Das klingende Geheimnis der Engel
Eine Reportage aus dem Leipziger Instrumentenmuseum ·
Ein Artikel von Anja Lehmann-Tödt.
Die Frage, wie die Instrumente der Renaissance geklungen haben, beschäftigt seit Jahrzehnten ganze Heerscharen von Musikwissenschaftlern und Instrumentenbauern. Ein Glücksfall kommt der Antwort nun ein ganzes Stück näher, birgt doch der spätromantische Dom des erzgebirgischen Städtchens Freiberg einen wahren Schatz: Auf einem Sims in luftiger Höhe, zwölf Meter über dem Boden, spielt seit über 400 Jahren eine stumme Kapelle. Ihre Musiker sind Engel. Possierlich anzusehen, mit runden Pausbacken, kleinen Flügeln und goldenen Locken. Jeder hält ein Musikinstrument in den Händen, eine Laute, eine Zister oder eine Harfe, ein Schellenkranz, eine Posaune oder eben eine Schalmei. „Manche gucken sehr lustig, manche ernsthaft, manche fragend“, sagt Heller schmunzelnd. „Von den Gesten her hat man den Eindruck, dass sie gar nicht spielen, sondern ihre Instrumente bestaunen und sich erst einmal verständigen, ob sie spielen und was sie dann spielen.“ Und dies seit mehr als 400 Jahren, seit der Ausgestaltung der Begräbniskapelle im Freiberger Dom zu Ehren des Kurfürsten Moritz von Sachsen. Er, ein großer Förderer der Musik, unterhielt zu Lebzeiten eine Hofkapelle von rund dreißig Musikern. Um jenes Engagement zu würdigen, entwarf der italienische Baumeister Giovanni Maria Nosseni um 1585 einen musizierenden Engelschor für die letzte Ruhestätte des Fürsten. Erstaunliches geschah: Den Engeln wurden nicht wie sonst üblich hölzerne Attrappen in die Hände gegeben, sondern originale Instrumente, gefertigt von Instrumentenbauern der Freiberger Region, speziell aus Randeck: „Diese Instrumente aus Randeck sind keine Instrumente der Kunstkammern. Es sind schlichte Instrumente, die für sehr erschwingliche Preise auch auf der Leipziger Messe zu beziehen gewesen sind“, erläutert Heller. „Es sind Instrumente der Bergsänger, die auch mal im Freien gespielt wurden, bei festlichen Umzügen zum Beispiel. Dabei wurden sie nicht immer nur vorsichtig behandelt. Das sind wirkliche Gebrauchsinstrumente, wie wir sie sonst nirgendwo finden.“ Kunstvolle Intarsien oder Ornamente sucht man vergeblich. Die Freiberger Originale sind keine Prunkstücke. Es sind Instrumente des täglichen Gebrauchs – doch gerade das macht sie so wertvoll.
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