Antrags-Anschlag auf die GEMA, per Kleinlaster

Der Komponist Johannes Kreidler meldet eine Komposition mit 70.200 Fremdzitaten an


(nmz) -

Dass das Urheberrecht und seine Inanspruchnahme bisweilen absurde Blüten treibt, ist kein neues Phänomen. Normalerweise erfolgte bislang die Kritik an der gängigen Praxis von Urheber- und Verwertungsrechten von Seiten der Popmusik, die in vielen ihrer Werke mit Zitaten oder Samplingmethoden arbeitet. Dass nun ein Vertreter der Neuen-Musik-Szene auf diese Problematik hinweist, ist relativ neu und in dieser Form einzigartig. Johannes Kreidler komponierte mit seinem Stück „product placements“ eine Collage unter Verwendung von 70.200 Teilen fremden Materials – und das auf der Länge von 33 Sekunden.

Ein Artikel von Martin Hufner

Um dieses Stück bei der GEMA anzumelden, verwendet Kreidler 70.200 Formulare, auf denen dieses Fremdmaterial einzeln und detailliert vermerkt ist. Nötig wird dies, weil der Meldebogen der GEMA diese Daten abfragt. Im Detail heißt es in den Bearbeitungshinweisen zum Meldebogen: „Originaltitel von verwendeten Volksweisen oder anderer im Original urheberrechtlich freier Werke sind hier zu nennen. Wurden urheberrechtlich geschützte Werke verwendet, ist generell die Genehmigung der Rechteinhaber der geschützten Werke in Kopie beizufügen. Die immer noch weit verbreitete Ansicht, dass acht oder auch vier Takte ohne Zustimmung benutzt werden dürfen, ist falsch.“ In einer Pressemeldung erklärte die GEMA freilich, dass Kreidler einem Formfehler aufgesessen sei. Denn das Urheberrechtsgesetz sehe eine solche Verwendung nur vor, wenn das Material erkennbar sei. Damit wähnt sich die GEMA in der Position des falschen Ansprechpartners – was sie freilich nicht daran hindert, in ihrem Meldeformular diesen urheberrechtlichen Hinweis in ihrem Meldeformular nicht zu erwähnen. Wozu auch, ist ja schließlich auch nicht ihre Baustelle. Kreidler wollte mit seiner Aktion dagegen darauf hinweisen, dass die Methode des Remixens, also der musikalischen Neuordnung des Materials in verbreiteten Formen des Musizierens, zu unsinnigen Folgen führen, die der Ausübung musikalischer Kreativität im Wege steht.

Behindert der Urheberrecht Kreativität?

In seinem Essay zum Stück „product placements“ führt er aus: „Was ist eigen, was ist fremd, was ist empirisch, was negierend, was ist semantisch, was Phänomen, ab welcher Länge hat etwas Zitatcharakter? Wie mit den Medien umgehen, da auf einem Medium zu sein ja bedeutet, selbst Medium zu sein? Das Werk ist Netzwerk. Was also ist heute Identität? Dem hinkt der GEMA-Formalismus so weit hinterher wie das Urheberrecht allgemein. Der globale rechtsfreie Raum des Internet-Tauschs, den die Neue Musik als fortschrittliche Ästhetik antizipiert hat, macht spätestens jetzt zweierlei deutlich: Erstens muss Kreativität medial ermöglicht werden, sprich: grundsätzlich legal sein. Kopieren ist eine Kulturtechnik und ein derartiger technologischer Fortschritt setzt sich erfahrungsgemäß immer durch.“ (http://kreidler-net.de/productplace…)

Dieser Rückzug aus der Verantwortung seitens der GEMA mag zwar rechtlich korrekt sein, er wirft aber auch die Frage auf, wann denn etwas erkennbar ist und wann nicht. Es wäre also eigentlich die logische Konsequenz, solche Fragen mittels eines musikpsychologischen Tests zu evaluieren. Denn im Zweifel wird es dem Urheber wenig nützen, dass er allein meint, bestimmtes Material sei nicht erkennbar als solches. Durchaus denkbar der Fall, in dem vieltaktig Fremdmaterial verwendet wird, was trotzdem nicht erkennbar ist, weil die Musik zu unspezifisch ist. Auch in diesem Fall müssen sich die Neuurheber und die Alturheber auf rechtlich sicherem Boden bewegen. Kreidler fragt daher: Werden demnächst nur noch Gerichte entscheiden, was Kunst ist und was Diebstahl? Das kann es ja wohl nicht sein.

