An dieser Börse herrscht keine Baisse

Von der Deutsch-Polnischen zur Europäischen Musikbörse


(nmz) -
Schon früh engagierte sich der Deutsche Musikrat für deutsch-polnische Beziehungen und förderte eine enge Zusammenarbeit zwischen den Nachbarländern im musikkulturellen Bereich. Jugendaustausch, gemeinsame Musikveranstaltungen sowie die Planung und Durchführung von Tagungen und Kongressen zu grenzüberschreitenden Themen standen dabei im Mittelpunkt.
Ein Artikel von Ernst Folz.

So zeigt der Deutsche Musikrat seit vielen Jahren auch Flagge beim „Warschauer Herbst“, dieser bedeutenden und weltweit beachteten Veranstaltung im Bereich der Zeitgenössischen Musik. Im Rahmen dieses Ereignisses haben Musikschaffende, Wissenschaftler und Verbände Gelegenheit zu Diskussionen und zur Vorbereitung gemeinsamer Aktivitäten. Allerdings erreichten diese Treffen nur in Ausnahmefällen Adressaten „vor Ort“, also diejenigen, die ihre Arbeit in den Regionen, abseits der großen Kulturzentren, leisten. Natürlich sind es auch unterschiedliche Organisationsformen von Musik und Kultur, die das Kennenlernen und den Austausch gerade zwischen den Kommunen und Regionen erschweren. In Deutschland organisieren sich die auf die Regionen konzentrierten Musikschaffenden in den 16 Landesmusikräten, in Polen sind die entsprechenden Musikaktivitäten hauptsächlich bei den Marschallämtern der 16 Woiwodschaften angesiedelt.

Auf Initiative von Hannelore Thiemer trafen sich während des Warschauer Herbstes 2004 erstmals Vertreter von Landesmusikräten und Marschallämtern, um eine engere Zusammenarbeit zu diskutieren. Die Zahl 16 auf beiden Seiten führte zu der Überlegung hier Kooperationsschwerpunkte zu setzen. Gleichzeitig wurden solche Vorhaben durch den Aufruf der beiden Regierungen befördert, die kulturelle Nachbarschaft zwischen Deutschland und Polen zu einem bevorzugten Fokus der Zusammenarbeit zu machen. Als erstes Ergebnis der intensiven Gespräche von Warschau äußerte man den Wunsch nach einer zeitgemäßen Austauschplattform zwischen den Ländern. Diese solle aktuelle Informationen liefern und einen schnellen und effektiven Austausch von Meinungen und Vorhaben gewährleisten. Im Zeitalter der Internetpräsenz entstand so das Konzept der „Deutsch-Polnischen Musikbörse“, die während der ersten zwei Jahre als Pilotprojekt durch das Haus des Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziert wurde. Unter der Leitung von Dr. Hannelore Thiemer entwickelte die DMR gProjekt GmbH das Konzept und setzte es in den folgenden zwei Jahren erfolgreich um. Eine in Warschau angesiedelte Redaktion stellte die Informationen in deutscher und polnischer Sprache zur Verfügung. Die „Börse“ wurde durch Staatsminister Neumann und die polnische Botschaft in Berlin offiziell eröffnet und mit einem symbolischen Knopfdruck aktiviert. Eine umfassende Informationskampagne in beiden Ländern sorgte mit dafür, dass dieses zweisprachige Angebot zu einem durchschlagenden Erfolg wurde. Selbst die an der „Börse“ Beteiligten waren überrascht von dem unerwarteten weltweiten Echo, das Besucher aus Amerika und Australien anzog.

Und es war dieses Echo, dass die Verantwortlichen des Deutschen Musikrates veranlasste, nach Auslaufen der Anschubfinanzierung nun die „Börse“ auf ein neues Fundament zu stellen, und dieses Fundament heißt Europa. Zum Jahresende 2008 läuft das Pilotprojekt „Deutsch-Polnische Musikbörse“ aus, es wird durch die Dauereinrichtung „Europäische Musikbörse“ ersetzt. Bewusst wurde der Begriff „Börse“ beibehalten, um auch weiterhin den Austauschcharakter der Einrichtung hervorzuheben. Ab 2009 wird das Projekt komplett von Bonn aus gesteuert; auch die hauptamtliche Redaktion wird dort – in räumlicher Nähe zum Deutschen Musikinformationszentrum – arbeiten. Zunächst werden die Partnerländer um neue EU-Mitgliedstaaten im Osten Europas erweitert:  Estland, Lettland, Litauen und Tschechien wird neben Polen ab dem 1. Januar 2009 die Teilnahme angeboten. Das bewährte Konzept und das Erscheinungsbild sollen erhalten bleiben. Die gemeinsame Sprache wird Englisch sein, die Artikel und Informationen können aber auch zusätzlich in der jeweiligen Landessprache erscheinen.

Zur Weiterentwicklung dieses einmaligen Angebots hat der Deutsche Musikrat einen Beirat berufen, dem auch Vertreter des Goethe-Institutes und der Staatsbibliothek zu Berlin angehören. Es wird die Aufgabe dieses Beirates sein, Konzepte für die zukünftige Arbeit zu entwickeln und inhaltliche Schwerpunkte zu setzen. Während der Startphase übernimmt der Geschäftsführer der Projektgesellschaft, Norbert Pietrangeli, die Projektleitung. Selbstverständlich kann das vom Musikrat langfristig gesetzte Ziel einer in ganz Europa wirkenden Musikbörse nicht mit der Erweiterung auf die genannten Länder erreicht sein. In jedem Falle soll aber vermieden werden, dass durch zu schnelle Expansion das bisher Geschaffene gefährdet wird. Erst wenn die erweiterte Partnerschaft etabliert und von den Benutzern akzeptiert ist, kann über Kooperationen mit weiteren europäischen Ländern nachgedacht werden. Dieses Fernziel ist nur in enger Zusammenarbeit mit weiteren europaweit agierenden Partnern, wie dem Europäischen Musikrat, und der Erschließung der erforderlichen Geldquellen zu erreichen. Die Konzeption und die Betreibung der Europäischen Musikbörse ist ein Teil der neu konzipierten grenzüberschreitenden Aktivitäten und Verbindungen, die das Präsidium des Deutschen Musikrates verabredet hat und der in einem Grundsatzpapier zur Musikpolitik des DMR formuliert wird. Dieses Papier soll nach Verabschiedung durch die Mitgliederversammlung Leitlinie und Zielvorgabe für den großen Dachverband der Musikschaffenden sein.

Ab 1. Januar 2009 gültige Adressen:
E-Mail: emb@musikrat.de oder europaeische-musikboerse@musikrat.de
Internet: www.europaeische-musikboerse.eu oder www.european-musicexchange.eu

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