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taktlos

Das Musikmagazin des
Bayerischen Rundfunks und der
neuen musikzeitung

 

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winkel-hoch.gif (143 Byte)Gender Studies und Musik
  

Autoren

  • Petra Pfaffenheuser
  • Martin Hufner
   8.1.1998 Bayern 2 Radio,
20:05 bis 21:00 Uhr

# 13 Frau und Musik

 

    
Musikbeispiel: Die Braut haut ins Auge, Alles was ihr wollt, Best.: 74321 17435 2 LC: 0316 //// Track Nr. 9. BMG Ariola

Sprecher 1:

Frau und Musik. Wenn man diese Kombination als einen Schlachtruf in die kulturpolitische Debatte wirft, so muß man sich nicht wundern, wenn seit einiger Zeit kein Echo an den Absender zurückeilt. Dies hat natürlich vielfältige Gründe. Nicht nur, daß Tic Tac Toe längst von einem anderen Ort ganz anders zurückrufen, nein, der Separatismus, den bestimmte Frauengruppen betreiben, ist in letzter Zeit hart angegangen worden. Frau und Musik impliziert zugleich aber unausgesprochen den Widerpart Mann und Musik. Die Position, die eine deutliche Differenz zwischen Frau und Mann ausmacht, erscheint veraltet und wurde innerhalb der Entwicklung des Feminismus zuletzt nachdrücklich von Judith Butler kritisiert.

Sprecher 2:

Butler kritisierte die Suche nach Geschlechtsidentität, als Folge eines Gesellschaftsprozesses, der seine Grundlage in einer Form von Zwangsheterosexualität herstellt. Was heißt das? Gemeint ist damit, daß bestimmte Teile der „Frauenbewegung" Differenzen zwischen Mann und Frau überbetonen. Es entwickelten sich zum Beispiel die Stereotypen von der Frau als dem weichen, friedliebenden Subjekt. In der Musiktheorie fand das seine Ausprägung in der Unterscheidung zwischen einer weiblichen und männlichen Ästhetik. Clara Schumann versus Franz Liszt. Nach dieser Auffassung gibt es spezifisch natürliche Differenzen zwischen Mann und Frau. Christine Hohmeyer kritisierte diese Haltung:

Sprecher 1:

„Wenn Frauen universell eine andere Moral, ein anderes Arbeitsvermögen, eine andere Erfahrung zugeschrieben wird, dann wird es auch leichter, ihnen (wieder) einen dementsprechenden Platz innerhalb der Gesellschaft zuzuweisen."

Sprecher 2:

Der Anstoß, den Horizont um die Frauen/Männer-Problematik zu erweitern, kam aus den USA. In den 80er Jahren entstand dort eine neue Disziplin namens „gender studies", die sich mit geschlechtsspezifischen Fragestellungen beschäftigt.

Nicht gemeinsame Forschungsgegenstände waren das verbindende Element, sondern das Erkenntnisinteresse. Prämisse ist die Annahme, daß Zusammenhänge zwischen biologischem Geschlecht und gesellschaftlicher Stellung produziert und angelernt sind. Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Annahme, Psychoanalyse, Kognitionspsychologie und Behaviorismus, haben gezeigt, daß Geschlechterrollen nicht universell vorgegeben sind.

Sprecher1:

In der deutschen Forschung behielten „Gender studies" ihre englische Bezeichnung, da der deutsche Begriff „Geschlecht" nicht alle Dimensionen des englischen Pendants „gender" erklären kann. In der englischen Sprache unterscheidet man zwischen dem biologischen Geschlecht, „sex", und der soziologisch gesellschaftlichen Klassifizierung des Geschlechts, „gender". „Gender" repräsentiert veränderbare, kulturell bedingte Geschlechtszuschreibungen, die Beziehungen der Geschlechter zueinander und das Verhältnis des einzelnen zur Gesellschaft organisieren.

„Gender Studies" im allgemeinen fragen nach Machtstrukturen in der Gesellschaft, die die Rollen der Geschlechter determinieren, arbeiten Interessen bestimmter Gesellschaftsgruppen an der Erhaltung dieser Strukturen heraus und stellen Alternativen zur Veränderung vor. Im Gegensatz zur rein feministischen Forschung gehen sie nicht von der Prämisse aus, daß Männer machtbesessene Tyrannen sind, deren alleiniges Ziel es ist, Frauen zu unterdrücken. Sie fordern dementsprechend auch nicht die Unterdrückung unter umgekehrten Vorzeichen. Der Ansatz sucht nach gemeinsamen Lösungen für Männer und Frauen.

