Demokratie im Netz
beckmesser 2009/09
Ein Artikel von Max Nyffeler.
Zu den diversen Musik-Piratenbörsen kamen die Gratiszeitung im Netz, das zum hemmungslosen Abschreiben ermunternde Wikipedia-Kollektivwissen und schließlich Web 2.0 mit der schwindelerregenden Zunahme von Kommunikationsformen und -kanälen, vom Blograuschen über die Internetpetition bis zum globalen Bücherklau von Google.
All diesen unterschiedlichen Webaktivitäten gemeinsam ist ein Anspruch, der gerne mit dem Wort „Demokratie“ umschrieben wird: Freiheit für das Wort, gleiche Rechte für alle Kommunikationsteilnehmer und Solidarität untereinander. Wer zur Community gehört, fühlt sich als Winner im Zeichen des unabweisbaren technischen Fortschritts, geborgen in der anonymen Masse der Gleichgesinnten. Es ist in der Tat die Macht des Faktischen, die sich hier Bahn bricht. Die alte Einwegkommunikation ist passé, der kollektive Wille der massenhaft auftretenden Einzelnen setzt sich gegenüber verbrieften Rechtstiteln, Hierarchien und Autoritäten durch. Lauter kleine Siegfriede im Netz. Doch ist das von Dauer? Dagegen spricht nicht nur die historische Erfahrung vom Scheitern spontaner Massenbewegungen, sondern auch die Tatsache, dass der Brennstoff, der diese „Bewegung“ am Laufen hält, zumeist aus fremder Substanz besteht – dem Content, den andere geschaffen haben: den Recherchen der verachteten Qualitätspresse, die ihr Copyright verteidigt, der Forschungsarbeit der „elitären“ Komponisten, deren „Sounds“ man sampelt respektive klaut. Demokratie heißt Volksherrschaft und bedeutet nicht nur gleiche Rechte für alle, sondern auch Pflichten für alle. So lange nicht klar ist, wozu sich die Wortführer der schrankenlosen Freiheit im Netz verpflichtet fühlen, außer zur Durchsetzung ihrer individuellen Interessen und Begierden, ist im Umgang mit diesem Begriff wohl eher Vorsicht am Platz.
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