Das klingende Geheimnis der Engel

Eine Reportage aus dem Leipziger Instrumentenmuseum ·


(nmz) -

Das Geheimnis der Engel wird mit Feingefühl gelüftet. Schließlich ist es über 400 Jahre alt. Veit Heller, Instrumentenkundler im Leipziger Musikinstrumentenmuseum, zieht sich weiße Baumwollhandschuhe an und öffnet vorsichtig einen braunen Pappkarton, auf dem schlicht „Schalmei“ steht. Behutsam nimmt er das Instrument in seine Hände. Respekt schwingt in seiner Stimme, wenn er sagt: „Diese Freiberger Schalmeien sind die einzigen sächsischen Schalmeien, die aus dem 16. Jahrhundert überliefert sind. Andere gibt es nicht. Wir haben jetzt also zum ersten Mal die Möglichkeit zu sagen, so und nicht anders hat eine sächsische Schalmei in jener Zeit geklungen.“

Ein Artikel von Anja Lehmann-Tödt.

Ausgabe: 
6/04 - 53. Jahrgang

Die Frage, wie die Instrumente der Renaissance geklungen haben, beschäftigt seit Jahrzehnten ganze Heerscharen von Musikwissenschaftlern und Instrumentenbauern. Ein Glücksfall kommt der Antwort nun ein ganzes Stück näher, birgt doch der spätromantische Dom des erzgebirgischen Städtchens Freiberg einen wahren Schatz: Auf einem Sims in luftiger Höhe, zwölf Meter über dem Boden, spielt seit über 400 Jahren eine stumme Kapelle. Ihre Musiker sind Engel. Possierlich anzusehen, mit runden Pausbacken, kleinen Flügeln und goldenen Locken. Jeder hält ein Musikinstrument in den Händen, eine Laute, eine Zister oder eine Harfe, ein Schellenkranz, eine Posaune oder eben eine Schalmei. „Manche gucken sehr lustig, manche ernsthaft, manche fragend“, sagt Heller schmunzelnd. „Von den Gesten her hat man den Eindruck, dass sie gar nicht spielen, sondern ihre Instrumente bestaunen und sich erst einmal verständigen, ob sie spielen und was sie dann spielen.“ Und dies seit mehr als 400 Jahren, seit der Ausgestaltung der Begräbniskapelle im Freiberger Dom zu Ehren des Kurfürsten Moritz von Sachsen. Er, ein großer Förderer der Musik, unterhielt zu Lebzeiten eine Hofkapelle von rund dreißig Musikern. Um jenes Engagement zu würdigen, entwarf der italienische Baumeister Giovanni Maria Nosseni um 1585 einen musizierenden Engelschor für die letzte Ruhestätte des Fürsten. Erstaunliches geschah: Den Engeln wurden nicht wie sonst üblich hölzerne Attrappen in die Hände gegeben, sondern originale Instrumente, gefertigt von Instrumentenbauern der Freiberger Region, speziell aus Randeck: „Diese Instrumente aus Randeck sind keine Instrumente der Kunstkammern. Es sind schlichte Instrumente, die für sehr erschwingliche Preise auch auf der Leipziger Messe zu beziehen gewesen sind“, erläutert Heller. „Es sind Instrumente der Bergsänger, die auch mal im Freien gespielt wurden, bei festlichen Umzügen zum Beispiel. Dabei wurden sie nicht immer nur vorsichtig behandelt. Das sind wirkliche Gebrauchsinstrumente, wie wir sie sonst nirgendwo finden.“ Kunstvolle Intarsien oder Ornamente sucht man vergeblich. Die Freiberger Originale sind keine Prunkstücke. Es sind Instrumente des täglichen Gebrauchs – doch gerade das macht sie so wertvoll.

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