Aber Kreidler geht es nicht allein um diese teils formale, teils ästhetische Frage. Kreidler fordert auch eine andere Form der Honorierung musikalischer Kreativität, die sehr viel tiefgreifender ist: „Zweitens muss Kreativität anders honoriert werden, verstärkt durch Aufträge, die die Tantiemen vielleicht vollständig ersetzen könnten. Es darf nicht sein, dass für kleinste Klänge Lizenzen gekauft werden müss(t)en, die monatelange Arbeitsleistung eines jungen Komponisten aber in keinem Verhältnis zur GEMA-Ausschüttung steht − dafür hat dieser selbst wiederum der GEMA noch Gebühren zu entrichten, wenn er seine eigenen Werke im Netz zum (kostenlosen!) Download anbietet. Demgegenüber gilt es neue Finanzierungsmodelle wie konsequente Abgaben auf Leermedien oder eine Kulturflatrate zu entwickeln − vorausgesetzt, der Begriff ‚Kultur‘ wird dabei ernst genommen und die industrielle Klangproduktion greift nicht den Löwenteil ab.“

Kulturflatrate ja oder nein

Doch die Idee einer Kulturflatrate wird von vielen Seiten ablehnend beurteilt, vor allem aus zwei Gründen: Seitens der Verwertungsgesellschaften befürchtet man, dass man auf diese Weise keine Verteilungsgerechtigkeit erreichen könne; in einem am gleichen Tag gesendeten Interview mit 3sat-Kulturzeit lehnt sie aber auch der Herausgeber der nmz, Theo Geißler, ab, „denn eine Art Zwangsabgabe der Kultur aufzubürden, wäre ausgesprochen kontraproduktiv und im Grunde genommen kontrakulturell.“ Beide Kritikpunkte gehen dabei davon aus, dass das System der Urheberhonorierung an sich gerecht wäre oder zumindest auf den rechten Pfad gesetzt werden könne und müsse. Doch diese Gerechtigkeit herzustellen, scheint mehr und mehr illusorisch. Schon der Deal der GEMA mit dem Videoportal YouTube ist weder im Groben noch im Detail transparent; im Gegenteil, er ist offenbar streng geheim. Und das wird wohl Gründe haben.

Diese Fragen und weitere wurden thematisiert in der Pressekonferenz der GEMA, die sich an die Übergabe der 70.200 Formulare für „product placements“ angeschlossen hatte. Freilich prallten solche Fragen an den Vertretern der GEMA zunächst einmal ab, auch wenn Jürgen Brandhorst, Leiter des GEMA-Musikdienstes, Kreidlers Aktion am Ende der Veranstaltung mit den Worten würdigte: „Das ist eine ganz tolle Sache, eine künstlerische Aktion, die uns allen Denkanstöße liefert. Und das ist eigentlich das Ideale, was uns Kunst bieten kann. Und wir haben eine ganze Menge Hausaufgaben daraus mit nach Hause genommen.“ Damit hat sich Brandhorst wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt. Generell fühlt sich die GEMA in weiteren Aussagen nicht im Zugzwang und weist die Probleme an die gesetzgebende Politik weiter. Bettina Müller, GEMA-Unternehmenssprecherin, erklärte, dass die GEMA zwar die treuhänderische Verwaltung der Urheberrechte ihrer Mitglieder übernimmt, nicht jedoch das Urheberrecht selbst gestaltet: „Wenn Mitglieder ein Problem mit dem Urheberrecht haben, dann müssen sie das kundtun, wie es eben Herr Kreidler getan hat. Und dann muss man schauen, ob da wirklich etwas geändert werden kann, aber das ist Aufgabe des Gesetzgebers.“

Hier ist die GEMA wieder einfach die simple Inkasso-Gesellschaft, die formalistisch die Belange ihres Betriebs aufrecht erhält – ohne Rücksichtnahme auf Entwicklungen in der kompositorischen Technik und in den globalen Kreativitätsnetzen.

GEMA - Kultur-Flatrate - Zukunft

Theo Geißler
www.nmz.de

…da haben Sie recht, lieber Hufner: Was die GEMA anbelangt, bin ich immer noch ein vermutlich fahrlässiger, hoffnungsloser, romantischer Optimist. Zwar sind jetzt unter Harald Hekers Vorstandschaft ein paar Jahre potenzieller Reform-Zeit vertan worden (man betrachte allein die mörderische Personal-Politik, das Kompetenzen-Schreddern). Und auch der momentane Aufsichtsrat gibt nicht grade zur Hoffnung Anlass, dort sitzen und verteilen natürlich die satten Arrivierten. Nur kann ich mir nicht vorstellen, dass es so bleibt. (Siehe den aufschlussreichen Bericht von Esther Kochte im aktuellen “Leitmotiv” - dort werden wichtige Gründe für die vorhandenen Fehlentwicklungen deutlich benannt - immerhin einige).

Erste Erosionserscheinungen (z. B.: die Gründung einer neuen Verwertungsgesellschaft für Werbefilm-Komponisten) gehen zwar meiner Meinung nach in die falsche Richtung. Wie auch nach wie vor die plump ökonomistische, populistisch-kosmetisch kaum verschleierte Selbstdarstellung der GEMA an sich. Aber Aktionen wie Kreidlers große Oper könnten Schule machen - da sind eben die Kreativen gefragt. Und hinter den Kulissen hört man Hekers Stuhl schon brüchig knacken. Schließlich hat die Kultur-Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages eine Reihe sehr vernünftiger Reformvorschläge formuliert, an der die GEMA trotz Vogel-Strauß-Politik nicht ungeschoren vorbeikommen wird.

