Cluster 2011/12 - 2

Klage eines Vaters


(nmz) -
Im Sommer war die Welt noch in Ordnung. Da schaute ich mit meiner kleinen Tochter die Bayreuther Lohengrin-Übertragung an. Sie hielt den ganzen dritten Akt aus und stellte die richtigen Fragen: „Warum ist der Prinz so sauer?“ – „Der Schwan ist ja kaputt. Nimmt der jetzt ein Taxi?“ Ansonsten turnte sie zu Miles Davis wild durch die Gegend, ahmte mit allerlei unflätigen Geräuschen Helmut Lachenmanns „Pression“ nach oder sang einfach nur „Der Mond ist aufgegangen“. Nun ist Herbst, sie ist im Kindergarten. Und wieder ist mir ein Weltbildchen zerbrochen.
Ein Artikel von Gordon Kampe.

Hinterrücks schlich es sich an meine höchstbegabte Tochter heran und kroch unangekündigt wie ein fieses, schleimiges, haariges Insekt in ihre liberalen Gehörgänge: das „neue religiöse Kinderlied“. Da war es. Es fiel beim Abendessen über uns her und ist vermutlich irreversibel. „Einfach spitzö, komm wir lohoben unsaren Herrn!“ tönte es und die Soße vor mir geronn vor Schreck zu einem matschigen Klump. Natürlich darf man das nicht verallgemeinern. Doch. Ganz dringend sogar. Also: Wer immer derlei Grausamkeiten verbreitet – Du „Neues Geistliches Lied-Produzent“, Du „Sakropopper“ – bitte fühl dich angesprochen: Hör auf mit dem Quatsch! Fasele auf hochglanzpolierten, rtl-zwei-haften Internetseiten bitte nichts von „kindgemäß“, was weißt Du von kindgemäß? Mit Deinem Kapodaster sollst Du die Saiten Deiner mies gestimmten Klampfe verkürzen, nicht die Geschmacksnerven meiner Tochter. 

Nun gut. Du willst auf Deine Tantiemen nicht verzichten. Dann halte Dich bitte an ein paar Grundregeln: Keine Anbiederungen an dämliche Umgangssprache – kein „Hey“, kein „Yo“ und bitte: Jesus war erstens kein „cooler Typ“ – und er ist zweitens auch ganz bestimmt nicht „online“! Wenn Du schon von Musik keine Ahnung hast, versaubeutele nicht auch noch die Sprache. Deine Wortspiele sind nicht pfiffig, sondern höchstens grammatikalischer Sondermüll. Außerdem, ganz dringend: Lass das Rappen sein! Wenn ich schon gekreuzte Notenköpfe sehe, dann bekomme ich multiplen Weltraumausschlag: „Volle Kanne, Bratpfanne, oho, yeah, yeah!“ (oder so ähnlich, ich hab’s verdrängt…) ist nicht lustig. Überhaupt nicht. Nun ist bald Weihnachten und ich fürchte mich vor dem Adventssingen im Kindergarten. Soweit hast Du’s gebracht. Danke! „Singt dem Herrn ein neues Lied!“ heißt es. Einverstanden. Aber, Herr, erhöre mein Flehen: Wenn schon kein Hirn, so wirf doch wenigstens ein bisschen Geschmack herunter!

 

Cluster „Klage eines Vaters“

Sie haben ein Problem. Nein, Sie klagen an! So steht es in der Überschrift. Sie klagen all diejenigen an, die nicht wie ihre superbegabte Tochter pränatal Matthäuspassion und Meistersinger vierstimmig rückwärtsharfen können, die tatsächlich noch auf althergebrachte Weise gar mit bunten Noten, Blockflöten und Gitarre, diesem Teufelswerkzeug, sich banalsten akustischen Zusammenhängen nähern - sprich, die einfach nur fröhlich Musik machen wollen. Zugegeben, zum Nobelpreis reichen die Texte von Kirchenliedern, ob alt oder neu meist nicht aus - aber sollen sie das, sollen es die Meistersinger sein? Dürfen in Zukunft nur noch studierte und hochbegabte fünfjährige in den Einrichtungen singen? Wollen Sie Aufnahmeprüfungen für windeltragende Superstars, wollen Sie zertifizierte QM-Maßnahmen für Liedblätter in Krabbelgruppen? Wollen Sie "das totale neue Kichenlied" - wie auch immer das aussehen soll? Ich verstehe Sie nicht. Draufhauen, kaputtschlagen und einfach liegenlassen. Wer sich einbildet, zu wissen, wie es besser geht, der sollte auch wissen, dass es so nicht geht. Wenn Sie Lust am Formulieren haben, schreiben Sie ein Buch. Dann entscheidet der Leser, ob er sich mit in Ihren Elfenbeinturm begibt. Ich entscheide daher für mich: Eine Zeitung, die diesen Artikel auch noch druckt, lese ich nicht mehr. Vielen Dank für die bisherigen Ausgaben, die nachfolgenden interessieren mich nicht mehr. Streichen Sie mich aus der Adressliste. Für den Advent wünsche ich dem Höhenflug Ihrer Hybris eine möglichst weiche Landung auf dem Boden der Tatsachen: Jeder Mensch darf und soll singen, und vor allem unsere Kinder. Kein Meister fällt vom Himmel. Unsere Kinder fangen klein an. Ich bin mit "Backebacke Kuchen" und "Laudato Si" groß geworden und habe als Erwachsener in der Kirche progressive Soundperformances aufgefürt. Es hat mir also nicht geschadet, im Gegenteil. Ich habe Musik und die kritische Auseinandersetzung mit Glauben von der Pike auf gelernt. Ihre Tochter kann irgendwann selbst entscheiden und braucht keinen hyper-intellektuellen Vater, dem jeder Zugang zu Gefühl und Feeling zu fehlen scheint.


Kritik von Herrn Rieger

Ach, lieber Herr Rieger, Sie tun mir ja so leid! Sollte Ihnen - der Sie ja offensichtlich, wie Ihr kritischer Einwand durchblicken lässt, ein gewisses Maß an Bildung mitbringen und nicht zu den RTL-Junkies in diesem Land gehören - entgangen sein, dass es sich bei Herrn Kampes Text um eine Kolumne handelt: also um eine literarische Kurzform, deren hervorstechendstes Stilmittel die Ironie ist? Falls nicht, sollten Sie den ersten Absatz noch einmal etwas langsamer lesen und auf die Zwischentöne acht geben. Auf das lächelnde Gesicht dahinter sozusagen… Ihre fehlgeleitete Lektüre ändert allerdings nichts an Herrn Kampes grundsätzlicher Kritik an der Sache, die meiner Meinung nach vollauf berechtigt ist. Denn das "neue geistliche Lied", um das es hier geht, ist doch tatsächlich eine der wirklichen Unsitten unserer Zeit: ein Anbiedern auf billigem Schlagerniveau. Es geht ja in der Kolumne nicht darum, dass Kinder nicht singen sollen, das steht mit keiner Silbe im Text, und auch gegen die von Ihnen genannten Lieder hat sich Herr Kampe mit keiner einzigen Silbe geäußert; es geht vielmehr darum - und da ist ihm absolut zuzustimmen -, dass dies auf einem Niveau geschehen sollte, das nicht von Verdummungsstrategien geprägt ist, sondern eine gewisse Würde wahrt. Das sind wir unserem kulturellen Erbe schuldig - sonst besteht die nächste Generation tatsächlich nur noch aus RTL-Junkies. Mit freundlichen Grüßen Stefan Drees


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