal, Motette, Kantate, Oratorium und Opernarie ihre Gliederung durch den jeweils vertonten Text und die dafür gewählte kompositorische Ausgestaltung von Affekt, Semantik, Wortklang, Rhetorik und Deklamation bezogen, wurde nach der Form von Musik kaum gefragt. Das Formproblem stellte sich erst im Laufe des 18. Jahrhunderts, als in Abgrenzung zur wortgebundenen Vokalmusik die zur „absoluten Musik“ nobilitierte Instrumentalmusik aus sich heraus zu formen hatte. Fortan galt Form als eigenständige ästhetische Ausdrucksdimension von „Geist in geistfähigem Material“. Theoretiker wie Adolf Bernhard Marx und Eduard Hanslick erkannten an den Formen der klassischen Sinfonien, Klaviersonaten, Variationszyklen, Streichquartette und Instrumentalkonzerte von Haydn, Mozart und Beethoven eine Äußerung der Idee der Kunstwerke. So erklärte Hanslick 1854 in seiner entschiedenen Absage an die „verrottete“ Gefühlsästhetik: „Tönend bewegte Formen sind einzig und allein Inhalt und Gegenstand der Musik.“ Und noch Theodor W. Adorno äußerte 1965 beim Darmstädter Kongress „Form in der Neuen Musik“, Form und Inhalt bzw. Ausdruck seien „durcheinander vermittelt“, so dass sich der „Rang der Werke“ primär danach bestimme, „wie tief jene Vermittlung gelang“.

Der Klang der Stadt

03.09.13 (Rainer Nonnenmann) -
Ländlich geprägte Kulturen sind traditionell eher statisch. Denn lokale Charakteristika von Sprache, Folklore und Musik können sich über lange Zeiträume nahezu unverändert überliefern. Die Einheitlichkeit solcher ortsgebundenen Eigenheiten weitet sich dabei erst dem regional umfassenderen Blick zu einer von Dorf zu Dorf oder Tal zu Tal sich zeigenden Vielfalt. Im Gegensatz dazu sind seit den ersten mesopotamischen Metropolen vor sechstausend Jahren urbane Zentren immer Orte der Kollision unterschiedlichster Wirtschaftsformen, Lebensentwürfe, Ethnien, Religionen. Und gerade wegen solcher Verdichtung und Vielstimmigkeit ist die städtische Kunst und Kultur wesentlich dynamischer verfasst. Kehren auf dem Land die an den Jahreszeiten ausgerichteten Feste und Bräuche zyklisch immer wieder, dominieren hier unter ganz anderen Raum- und Zeitstrukturen vielmehr Wandel, Mobilität, Veränderung und Neuerung.

Des Tones Tod … und Wiederkehr

02.07.13 (Rainer Nonnenmann) -
Musik entfaltet sich in der Zeit und vollendet sich erst in dem Moment, in dem sie bereits verklungen ist … aus und vorbei. Das Verklingen des Tones ist des Tones Tod. In der Zeit sich vollziehend, sich vollendend und sich verlierend ist Musik prädestiniert für die Darstellung der Flüchtigkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen, vanitas vanitatum. Nicht zuletzt aus diesem Grund diente Musik seit je dem Ausdruck ständig sich wandelnder Regungen und Gefühle. Mal verkörpert sie irdische Lust, Liebe, Sinnlichkeit und Lebensfreude. Dann wieder sprechen Trauer, Leid und Klage aus ihr. Zumeist durchdringt sie beides zugleich. Doch indem diese Zeitkunst jeden Moment jetzt sagt … jetzt, jetzt, jetzt …, ist sie auch tönender Vorschein auf das gerade Gegenteil, die Aufhebung von Zeit in Ewigkeit. So war Musik durch alle Jahrhunderte hindurch ein eindringliches Symbol von Werden und Vergehen, Tod und Auferstehung, und ist es bis heute geblieben.

