Armutszeugnis für Politiker und Gesellschaft

Ein Plädoyer für die Erziehung durch und zur Musik


(nmz) -
Seitdem ich mich erinnern kann, wurde und wird der Musikunterricht in der Schule irrtümlicherweise als etwas fast Überflüssiges und Unnötiges betrachtet. Dementsprechend wird die musikalische Ausbildung der jungen Menschen immer und zunehmend in den Hinterhof verdrängt, oder überhaupt vom Hof gejagt.
Ein Artikel von Nikolai Badinski.

Ausgabe: 
6/10 - 59. Jahrgang

Dass diese Tendenzen in der Bildungspolitik sich in den letzten Tagen erneut verstärkt manife­s-t­ie­ren, ist nicht nur höchst bedauerlich; dieses Armutszeugnis für die Politiker, Bildungsfunktionäre und für unsere Gesellschaft insgesamt führt weiter zu katastrophalen Ergebnissen und Erscheinungen in der gesellschaft­lichen Entwicklung. In den letzten Jahrzehnten wurde in mehreren Wissenschaftszweigen empirisch eindeutig nachgewiesen und heraus­ge­fund­en, dass eine intensive Beschäftigung der Kinder und Jugendlichen mit Musik ihre Intelli­genz und soziales Verhalten  enorm fördern und entwickeln. Das wusste man übrigens bereits vor Jahr-tau­senden.

Es sei mir erlaubt, in diesem Zusammenhang die folgenden Sätze aus meinem Buch „… Zwischen den Klän­gen …“ zu zitieren:  „Bereits Platon hat vor 2500 Jahren die große und ver-edelnd wirkende Kraft der Musik für die ‚höchste Vollendung der Erziehung‘ erkannt und gepriesen. Deshalb hat er sie wegen ihres enormen Potenzials als eines der vorzüglichsten Erziehungsmittel stets mit Nachdruck empfohlen. Ähnliche Hoch­schä­­tz­ung der Musik ist auch von Konfuzius überliefert worden. Im alten China meinte man, dass alle Musik im Herzen des Menschen geboren wird. Sie wurde darüber hinaus als die Harmonie zwischen Himmel und Erde begriffen. Es ist bezeichnend für das Verständnis der Rolle der Kunst dort und wir können es mit Be­wunde­rung zur Kenntnis nehmen: der oberste Künstler im Land war der Kaiser selbst, der ‚Himmels­sohn‘. Nicht zufällig gehörten im Altertum Philosophie, Musik und Mathematik zusammen. Mit Musik kann man sowohl philosophieren, als auch mathematisieren.“

Trotz aufschlussreicher Erfahrungen seit Jahrhunderten und umfangreicher Aufklärungsprozesse berück­sichtigt man solche elementare Wahrheiten kaum, lernt man leider nichts daraus. Eher umgekehrt – es wird immer schlim­mer. Es ist erstaunlich, ja, deprimierend, dass entgegen ihren Sonntagsreden die meisten Politiker Bil­dung und besonders musikalische Ausbildung so gering schätzen. Man beklagt steigende Jugendkrimina­li­tät und Ver­wahrlosung. Man sucht verzweifelt nach Lösungen und Auswegen von der bedrohlich anstei­gen­den Misere in unse­rer Ge­sell­schaft. Wie so oft wird auch hier nicht an den richtigen Stellen gesucht und gear­bei­tet. In unserer so aufgeklärten Gesellschaft werden für Repara­turen verheerender Schäden auf unterschiedlichen Ebenen im Gesellschaftsleben Unsum­men von Geldern ausgegeben, anstatt zu versuchen, die Schä­den präventiv zu vermeiden, genauso neigt man dazu, lieber Symptome zu kurieren, anstatt gegen deren Ursachen vorzugehen.

Nicht nur in der allgemeinen schulischen Ausbildung wird die Musik hinausgedrängt. Die staatliche finan­zielle Förde­­r­ung für die Musikschulen wird permanent gekürzt, obwohl die Zahl der Lernwilligen erfreulich­erweise steigt.

