Blick in den Abgrund
Ein Artikel von Reinhard Schulz.
Begründung ist das uneingeschränkte, weil angeblich demokratische Diktat der Masse. Die geballte Ladung des Blödsinns bei der Preisverleihung hat Reich-Ranicki kalt erwischt. Denn vermutlich ist es so, dass er das Zeug nie anschaltete, lieber ein Buch nahm oder mit anderen diskutierte. So abgeschirmt war für ihn die Welt noch einigermaßen heil. Es erging ihm so, wie jemandem, der zum ersten Mal in eine billige Illustrierte guckt oder zum ersten Mal bei einem Stehempfang kultureller Verantwortungsträger dabei ist. Er weiß vielleicht vorab dunstig und ungefähr, dass er hier viel Niveauloses zu sehen und zu hören bekommen wird, dann aber, in der direkten Konfrontation kulminiert es derart, dass die Eruption logische Folge ist. Reich-Ranicki hat in den Abgrund geblickt und war entsetzt.
Man könnte das nun mit der Reaktion eines Gestrigen abtun, der die Zeichen der Zeit mit ihren marktbedingten Notwendigkeiten nicht erkannt hat. Aber so einfach ist es nicht. Reich-Ranicki hat sich in seiner „Splended Isolation“ ein kulturelles Gewissen bewahrt, das bei vielen Verantwortlichen in den Medien längst am Absterben ist. Und das schlug sich nun Bahn. Dieses Gewissen aber gilt es zu bewahren, wenn man nicht will, dass die Welt in noch mehr Dumpfheit der dummen Ablenkung verfällt. Die heftige Reaktion ist ein Beben von Innen heraus. Die Seismographen schlagen noch aus, aber es droht, dass sie bald ganz abgeschaltet werden. Damit die Bildschirme in ihrer permanenten Niveauunterschreitung angeschaltet bleiben.
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