… 1813–1913–2013–2113 …

04.06.13 (Rainer Nonnenmann) -
Wie hätte man 1813 vorausahnen können, welche Entwicklungen die Musik im Verlaufe der nächsten einhundert Jahre nehmen würde? Dabei war dies ein Jahr des Um- und Aufbruchs. Der ganz Europa unterjochende Diktator Napoleon wurde in der sogenannten „Völkerschlacht“ bei Leipzig geschlagen. In London wurde die Philharmonic Society gründet. Verdi und Wagner wurden geboren. Und in Wien erlebten Beethovens 7. Symphonie und „Wellingtons Sieg“ ihre triumphale Uraufführung. Doch wie von einem fremden Stern erscheinen dagegen Debussys „Jeux“ und Strawinskys „Sacre du Printemps“, die 1913 in Paris ihre spektakulären Premieren feierten, sowie Kasimir Malewitschs im selben Jahr gemaltes „Weißes Quadrat auf weißem Grund“ und Schönbergs damals in halb Europa gespielter „Pierrot Lunaire“.

Avantgarde heute?

09.05.13 (Rainer Nonnenmann) -
Die „Garde“ ist eine Eliteeinheit, ein exklusiver Männerbund, strengem Reglement unterworfen und zusammengehalten durch Disziplin und Corpsgeist: „Einer für alle, alle für einen“. Der Einzelne verliert im Kollektivs zwar seine individuelle Freiheit durch unbedingten Gehorsam und Treue bis in den Tod, darf sich aber zugleich sicher fühlen, weil nicht er persönlich, sondern die ganze Truppe für Sieg oder Niederlage verantwortlich gemacht wird. Zudem genießen Gardisten Privilegien und Ansehen. Als strategische Vorhut „avant“ dem großen Tross voraus, stößt die „Avantgarde“ vor, um den nachfolgenden Scharen einen möglichst sicheren Weg zu bereiten. Die militärische Herkunft des Begriffs „Avantgarde“ ist unübersehbar. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er auf die Künste übertragen. Heute versteht man unter Avantgarde in erster Linie den fortgeschrittensten Vorposten des Neuesten vom Neuen in Kunst, Musik, Literatur und Theater.

Geh’ aus mein Herz …

28.03.13 (Rainer Nonnenmann) -
Im Unterschied zur Feldmusik meinte „Kammermusik“ zunächst einfach Musik für die fürstliche Kammer, und zwar unabhängig von der Größe ihrer Besetzung. Wie zu feudalen Zeiten die Hofbuchhaltung Etats für die Kammermusiker bereithielt, wird noch heute verbeamteten Solisten an Stadt- und Staatstheatern der Titel „Kammersänger“ verliehen.

Ganz Aug und Ohr

01.03.13 (Rainer Nonnenmann) -
Die Wahrnehmung von Kunst ist untrennbar verbunden mit der Kunst der Wahrnehmung. Das eine bedingt das andere, ist Ursache und Wirkung zugleich. Denn so wie Kunst unsere Wahrnehmung zu verändern vermag, wird sie ihrerseits erst durch eine bestimmte Wahrnehmungshaltung überhaupt als Kunst wahrgenommen. Insofern lassen sich die dynamischen Veränderungen, die sich während der vergangenen 700 Jahre in der europäischen Musikgeschichte ereigneten, nicht nur wie üblich als Werk-, Kompositions-, Problem-, Kultur- und Sozialgeschichte beschreiben, sondern auch als eine Geschichte des Hörens.

Uraufführungen 2013/02

04.02.13 (Rainer Nonnenmann) -
Was war es doch vordem uns allen so genehm – doch auch ein bisschen langweilig –, als Musikwerke noch schlicht Klaviersonate, Streichquartett oder Sinfonie hießen und einfach durchnummeriert wurden: 1., 2., 3. … , 9. Symphonie. Wurde Musik jedoch ausnahmsweise einmal mit einem sprechenden Beinahmen belegt, „Jupiter“, „Eroica“, „Pastorale“ et cetera, sei es durch die Komponisten selbst oder – wie öfter geschehen – durch Marketing-bewusste Verleger, so wurde und wird bis heute großes Aufhebens von den durch solche Titeleien transportierten Gehalten der Werke gemacht. Doch mit Aufkommen der neuen Musik verkehrten sich die Verhältnisse grundlegend. Jenseits gattungstypischer Formmodelle und Sujets ist seitdem jedes einzelne Werk dazu aufgefordert, streng genommen seine eigene Gattung zu begründen, mit der Folge, dass an die Stelle klarer Bezugsgrößen wie Lied, Klaviertrio oder Violinkonzert gänzlich individuelle Titel treten, die alles Mögliche sein können: Offenbarung, Bekenntnis, Versprechen, Andeutung, Verstellung, Geheimnis, Rätsel, Laune, Blödsinn.
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