Bologna-Prosa


(nmz) -
Der glänzenden Errungenschaften des so genannten Bologna-Prozesses sind so viele, dass eine schüttere Spalte wie diese nicht den Anspruch erheben kann, sie in ihrer Gänze zu benennen, geschweige denn zu würdigen. Hier ist beherztes enzyklopädisches Zupacken gefragt, eine Herausforderung, der wir uns im beigelegten Hochschulmagazin in redaktioneller Todesverachtung, sprich: mit einer Umfrage gestellt haben. Von B wie Berlin bis W wie Weimar geben 20 Hochschulstandorte (von 26 angeschriebenen) erschöpfend Auskunft über den Stand eines Prozesses, von dem mittlerweile die meisten wissen dürften, dass er nicht heimtückisch gegen den italienischen Ministerpräsidenten gerichtet, sondern segensreich dem europäischen Hochschulraum gewidmet ist.
Ein Artikel von Juan Martin Koch.

Die dort dokumentierten, von mehr oder weniger großem Enthusiasmus und Mitteilungsbedürfnis gekennzeichneten Antworten lassen zweierlei erkennen: Zum einen geben sich die deutschen Musikhochschulen nach anfänglicher Verunsicherung inzwischen zumindest nach außen hin einigermaßen zuversichtlich, aus der Sache nicht bloß mit heiler Haut davon kommen, sondern sogar gestärkt daraus hervor- gehen zu können. Zum anderen stehen die Studierenden den Hochschulverantwortlichen rhetorisch kaum nach, formulieren ihre Befürchtungen und sprechen Fehlentwicklungen an, die in den offiziellen Statements höchstens einmal durchscheinen.

Allen Antworten gemeinsam ist aber – und damit kehren wir zum Ausgangspunkt zurück – eine Errungenschaft, die gemeinhin zu wenig Beachtung findet: Der Reform-Prozess hat ein faszinierendes Phänomen hervorgebracht, für das die Literaturwissenschaft den griffigen Terminus „Bologna-Prosa“ entwickelt hat. Auch diesbezüglich liefert das Hochschulmagazin reiches Anschauungsmaterial – ein willkommener Nebeneffekt der Umfrage, dem wir durch entsprechend suggestive Fragen bewusst Vorschub geleistet haben: Wer „das Absolvieren zentraler Studienleistungen an Partner- und anderen ausländischen Hochschulen“ sät, wird „curriculare Mobilitätsfenster“ ernten, wer nach neuen Studiengängen fragt, wird einen „Master of Music Künstlerische Ausbildung Jazz“ als Antwort bekommen, so einfach ist das.

Erfreulich ist aber, dass jenseits dieser Sprachschätze (die deprimierende Rückschlüsse auf den bürokratischen Aufwand zulassen, dem die Hochschulen ausgesetzt sind) Begriffe ins Spiel gebracht werden, die man aus dem Dunstkreis unserer Spitzenmusiker-Schmieden bisher selten gehört hat: Die Rektorenkonferenz deutscher Musikhochschulen startet am 19. November ihre „Initiative Musikalische Bildung“, ein Aktionsjahr, das darauf aufmerksam machen soll, dass ohne eine Verbreiterung der Basis eine Aufzucht musikalischer Eliten weder gelingen kann, noch gesellschaftlich sinnstiftend ist. Es gibt Anzeichen  dafür, dass die Initiative über eine bloße Imagekampagne hinausgehen wird. Wenn nun bei der Präsidiumswahl auch noch der Schulterschluss mit dem Dachverband des deutschen Musiklebens geglückt wäre, könnte man fast euphorisch werden.

Dossier: 
Musikhochschulen

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