Am Anfang steht der Appell an die Neugier
Das Erfolgskonzept des Berliner Jugendorchester-Festivals „Young Euro Classic“
Ein Artikel von Barbara Haack.
Young Euro Classic lockte in diesem August bereits zum vierten Mal Besucher nach Berlin. Das künstlerische Konzept: Jugendorchester aus ganz Europa werden eingeladen, im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ihr Können zum Besten zu geben. Bedingung ist, dass die zeitgenössische Musik in jedem Konzert eine wichtige Rolle spielt. In der Regel werden Orchester von nationalem oder internationalem Niveau eingeladen. In Deutschland sind dies zum Beispiel die Junge Deutsche Philharmonie, das Bundesjugendorchester (das in diesem Jahr pausierte) oder das – international besetzte – Schleswig Holstein Jugendorchester. Künstlerische Qualität und Professionalität sind wichtige Faktoren im Festival-Konzept – aber eben nicht die einzigen.
Enorme Presseresonanz
16 Konzerte und ein „Epilog“ standen auf dem Programm, die Veranstalter konnten sich über eine hohe Auslastung und eine enorme Presse-Resonanz freuen – und das, obwohl die Kombination: Jugendorchester-Konzert plus zeitgenössische Musik keinesfalls automatisch große Publikumsströme oder ein ausgedehntes Medien-Echo erwarten lässt. Den Initiatoren des Festivals war denn auch „bewusst, dass wir zwar Kunst für das Publikum machen, aber nicht automatisch nach dem Geschmack des Publikums.“ Vielleicht aber ist gerade dies das Erfolgsrezept: Am Anfang steht der Appell an die Neugier des Publikums; der Hörer wird aufgefordert, sich auf Unbekanntes einzulassen – gewissermaßen ein neues „Produkt“ auszuprobieren, – um dann im Idealfall zu erkennen, dass das Produkt seinen Bedürfnissen gerecht wird. Beides ist gelungen: Die „Kunden“ kamen und blieben. Inzwischen hat sich eine Fan-Gemeinde gebildet; Young Euro Classic ist zur „Marke“ geworden. Dass man im August ein musikalisches Sommerloch füllt, trägt dazu bei, gegenüber einer – gerade in der Bundeshauptstadt unübersichtlichen und vielseitigen – „Konkurrenz“ eine Nische zu erobern.
Konzept und Publikum
„Wir gehen davon aus, dass jedes genau durchdachte und in sich stimmige Konzept auch sein Publikum findet“. Das inhaltlich-künstlerische Konzept wird dabei ergänzt durch die Idee des Festes. Dazu gehört eine speziell für Young Euro Classic komponierte Hymne, die zu Beginn jedes Konzertes erklingt – von den Blechbläsern des jeweiligen Orchesters teilweise sehr unterschiedlich interpretiert. Dazu gehört außerdem die Idee der „Paten“: Prominente aus Politik und Kultur, die einem Konzert ihren Namen leihen und zu Beginn einführende Worte sprechen.
Natürlich würde man das Tschechische Studentenorchester auch genießen, ohne dass Dominique Horwitz zunächst ein paar Minuten lang amüsant über die Unterschiede zwischen tschechischem und deutschem Humor nachdenkt. Tiefe gibt es dem künstlerischen Erlebnis nicht, – aber eine Note, die das Festival zu etwas Besonderem mit Wiedererkennungswert macht – zur Marke eben. Weitere „Noten“ dieser Art: das „Bergfest“ zur Hälfte des Festivals und die Empfänge im Rahmen jedes Konzertes, die zumeist in den Botschaften stattfinden und die Gäste, Musiker und Sponsoren zusammenbringen.
Ein blauer „Europa-Teppich“ führt das Publikum die Stufen zum Konzerthaus hinauf – weit sichtbar ebenso wie das große Transparent, das während des ganzen Festivals über dem Haus hängt und auch flanierende Touristen und Berliner neugierig macht. Darüber hinaus verteilen Roller-Blader, in Festival-T-Shirts gekleidet, Prospekte. Soweit zum „Drumherum“.
Erfolgsfaktor Inhalt
Der eigentliche Erfolgsfaktor des Festivals bleibt die inhaltliche Idee. Die „Fans“ kommen weder der Roller-Blader wegen, noch um ein weiteres Mal die blaue Treppe hinaufzugehen. Sie kommen auch nicht, um einen Promi als Paten zu erleben. Sie kommen, weil sie von der besonderen Atmosphäre, die ein Jugendorchester ausstrahlt, von der künstlerischen Qualität begeistert sind. Und offenbar sogar von der doch teilweise fremd anmutenden modernen Musik. Ein Produkt, das kein schon zumindest latent vorhandenes Bedürfnis anspricht, so eine Marketing-Regel, ist in der Regel nicht erfolgreich. Offenbar stößt das Produkt Young Euro Classic auf ein Bedürfnis bei Musikliebhabern, aber auch bei Menschen, die gerade erste Gehversuche mit der klassischen Musik machen. Ein Bedürfnis, das zum Teil vielleicht erst zu wecken ist. Ein Verdienst des Festivals ist es im Übrigen, dass es – teils wegen der jugendlichen Akteure, teils aufgrund der moderaten Eintrittspreise – viele junge Menschen anlockt. Zum Erfolgskonzept gehört daneben auch, dass das Festival langfristig, über mehrere Jahre hinweg angelegt ist und eine nachhaltige Wirkung erzielen will.
Young Euro Classic beweist, dass es möglich ist, ein hochwertiges künstlerisches und „kantiges“ Produkt zu entwickeln und dabei gleichzeitig von Anfang an den „Markt“ im Auge zu haben. Man kommuniziert mit den Menschen, die man ansprechen möchte: Publikum, Medien, Sponsoren – lange vor dem eigentlichen Konzertbeginn. „Man möchte von seinem Gegenüber verstanden werden“, sagen Michael Horst und Julia Becker-Döring. Das ist gelungen!
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