Es ist kaum vorstellbar, dass ein junger, eigentlich nicht nur junger Mensch in der einen Hand eine Geige oder ein ande­res Musikinstrument hat, in der anderen eine Waffe hält, mit der er Menschen tötet. Genauso wäre un­mög­lich, dass ein Jugendlicher im Schulchor oder -orchester seine Mitschüler umbringt.

Man muss – und vor allem die Politiker und die anderen in der Gesellschaft Verantwortung Tragenden – end­lich begrei­fen! Wenn von der Bedeutung der Musik gesprochen wird, geht es nicht nur um Ästhetik oder um andere „geho­be­­ne“ Sachen. Das Erlernen eines Instruments zum Beispiel bringt mit sich eine wohltuende Struk­tur­ie­rung im Alltag, wie im Leben. Es lehrt Disziplin, Zielsetzung, Willensstärkung, sinnvolle Lebensgestaltung und viele, viele an­dere positive mensch­li­che Qualitäten, einschließlich sozialer Kompetenzen und Verantwort­ung. Durch Musik und Musik­ausüben kann man auch Toleranz lernen und praktizieren. In einem Klang­körper musizieren Mensch­en aus ver­schie­denen Kulturkreisen friedlich miteinander.

Durch die im Dienst der Musik erweckte Zusammenarbeit ent­wickeln sie sogar Interesse und Achtung für- und zueinander. Ideologien treten zurück, „Kuhhandel“ und ähnliches Schmaro­tzen haben hier keinen Platz. Können und Kompetenz sind das einzige Kriterium. Unser Gemeinschaftsleben wird sich von Grund auf positiv verwandeln, wenn es überall nach diesem Prinzip zugeht! Wenn alle in früher Kindheit ein Instrument – hier als Symbol für vernünf­ti­ge menschliche Tätigkeit zu verstehen – erlernt haben, kann jeder etwas mehr oder weniger Produktives tun. Kein Mensch wird als Verbrecher geboren.

Mit dem Verständnis des Begriffes „Kunst“ wird in der Öffentlichkeit der Musik großes Unrecht getan. Kunst ist ein Oberbegriff und umfasst alle Künste, die Musik selbstredend auch. In der Praxis wird das Wort „Kunst“ fälschlicherweise von den visuellen Künsten überlagert. Dabei geht es hier nicht um Begriff­spiel­e­rei. Für viele bedeutet Kunstinteresse und Kunstförderung leider, sich nur für visuelle Künste einseitig einzusetzen und zu engagieren. Man braucht sich nur die Arbeit und die Aktivitäten von unzähli­gen Kunst­behörden und Kulturämtern anzuschauen, um gleich feststellen zu können, dass die musikali­schen Aktivi­täten ganz fehlen, oder die Musik als ein Stiefkind behandelt wird. In diesem Zusam­men­hang kann man breite soziologische und psychologische Abhandlungen auch über unsere vorwiegend visuell und materiell orientierte Gesell­schaft schreiben. Bei den visuellen Künsten kann man „bunt“ und eventträchtig etwas präsentieren, man kann es kaufen, verkaufen, Profit machen, als Geldanlage benutzen. Mit der immateri­ellen Musik geht so etwas nicht. Sie hat eine viel subtilere Wirkung …

Es mutet beinahe absurd an, im Land der Komponisten und der Musik, letztere verteidigen zu müssen.

Bei der „Verteidigung der Musik“ – sie benötigt das eigentlich nicht – und ihrem gebührenden Platz im Gesell­schaftsleben geht es ja nicht nur um Musik und Musiker.

Die Gesellschaft sollte die Musik ver­teidigen, denn es geht um die Gesellschaft selbst! Viele Philosophen, Wissenschaftler und andere helle Köpfe in der mensch­li­chen Geschichte und Gegenwart haben gewusst und wissen, dass nichts anderes die menschliche Seele, das menschliche Wesen überhaupt so tief berührt und sensibilisiert wie die gute Musik. Auf nur auf Profit „gestimmte“, emo­tions­arme Menschen, Wesen mit entleerten Seelen, wartet keine rosige Zukunft. Die engagierten Reaktionen und Aktivitäten sehr vieler Menschen in der letzten Zeit gegen Überlegungen und Wünsche einiger Politiker für geringere musische Erziehung der Jugend lassen hoffen.

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