639 Jahre lang zuhören

Cage in Halberstedt


(nmz) -
Man klatscht nicht, während die Aufführung noch läuft. Und wer zu spät ins Konzert kommt, erntet mahnende Blicke. Normalerweise. Manchmal wird aber auch jeder einzelne Ton beklatscht. Und das Kommen, kurze Verweilen, Gehen und Wiederkommen ist so normal wie sonst der pünktliche Beginn und das erwartbare Ende eines Konzertabends. Wenigstens ist das so bei der Halberstädter Aufführung von John Cages „Organ2/As Slow As Possible“ für Orgel. In der Kirche des Burchardiklosters fand am 5. August ein Tonwechsel statt. Ein Ereignis für sich, das, wenn es hoch kommt, einmal im Jahr stattfindet. Kaum verwunderlich bei einer Aufführungsdauer von 639 Jahren, die 2001 begannen. Entsprechend feierlich umrahmt war die Veranstaltung mit einem Konzert, das Bach auf Clavichord mit Cages Präpariertem Klavier kombinierte.
Ein Artikel von Susanne Herrmann-Sinai.

Ausgabe: 
9/11 - 60. Jahrgang

Jenseits solcher Ereignisse beschäftigt die Halberstädter Aufführung aber noch weiter. Sie provoziert Staunen, manchmal Schmunzeln, vereinzelt auch Unverständnis. Warum? Die Musik des 20. Jahrhundert hat viele Parameter klassischer Musik und -kultur bewusst aufgebrochen. Hinter die fundamentale Einsicht, dass Musik eine Zeitkunst ist, konnte sie nicht zurücktreten. Selbst John Cages „4’33“ kennt noch die zeitlichen Parameter „Anfang“ und „Ende“. Mit genau diesen Grenzen spielt auch „Organ2/ASLSP“ auf andere Weise. Anfang und Ende des aufgeführten Stücks gehen über ein Menschenleben hinaus. Es ist daher unmöglich, sich die Länge des aufgeführten Stücks vorzustellen. Sich etwas vorstellen kann ja nur der einzelne, lebendige und denkende Mensch. Und wer kann schon 639 Jahre lang zuhören? Niemand kann. Wenigstens keiner alleine.

Umgekehrt kann keiner „Organ2/ASLSP“ in Halberstadt hören, ohne dabei die anderen Zuhörer mitzudenken, die schon zugehört haben oder noch zuhören werden. Unweigerlich richtet sich die Aufmerksamkeit gleichsam „diachron“ auf die anderen Hörer. Das ist ein ästhetisches Experiment – ganz zu schweigen von dem organisatorischen Experiment, die Aufführung aufrecht zu erhalten. Wenigstens spricht die hohe Besucherzahl zum letzten Tonwechsel dafür, dass das Interesse und die Bereitschaft sich darauf einzulassen vorhanden ist – und vielleicht auch noch eine Weile vorhanden sein wird. Der nächste Tonwechsel ist am 5. Juli 2012.

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