639 Jahre lang zuhören
Cage in Halberstedt
Ein Artikel von Susanne Herrmann-Sinai.
Jenseits solcher Ereignisse beschäftigt die Halberstädter Aufführung aber noch weiter. Sie provoziert Staunen, manchmal Schmunzeln, vereinzelt auch Unverständnis. Warum? Die Musik des 20. Jahrhundert hat viele Parameter klassischer Musik und -kultur bewusst aufgebrochen. Hinter die fundamentale Einsicht, dass Musik eine Zeitkunst ist, konnte sie nicht zurücktreten. Selbst John Cages „4’33“ kennt noch die zeitlichen Parameter „Anfang“ und „Ende“. Mit genau diesen Grenzen spielt auch „Organ2/ASLSP“ auf andere Weise. Anfang und Ende des aufgeführten Stücks gehen über ein Menschenleben hinaus. Es ist daher unmöglich, sich die Länge des aufgeführten Stücks vorzustellen. Sich etwas vorstellen kann ja nur der einzelne, lebendige und denkende Mensch. Und wer kann schon 639 Jahre lang zuhören? Niemand kann. Wenigstens keiner alleine.
Umgekehrt kann keiner „Organ2/ASLSP“ in Halberstadt hören, ohne dabei die anderen Zuhörer mitzudenken, die schon zugehört haben oder noch zuhören werden. Unweigerlich richtet sich die Aufmerksamkeit gleichsam „diachron“ auf die anderen Hörer. Das ist ein ästhetisches Experiment – ganz zu schweigen von dem organisatorischen Experiment, die Aufführung aufrecht zu erhalten. Wenigstens spricht die hohe Besucherzahl zum letzten Tonwechsel dafür, dass das Interesse und die Bereitschaft sich darauf einzulassen vorhanden ist – und vielleicht auch noch eine Weile vorhanden sein wird. Der nächste Tonwechsel ist am 5. Juli 2012.
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