Was aber dahinter steckt ist noch entscheidender: Es geht nicht mehr um Frauen oder Männer, sondern um eine allgemeine Emanzipation. Das heißt, sich frei machen von heteronomen Zwängen, eine Politik der Autonomie entwickeln. Diese greift auf das gesamte soziale Leben über. Christine Hohmeyer schreibt dazu:

Sprecher 2:

„Nicht die eindimensionale Herrschaft des Patriarchates bedroht universell die individuelle Autonomie, sondern vielfältige kulturelle Normen, die in unser Alltagsleben selbstverständlich eingelassen sind. Ausgrenzung bedeutet nicht nur die strukturelle Unterdrückung von Frauen, sondern die Klassifizierung von Menschen überhaupt. Damit begänne eine Politik der Autonomie zuallererst mit einem tiefen Mißtrauen gegenüber den alltäglichen Gewohnheiten des Denkens und gegenüber dem, was unserer Wahrnehmung so scheinbar selbstverständlich geworden ist."

Sprecher 1:

Auf musikalische Fragestellungen übertragen heißen „gender studies": Bewußtmachen der Verflechtung außermusikalischer Faktoren mit dem innermusikalischen Geschehen, d.h. konkret die Auswirkungen zu untersuchen, wie die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen auf das musikalische Schaffen einwirken.

Themengebiete sind – wie erwartet – die Erforschung von Frauenkompositionen, Lebensläufen von Musikerinnen und Dirigentinnen, aber vor allem das Konfrontieren altbekannter Sachverhalte mit geschlechtsspezifischen Fragestellungen auf der anderen Seite.

Sprecher 2:

Ein Beispiel: In der musikalischen Analyse werden noch heute Themen oder Motiven Eigenschaften von Geschlechtern zugeschrieben: Bestimmte, männliche, harte Themen auf der einen Seite, ruhige, schwache, weibliche Themen auf der anderen Seite. Dur = männlich, Moll= weiblich. Man könnte die Wortkette fast endlos fortsetzen. Dagegen suchen die „gender studies" nach neuen, geschlechtlich wertfreien Sachurteilen.

Sprecher 1:

„Gender studies" in der Musikwissenschaft verstehen sich keineswegs als Nische für frustrierte Wissenschaftlerinnen, die es in der richtigen Welt nicht schaffen, sondern wollen Diskussionsforum für Männer und Frauen sein. Die Einlösung dieses Anspruchs erweist sich jedoch als schwierig: Spezielle Fraueninstitute, wissenschaftliche Frauenzeitschriften, Frauen-können-auch-komponieren-Festivals und Frauen-sind-nicht-schlechter-als-Männer-Wettbewerbe sind oft das ausschließliche Forum. Diese Selbstghettoisierung bringt zwar zuerst Aufmerksamkeit, mittelfristig täuscht sie wissenschaftliche Nestwärme vor, langfristig ist sie jedoch ein Grab voll Selbstbeweihräucherung.

Musik: Neneh Cherry: Manchild, Circa Records, LC: 3098, Bestnr. 209 930 (Track 2)

Da verwundert es auch nicht, daß die erste umfassende Tagung zum Thema nicht von renommierten Vertretern des Fachs, sondern vom Dachverband der Studierenden der Musikwissenschaft ausgerichtet wurde.

Eine gleichberechtigte Aufnahme in den Kanon der geisteswissenschaftlichen Fächer ist noch längst nicht in Sicht. Doch erste Schritte sind gemacht: Seit dem WS 1997/98 gibt es einen Magisterstudiengang „Gender Studies" an der Humboldt-Universität in Berlin. Er ist interdisziplinär konzipiert, mit Lehrveranstaltungen zu Rechtswissenschaften, Architektur, Medizin, Politikwissenschaft, Germanistik, Geschichte, Kunst und Musik. Weitere Studiengänge in Oldenburg, Potsdam, Freiburg und Hannover sind im Aufbau.

© 1999 die Autoren, Bayerischer Rundfunk und neue musikzeitung. Alle Rechte vorbehalten
  
Literatur:
  • Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Ffm 1991
  • Christine Hohmeyer, Politik der Autonomie ..., in: Leviathan, Zeitschrift für Sozialwissenschaft,  1998 (4)
  • Forum Musik Wissenschaft Band 4: Gender Studies, Regensburg 1998
  • Herbert Marcuse, Zeit-Messungen, Ffm 1975
  • Thema Musik Live, Hat Musik ein Geschlecht, Regensburg 1997
  • Günter Jakob, Agit-Pop. Schwarze Musik und weiße Hörer, Berlin-Amsterdam 1993
  • Argument Sonderband 110, Geschlechterverhältnisse, Berlin 1983
  • Krise des Marxismus oder Krise des Arguments - Marxismus, Ideologie, Politik, hg. H.H. Holz et al. Ffm 1984