Was aber die Frage einer Kultur-Flatrate betrifft, kann ich Ihrer pessimistischen Sichtweise nicht folgen. Sie würde eine Art GEZ, eine Zwangsabgabe auf alle “Kreationen” bedeuten - und das haben Kunst und Kultur nicht verdient. So eine Flatrate belegte für mich die Kapitulation aller Künste vor dem grassierenden, sich vollmäulig gerade selbst kannibalisierenden Pervers-Kapitalismus (dem bedauerlicherweise mittlerweile zahlreiche Kreative offenbar verfallen sind). Aber eben nicht alle - und die sind die Hefe…


Kulturflatrate, Qualität der Kunst

Lieber Theo Geissler,
eine Kulturflatrate im Kleinen gibt es ja schon, das sind die Abgaben auf Leermedien. Für einen gekauften CD-Rohling gehen noch einige Cent an die GEMA, obwohl diese nie erfahren wird, was genau auf diesen Rohling gebrannt werden wird. Also eine Pauschalabgabe, die aber doch “irgendwie” individuell an die Musiker verteilt wird.
Da meines Erachtens auch nie in Erfahrung gebracht werden kann, was im Internet alles angeklickt wird (bzw. hoffe ich es sehr, dass das nicht irgendwann alles protokolliert werden wird), sind für kulturelle Leistungen im Netz ebenfalls derartige Modelle überlegenswert. Natürlich stellt sich dann vermehrt die Frage, wie eine gerechte bzw. sinnvolle Verteilung dieser Einnahmen bestimmt werden kann. Und ich möchte dann dafür plädieren, dass eine Qualitätsdebatte geführt wird.
Noch lieber wäre mir aber gleich ein solides Auftragswesen: Der Künstler bekommt gemäß der Arbeitsleistung eine Bezahlung, das fertige Kunstwerk ist dann frei verfügbar. Meinetwegen dürfte das durch eine Kulturflatrate finanziert werden. Aber das stellt natürlich wiederum die Qualitätsfrage, und dazu sitzen wahrlich die falschen Leute im GEMA-Aufsichtsrat.


Verwertungsgesellschafts-Verwertung und Kultur-Flatrate

Lieber Johannes Kreidler,
stimmt. In gewissen Bereichen gibt es (noch?) eine GEZ-ähnliche Abgabe. Kürzlich aber hat der BGH eine solche auf PCs etc als nicht rechtmäßig beurteilt. Da geht hinter den Kulissen natürlich jede Menge Lobbying ab - und nicht erst im Moment scheinen die Vertreter der Kreativen im Verhältnis zu den Hardware-Fabrikanten am kürzeren Hebel zu sitzen. Das liegt an den ökonomistischen Zeitgeist-Prinzipien auch hierzulande, denen sich offensichtlich auch die Rechtsprechung nicht entziehen kann - aber auch am dramatisch schwächelnden Kulturbewusstsein unserer Verwertungsgesellschaften selbst.

Ich möchte das europäische Urheberrechtsverständnis, das sich vom anglo-amerikanischen ja dadurch grundlegend unterscheidet, indem es die Trennung des Werkes vom Schöpfer, also auch den Verkauf des Rechtes durch den Urheber weitgehend unmöglich macht, keinesfalls preisgeben. Das hielte ich für eine Kapitulation eben vor den herrschenden Marktgegebenheiten. Kreativität als Spekulationsobjekt für Heuschrecken? (Klar: passiert über Strecken schon - ich finds total kulturlos, ent-wertend, ruinös).

Also brauchen wir ein Erhebungs- und Inkasso-Instrumentarium für alle erdenklichen kreativen Emanationen. Dass die GEMA in diesem Bereich nicht (mehr?) gut funktioniert, ist Grund auch für meinen Unmut. Wie in anderen Bereichen trat auch hier die Gier an die Stelle fairer Verteilungskonzeption. All dies rein “numerisch” glatt zu ziehen, kann meiner Meinung nach auch nicht funktionieren. Da gehört - so altmodisch das Wort ist - ein Bewusstseinsprozess im Land und auch bei den Kreativen ausgelöst, der den Wert geistigen Eigentums anders vermittelt als die Hypo-Real-Estate den Wert von Immobilien jemals vermittelt hat. Das ist - unsere? - Aufgabe. Nach wie vor halte ich die GEMA für reformierbar. Und ein wirklich feines Beispiel für fantasievolle Anstöße war eben zum Beispiel die “große Johannes-Kreidler-Oper”. Dranbleiben!
 Herzlich:

Theo Geißler
www.nmz.de


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