Blick in den Abgrund


(nmz) -
Man mag zu Marcel Reich-Ranicki stehen wie man will, man mag sich über seine Eitelkeiten und Selbstherrlichkeiten ärgern, seine größer werdende ästhetische Enge, seine Strategien des Abwürgens gegenteiliger Meinungen in Diskussionen oder über was auch immer. Dass er nun aber, offensichtlich ganz spontan, den Deutschen Fernsehpreis zurückwies, gerade er, der sich mit Preisen bislang reichlich und gern dekorieren ließ, verdient Würdigung. Dabei hat er nur auf etwas reagiert, das im Grunde alle schon wissen. Unsere Medienlandschaft, im Strudel mit an der Spitze das Fernsehen, tendiert zu immer mehr Schwach- oder Blödsinn.
Ein Artikel von Reinhard Schulz.

Begründung ist das uneingeschränkte, weil angeblich demokratische Diktat der Masse. Die geballte Ladung des Blödsinns bei der Preisverleihung hat Reich-Ranicki kalt erwischt. Denn vermutlich ist es so, dass er das Zeug nie anschaltete, lieber ein Buch nahm oder mit anderen diskutierte. So abgeschirmt war für ihn die Welt noch einigermaßen heil. Es erging ihm so, wie jemandem, der zum ersten Mal in eine billige Illustrierte guckt oder zum ersten Mal bei einem Stehempfang kultureller Verantwortungsträger dabei ist. Er weiß vielleicht vorab dunstig und ungefähr, dass er hier viel Niveauloses zu sehen und zu hören bekommen wird, dann aber, in der direkten Konfrontation kulminiert es derart, dass die Eruption logische Folge ist. Reich-Ranicki hat in den Abgrund geblickt und war entsetzt.

Man könnte das nun mit der Reaktion eines Gestrigen abtun, der die Zeichen der Zeit mit ihren marktbedingten Notwendigkeiten nicht erkannt hat. Aber so einfach ist es nicht. Reich-Ranicki hat sich in seiner „Splended Isolation“ ein kulturelles Gewissen bewahrt, das bei vielen Verantwortlichen in den Medien längst am Absterben ist. Und das schlug sich nun Bahn. Dieses Gewissen aber gilt es zu bewahren, wenn man nicht will, dass die Welt in noch mehr Dumpfheit der dummen Ablenkung verfällt. Die heftige Reaktion ist ein Beben von Innen heraus. Die Seismographen schlagen noch aus, aber es droht, dass sie bald ganz abgeschaltet werden. Damit die Bildschirme in ihrer permanenten Niveauunterschreitung angeschaltet bleiben.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Ähnliche Artikel

Schönes Gesäß
01.02.2004 Ausgabe 2/04 - 53. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Martin Hufner
Namhaft
01.02.2008 Ausgabe 2/08 - 57. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Martin Hufner
Zu alt fürs Kulturradio
01.03.2006 Ausgabe 3/06 - 55. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Martin Hufner
Aufmerksamkeitsenthaltsamkeits-Atrophie
06.12.2008 Ausgabe 12/08 - 57. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Martin Hufner
cluster (2009/04) - Tom, Jerry und Lang Lang
27.03.2009 Ausgabe 4/09 - 58. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Martin Hufner
Höhere Mathematik - Cluster 2010/07
06.07.2010 Ausgabe 7/10 - 59. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Martin Hufner
Cluster 2010/11 - Neue Musik lohnt sich nicht
02.11.2010 Ausgabe 11/10 - 59. Jahrgang - Kommentar/Glosse - Gerhard Rohde